"Coppelius" im Palais der Kulturbrauerei - oder warum man Taschentücher
nicht fallen hört
Normalerweise läuft das doch so: Du gehst auf ein Konzert, weil du die
Band kennst oder die Musikrichtung richtig gut findest. Ganz selten,
wenn überhaupt, hat man vorher keine Ahnung, was einen da erwartet. So
geschehen bei mir, vergangenen Samstag im Palais der Kulturbrauerei. Die
Herren von Coppelius hatten geladen um ihre neue Platte 'Tumult'
vorzustellen und bei der Gelegenheit einem Musikspektakel der besonderen
Art beizuwohnen. Wie bereits angedeutet, hatte ich keine Vorstellung
worauf mich da eingelassen habe. Verwunderlich, denn die Konzertologie
der Musiker lässt sich auf deren Website bis 1803 zurückverfolgen.
Durchaus wäre es so dem geneigten Musikliebhaber möglich gewesen,
Einblick in das Schaffen dieser Musiker zu bekommen, spätestens jedoch
zum Abschlusskonzert der Inchtabokatables im Jahre 2002, als sie dort
als Vorband Furore machten. Coppelius verkörpern nicht nur mit leichtem
Augenzwinkern die englishness und Kultur des 19.Jahrhunderts. Große
Gesten und der entsprechende Kleidungsstil sind das Markenzeichen. Die
Wahl der Instrumente fällt entsprechend auf Cello, Kontrabass und
Klarinetten. Nichts könnte gegensätzlicher zu der Musik sein, die
letztendlich damit gemacht wird. Allein das Schlagzeug stellt ein Tribut
an die Moderne. Ich verspreche also in Zukunft aufmerksamer zu sein.
Aufmerksamer in dieser Hinsicht waren ganz offenkundig die vielen Fans,
die ebenfalls der Einladung gefolgt sind und sich stilecht gekleidet zum
Termin im Konzertsaal einfanden.
Pünktlich ging es los mit
The Villains. Ich tue mich immer etwas schwer
darin, Musikstile eindeutig zu definieren. Im Regal würde man die vier
Jungs aus Sachsen sicher unter "Independent" finden. Ich würde die
Richtung noch mit "Akustik Rock" umschreiben - aber was für welchen!
"The Villains" bestehen aus Jan Mas (Gesang,Gitarre), René
Szatmari (Schlagzeug), Sandro Herdt (Bass) und Gerit Hecht (Piano). Sie
sind die erste Band, die auf dem neuen Label von Eric Fish (Subway to Sally)
unter Vertrag ist. Passender Weise trägt das Label den Namen Esox (lat.
Hecht). Im Moment promoten Sie ihr neues Album. "Slow Train" ist seit diesem Monat auf dem Markt. Auf deutsche-mugge gab es dazu auch schon eine Plattenrezension (Direktlink:
HIER). Den Auftritt der Vier fand ich persönlich sehr
eindrucksvoll. Die Titel gehen nach vorn und ins Ohr. Ich hab mich doch
dabei erwischt, den ein oder anderen Titel mitsingen zu wollen.
Textsicherer war Eric, der mit einem kleinen Gastauftritt die Jungs
unterstüzte, ihnen eine steile Karriere prophezeite auch wenn er sich
mehr deutsche Texte von ihnen wünscht. Unterstützung erhielten sie auch
von Rainer Michalek (Soloprogramm Eric Fish), der mit seiner tiefen
Reibeisenstimme ebenfalls auf dem Album zu hören ist.
In der Umbaupause nutzte ich die Gelegenheit mich ein bisschen unter den
Konzertgästen umzusehen. Mittlerweile ist es recht voll geworden und am
Outfit der Fans war eindeutig zu erkennen, weswegen man heute hier ist.
Der Trend ging eindeutig in Richtung Jahrhundertwende. Die Damen mit
Corsagen und Fächer und hier und da ein Zylinder. Wie sich später
herausstellte avancierten die Fächer zu einem bedeutsamen Accessoire, da
die Belüftungsanlage des Palais frühzeitig ihren Dienst quittierte.
Egal. Nachdem der Raum wieder verdunkelt wurde, erklang der Tanz der
Zuckerfee aus den Lautsprechern und der Butler Bastille betritt mit
Laterne und Staubwedel die Bühne, um sie für den Auftritt der
Herrschaften Coppelius vorzubereiten. Diese ist wie ein Wohnzimmer
gestaltet mit Tapetenaplikationen rechts und links, einem Scherenschnitt
an der Wand. Er zündet weitere Laternen an, stellt Stühle zurecht,
entstaubt das alte Röhrenradio und sucht den passenden Sender. Mit dem
Finger auf dem Mund ermahnt er die Anwesenden immer wieder zur Ruhe.
Offenbar soll kein Lärm die Würde dieses Auftrittes stören und das
Publikum verhält sich entsprechend. Man könnte aber ebenso gut vor dem
Start des Spaceshuttle um absolute Ruhe bitten. Es hat wenig Sinn aber
es hat Stil und ist ein wunderbarer Kontrast zu dem gleich Dargebotenen.
Natürlich wurde erst recht laut gejubelt, als der Rest der Band dann
endlich die Bühne betritt. Die Herrschaften nehmen Ihre Plätze ein, Graf
Lindorf blättert kritisch in einer Gazette und der Buttler trifft die
letzten Vorkehrungen.
Mit dem ersten Ton geht dann richtig die Post ab. Comte Caspar und Max
Copella wuseln mit ihren Klarinetten in einer Geschwindigkeit über die
Bühne, dass ein Fotograf aus der damaligen Zeit resignierend seine
Fotoplatten nach ihnen geschmissen hätte. Das was hier gespielt wird
könnte man als Heavy Metal bezeichnen. Kammercore nennt es die Band und
trifft damit sehr passend diese Symbiose aus Contenance und absolutem
Ausrastens. Natürlich sind vor allem Stücke vom neuen Album zu hören.
Bastille ist hierbei nicht nur Sänger und Butler sondern führt mit
diversen Moderationen durch das Programm. Immer auf die Richtige
Wortwahl bedacht, fordert er die Menge zum ausgelassenen Betragen auf.
Man geht hier nicht hin um sich die Musik anzuhören. Man geht zu einem
Coppelius Konzert um Teil dieser Show zu sein. Jeder kann dazu
beitragen, auch wenn es nur darum geht das Plätzchentablett, einen Lolli
oder eine Kerze weiter zureichen. So begab es sich, daß nach einem
verhältnismäßig ruhigem Titel mal wieder nicht geklatscht werden sollte.
Idealerweise sollte es sogar so ruhig sein, daß man ein Taschentuch auf
den Boden fallen hören kann. Bastille zählt nochmal auf, welche Arten
von Störung nicht gewünscht werden und natürlich werden genau diese von
den Fans ersteinmal ausgiebigst durchgetestet. Glücklicherweise soll die
Ruhe auch erst nach dem Titel eintreten, Zeit genug sich seelisch und
moralisch darauf vorzubereiten. Der Delinquent, der dann für lautes
Klatschen verantwortlich war, wurde übrigens mit einem Absinth
abgestraft, den er auf ex, live auf der Bühne und vom Publikum
angefeuert konsumieren durfte. Es wird ihm sicher eine Lehre gewesen sein.
Natürlich erhielten Coppelius Unterstützung durch weiteren Gastmusiker.
Eric Fish war natürlich auch hier dabei, Frau Schmitt von Subway to
Sally. Für mich sehr beeindruckend das Cello-Battle zwischen Graf
Lindorf und B.Deutung alias Tobias Unterberg von den Inchtabokatables.
Durch die angeschlossenen Effektgeräte kommen die Cello absolut
brachial. Jeder einzelne Ton wird gefeiert. Trotzdem kommt die
Information, dass es sich gerade nicht um ein Erdbeben handelt gerade
richtig. Für mich war dieses Konzert ein absolutes Highlight überhaupt.
Selten hat man auf Konzerten so viel Spaß und selten geht Musik so ab
wie bei Coppelius.
Die Belüftungsanlage fand später doch noch zu ihrer alten Form zurück,
und die Herren wurden nicht ohne zwei Zugaben von der Bühne gelassen.
Mit "da capo, da capo"-Rufen wurden diese eingefordert - stilecht
versteht sich!