Musical "Ausgetickt" in Preetz am 7. Juli 2010
(Eine Aufführung der Musicalklasse der Kreis-
musikschule Plön mit dem Emsemble "heureka")


Bericht: Andreas Hähle
Fotos: Patricia Heidrich


WENN DIE UHREN NICHT MEHR SPUREN - "AUSGETICKT"
Manches nimmt man einfach zu sehr auf die leichte Schulter. Wenn man zum Beispiel der Ansicht ist, es käme nicht so wirklich drauf an. Und vor allem dann viel zu häufig, wenn es um die Kinder geht. Aber wenn man genauer hinsieht, bleibt die Frage, und das ist äußerst politisch gemeint: Was tun wir uns eigentlich an? Warum lassen wir das zu? Warum schreien wir nicht auf? Denn während unfähige Menschen einer Kaste oder besser Sekte namens Berufspolitiker das Untergangscrescendo einer Wegwerfgesellschaft, in der auch Menschen achtlos weggeworfen werden, als Leitung unseres Staates zementieren, werden wirkliche Talente verschleudert, missachtet und sogenannten politischen Interessen geopfert. Immer "aus Vernunftsgründen" wird der Wahnsinn zur Gewohnheit. Das sollten wir nicht zulassen.

Das, was wir am 7. Juli 2010 im Friedrich-Schiller-Gymnasium zu sehen bekamen, soll es, nach bildungspolitischem Willen, ab dem 31. Juli nicht mehr geben. Die Musicalklasse der Kreismusikschule Plön ist ab diesem Termin "eingestellt". Die dort arbeitenden Menschen haben ihre Papiere bekommen und wieder werden mehr als talentierte Kinder, wie wir selber sehen konnten, der Idiotie und den allgemeinen Geschmacklosigkeiten zum Frass vorgeworfen. Irgendwann besteht die Möglichkeit der Talententfaltung, wenn das so weitergeht, nur noch im Mitspielen bei der (vor allem musikalischen, aber auch menschlichen) Horrortragödie "DSDS" und das kann und sollte nicht die Zukunft unseres Landes sein. Im Prinzip bräuchten wir wieder echte Volksvertreter in der Politik, Menschen aus den eigenen gesellschaftlichen Reihen und nicht jene, deren gesellschaftliches Umfeld aus Kolleginnen und Kollegen sowie Parteiversammlungen besteht. Menschen mit richtigen Berufen, die sie auch ausüben. Politik sollte nicht mehr als Marketingaktion für Anwaltskanzleien missbraucht werden, dann würde so eine Entscheidung nicht entstehen, bei der, wie immer, an der falschen Stelle gespart wird: Bei den anderen Menschen.

Was wir am 7. Juli vormittags in der Aula des "Friedrich-Schiller-Gymnasiums" zu sehen bekamen, verschlug uns die Sprache, nahm uns den Atem, faszinierte uns, euphorisierte uns. Da standen Kinder auf der Bühne, die überragendes gesangliches, tänzerisches, schauspielerisches Talent hatten. Unterstützt von Erwachsenen, die mit viel Einfühlungsvermögen, künstlerischem Gespür und auch Mut zu einer anderen Sprache für Kinder als die gewohnt lapidare Rolf-Zuckowski-Trallerei alles aus den Kindern herauszuarbeiten vermochten mit diesen was in ihnen steckt: nämlich kleine, aber großartige Künstler. Wenn diese die Zukunft unseres Landes sein sollen, dann stehe ich in der ersten Reihe und schreie "Hurra, Deutschland!" Aber: sie sollen es ja nicht. Eingespart, weggeworfen. Doch noch ist nicht aller Tage Abend. Zumindest die Projekte sollen weiter gehen. Dafür gründete sich eigens ein Verein "Musiktheater für Kinder e.V.", initiiert durch die sich nicht beirren lassen wollenden Eltern größtenteils, aber auch (mittlerweile ehemaligen) Mitarbeitern der Musical-Klasse.

Eingeladen wurden wir vom Ensemble "heureka", hinlänglich bekannt durch verschiedene musikalische Projekte und vor allem Theaterarbeiten (www.heureka-online.de). Das Ensemble besteht aus den Musikern Erik Kross (Piano, Keyboards, Santur/Hackbrett, Percussion), Hartmut Köllner (Fagott, Bassklarinette, Saxophon, Vocal), Detlef Bunk (Gitarren, Mandola, Mandoline) und Marcus Schloussen (E-Bässe, Kontrabass, Percussion). Diese Formation bildete für diese Aufführung das Theaterorchester, unterstützt von David Timme am Schlagzeug von der Musikhochschule Lübeck (Auch bei dieser wird bereits von Abwicklung gemunkelt).

Auf der Bühne standen 35 Kinder. Und diese führten sehr professionell, wenn auch mit kindlicher Begeisterung das Musical "Ausgetickt" auf. Das Stück stammt von Gerhard A. Meyer und Gerhard Weiler und feierte 2008 Premiere in Mannheim. Und nun in Preetz. Musikalisch eingerichtet wurde es von Erik Kross, Regie führte Prof. Stephanie Koch, die Choreographie entwickelte Svenja Fischer, die Chöre studierte Anikka Hagemeier ein, für das Bühnenbild sowie für das Licht zeichnet sich Karol Cybulla verantwortlich. Mit Karol habe ich mich auch über das Bühnenbild unterhalten können, bewunderte ich doch das skizzierte und doch praktikable Lösungsangebot fernab von jedem kindlich zu scheinendem Kitsch.

Mit dem Ensemble "heureka" konnte ich bereits am Abend zuvor einige Worte wechseln, wir kampierten gemeinsam mit ihnen auf einem Preetzer Campingplatz und schauten uns auch gemeinsam ein Fussballspiel an. So erfuhren wir etwas ausführlicher von der oben beschriebenen Misere um dieses Musical und die Musicalklasse herum. Wir fuhren deshalb am Vorabend an, weil das Stück ja bereits am Vormittag aufgeführt wurde.

Die Vorstellung wurde von so vielen Kindern besucht, dass die Aula des Friedrich-Schiller-Gymnasiums knackevoll war. Und am Ende waren diese wie auch die sie begleitenden Erzieherinnen und Erzieher restlos begeistert. Die "Stars" mussten sogar Autogramme geben.

Das Stück selbst ist schnell erzählt. Eines Morgens hatten der Radiowecker Elvis und der Aufziehwecker Bobby keine Lust mehr, ihren stressigen und teilweise wegen Kopfschlagens recht schmerzhaften Weckdienst zu verrichten und hauten einfach ab. Da hatte sich das mal ausgetickt. Im weiteren Verlauf trafen sie auf verschiedene Uhren des "alten" Uhrenvolkes, die da z.B. waren Sonnenuhr und Sanduhr. Währenddessen machten sich die Uhren, geführt von der Superuhr (Flemming Holdorf), eine Art Oberuhrenaufseher und insofern sich immer mehr als Mini-Tick-Tator entpuppend, auf die angeordnete Suche nach den beiden Ausreißern. Was die Superuhr jedoch nicht wusste war, dass das alte Uhrenvolk eine Spionin eingeschleust hatte, die in den Gefilden der Superuhr die eingesperrte Spieluhr (Leonie Landsberger) finden und befreien sollte, denn der Klang der Spieluhr, der wunderschöne zeitlose, würde die Superuhr vernichten. Die Spionin war eine einfache Armbanduhr, doch um ihre Spionagetätigkeit ausführen zu können, stellte sie sich bei der Superuhr als Rita Rolex (Magdalena Schippmann) vor, um als Sekretärin eingestellt zu werden. Und natürlich stellte die Superuhr diese ein, da war sie ganz menschlich und liess sich vom falschen Schein blenden. Nach mehreren Begegnungen und einer wundervoll gespielten und gesungenen Liebesgeschichtsentwicklung zwischen einer roten Armbanduhr (großartig im Schauspiel und im Gesang: Johanna Lüthje) und einer Taucheruhr (Tim Weber) gelangten die beiden Wecker ins Reich der Superuhr, wo sie von Rita Rolex versteckt, von den anderen Uhren entdeckt wurden, aber in all der Wirrnis die Spieluhr zu befreien vermochten. Und so die Macht der Henry-Fordschen "Zeit ist Geld"-Ideologie in Gestalt der Superuhr brachen. Das Motto "Uhren müssen spuren" war null und nichtig. Was für eine wunderschöne Parabel auch.

Und eine großartige Auführung! Sehenswert und zwar immer wieder mal. Nicht nur für Kinder. Ein großes Dankeschön an alle Beteiligten und besonders an die Kinder, an die vier Jungs von "heureka", die uns dazu einluden. Demnächst soll es nicht nur - dank des Vereins "Musiktheater für Kinder e.V." - weitere Aufführungen in Preetz geben. Nein, die Kinder werden auch nach Berlin kommen. Und da hoffen wir auf eine wunderschöne Wiederbegegnung und sagen natürlich auch hier rechtzeitig Bescheid, wenn diese Aufführung eine öffentliche sein sollte. Was zu wünschen ist. Auch den Berliner Kindern.

Hörbeispiele und weitere Informationen findet Ihr unter: www.musical-klasse.de.




Fotoimpressionen:


Erik Kross



Marcus Schloussen an den Töpfen



Camping Fußball WM



Hartmut Köllner



Detlef Bunk



"Ausgetickt"



"Heureka"



Die Aula des Schiller Gymnasiums in Preetz füllt sich



Aufziehwecker (Simon Bahr)



Öli, Superuhr und Schraubine



Superuhr (Flemming Holdorf) und Rita Rolex (Magdalena Schippmann)





"Heureka" ausgetickt



Reparatur der roten, verliebten Armbanduhr



Armbanduhr und Taucheruhr



Französische Klänge...



Pausengespräch mit Marcus Schloussen, Karol Cybulla
(Bühnenbild und Lichtdesign) und Andreas Hähle



Endlich hat Taucheruhr erkannt, dass
Armbanduhr in ihn verliebt ist



Spieluhr





Tanz mit der Sonnenuhr



Uhrenfinale





Autogrammstunde