Coppelius live am 21. März 2009 in Berlin
(Support: Eric Fish & The Villains)


Bericht: André Serfas
Fotos: André Serfas





"Coppelius" im Palais der Kulturbrauerei - oder warum man Taschentücher nicht fallen hört
Normalerweise läuft das doch so: Du gehst auf ein Konzert, weil du die Band kennst oder die Musikrichtung richtig gut findest. Ganz selten, wenn überhaupt, hat man vorher keine Ahnung, was einen da erwartet. So geschehen bei mir, vergangenen Samstag im Palais der Kulturbrauerei. Die Herren von Coppelius hatten geladen um ihre neue Platte 'Tumult' vorzustellen und bei der Gelegenheit einem Musikspektakel der besonderen Art beizuwohnen. Wie bereits angedeutet, hatte ich keine Vorstellung worauf mich da eingelassen habe. Verwunderlich, denn die Konzertologie der Musiker lässt sich auf deren Website bis 1803 zurückverfolgen. Durchaus wäre es so dem geneigten Musikliebhaber möglich gewesen, Einblick in das Schaffen dieser Musiker zu bekommen, spätestens jedoch zum Abschlusskonzert der Inchtabokatables im Jahre 2002, als sie dort als Vorband Furore machten. Coppelius verkörpern nicht nur mit leichtem Augenzwinkern die englishness und Kultur des 19.Jahrhunderts. Große Gesten und der entsprechende Kleidungsstil sind das Markenzeichen. Die Wahl der Instrumente fällt entsprechend auf Cello, Kontrabass und Klarinetten. Nichts könnte gegensätzlicher zu der Musik sein, die letztendlich damit gemacht wird. Allein das Schlagzeug stellt ein Tribut an die Moderne. Ich verspreche also in Zukunft aufmerksamer zu sein. Aufmerksamer in dieser Hinsicht waren ganz offenkundig die vielen Fans, die ebenfalls der Einladung gefolgt sind und sich stilecht gekleidet zum Termin im Konzertsaal einfanden.
Pünktlich ging es los mit The Villains. Ich tue mich immer etwas schwer darin, Musikstile eindeutig zu definieren. Im Regal würde man die vier Jungs aus Sachsen sicher unter "Independent" finden. Ich würde die Richtung noch mit "Akustik Rock" umschreiben - aber was für welchen! "The Villains" bestehen aus Jan Mas (Gesang,Gitarre), René Szatmari (Schlagzeug), Sandro Herdt (Bass) und Gerit Hecht (Piano). Sie sind die erste Band, die auf dem neuen Label von Eric Fish (Subway to Sally) unter Vertrag ist. Passender Weise trägt das Label den Namen Esox (lat. Hecht). Im Moment promoten Sie ihr neues Album. "Slow Train" ist seit diesem Monat auf dem Markt. Auf deutsche-mugge gab es dazu auch schon eine Plattenrezension (Direktlink: HIER). Den Auftritt der Vier fand ich persönlich sehr eindrucksvoll. Die Titel gehen nach vorn und ins Ohr. Ich hab mich doch dabei erwischt, den ein oder anderen Titel mitsingen zu wollen. Textsicherer war Eric, der mit einem kleinen Gastauftritt die Jungs unterstüzte, ihnen eine steile Karriere prophezeite auch wenn er sich mehr deutsche Texte von ihnen wünscht. Unterstützung erhielten sie auch von Rainer Michalek (Soloprogramm Eric Fish), der mit seiner tiefen Reibeisenstimme ebenfalls auf dem Album zu hören ist.
In der Umbaupause nutzte ich die Gelegenheit mich ein bisschen unter den Konzertgästen umzusehen. Mittlerweile ist es recht voll geworden und am Outfit der Fans war eindeutig zu erkennen, weswegen man heute hier ist. Der Trend ging eindeutig in Richtung Jahrhundertwende. Die Damen mit Corsagen und Fächer und hier und da ein Zylinder. Wie sich später herausstellte avancierten die Fächer zu einem bedeutsamen Accessoire, da die Belüftungsanlage des Palais frühzeitig ihren Dienst quittierte. Egal. Nachdem der Raum wieder verdunkelt wurde, erklang der Tanz der Zuckerfee aus den Lautsprechern und der Butler Bastille betritt mit Laterne und Staubwedel die Bühne, um sie für den Auftritt der Herrschaften Coppelius vorzubereiten. Diese ist wie ein Wohnzimmer gestaltet mit Tapetenaplikationen rechts und links, einem Scherenschnitt an der Wand. Er zündet weitere Laternen an, stellt Stühle zurecht, entstaubt das alte Röhrenradio und sucht den passenden Sender. Mit dem Finger auf dem Mund ermahnt er die Anwesenden immer wieder zur Ruhe. Offenbar soll kein Lärm die Würde dieses Auftrittes stören und das Publikum verhält sich entsprechend. Man könnte aber ebenso gut vor dem Start des Spaceshuttle um absolute Ruhe bitten. Es hat wenig Sinn aber es hat Stil und ist ein wunderbarer Kontrast zu dem gleich Dargebotenen. Natürlich wurde erst recht laut gejubelt, als der Rest der Band dann endlich die Bühne betritt. Die Herrschaften nehmen Ihre Plätze ein, Graf Lindorf blättert kritisch in einer Gazette und der Buttler trifft die letzten Vorkehrungen.
Mit dem ersten Ton geht dann richtig die Post ab. Comte Caspar und Max Copella wuseln mit ihren Klarinetten in einer Geschwindigkeit über die Bühne, dass ein Fotograf aus der damaligen Zeit resignierend seine Fotoplatten nach ihnen geschmissen hätte. Das was hier gespielt wird könnte man als Heavy Metal bezeichnen. Kammercore nennt es die Band und trifft damit sehr passend diese Symbiose aus Contenance und absolutem Ausrastens. Natürlich sind vor allem Stücke vom neuen Album zu hören. Bastille ist hierbei nicht nur Sänger und Butler sondern führt mit diversen Moderationen durch das Programm. Immer auf die Richtige Wortwahl bedacht, fordert er die Menge zum ausgelassenen Betragen auf. Man geht hier nicht hin um sich die Musik anzuhören. Man geht zu einem Coppelius Konzert um Teil dieser Show zu sein. Jeder kann dazu beitragen, auch wenn es nur darum geht das Plätzchentablett, einen Lolli oder eine Kerze weiter zureichen. So begab es sich, daß nach einem verhältnismäßig ruhigem Titel mal wieder nicht geklatscht werden sollte. Idealerweise sollte es sogar so ruhig sein, daß man ein Taschentuch auf den Boden fallen hören kann. Bastille zählt nochmal auf, welche Arten von Störung nicht gewünscht werden und natürlich werden genau diese von den Fans ersteinmal ausgiebigst durchgetestet. Glücklicherweise soll die Ruhe auch erst nach dem Titel eintreten, Zeit genug sich seelisch und moralisch darauf vorzubereiten. Der Delinquent, der dann für lautes Klatschen verantwortlich war, wurde übrigens mit einem Absinth abgestraft, den er auf ex, live auf der Bühne und vom Publikum angefeuert konsumieren durfte. Es wird ihm sicher eine Lehre gewesen sein. Natürlich erhielten Coppelius Unterstützung durch weiteren Gastmusiker. Eric Fish war natürlich auch hier dabei, Frau Schmitt von Subway to Sally. Für mich sehr beeindruckend das Cello-Battle zwischen Graf Lindorf und B.Deutung alias Tobias Unterberg von den Inchtabokatables. Durch die angeschlossenen Effektgeräte kommen die Cello absolut brachial. Jeder einzelne Ton wird gefeiert. Trotzdem kommt die Information, dass es sich gerade nicht um ein Erdbeben handelt gerade richtig. Für mich war dieses Konzert ein absolutes Highlight überhaupt. Selten hat man auf Konzerten so viel Spaß und selten geht Musik so ab wie bei Coppelius.
Die Belüftungsanlage fand später doch noch zu ihrer alten Form zurück, und die Herren wurden nicht ohne zwei Zugaben von der Bühne gelassen. Mit "da capo, da capo"-Rufen wurden diese eingefordert - stilecht versteht sich!





Foto Impressionen:




Support: The Villains










Das Hauptprogramm: Coppelius



























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