Bericht:
Hartmut Helms

Fotos:
Pressefotos (Textillustration)
Hartmut Helms (Liveimpressionen)






Demon's Eye - mehr als nur ein Tribut oder "Smoke over Torgau"
Vor gefühlten Tausend Jahren klang einst aus dem guten alten Dampfradio meiner Eltern Musik, die war mal wieder irgendwie anders. "Hallelujah" und "Hush" in der Version von Deep Purple verbanden die Geschmeidigkeit der Klassik mit der Urgewalt des Rock'n'Roll und stopften das Ganze in fünf überschaubare Minuten. Kaum hatte ich die Musik auf meinem Tonbandgerät Marke Qualiton konserviert und mich täglich damit neu begeistert, brach die nächste Stufe des Gewitters über mich herein. "Black Night" fuhr mir, und sicher anderen auch, regelrecht in die Knochen, pumpte mich mit Energie voll und der Körper begann wie wild zu zucken. Die Generation der Headbanger war geboren. Seither komme ich von diesem Sound nicht mehr los. Ich besorgte mir die Platten und war überglücklich, als ich mit "Who Do We Think We Are" meine erste eigene bekam. Der Wunsch, diese vor Energie und Kreativität nur so strotzende Band, das Zwiegespräch von Gillan's überschäumender Stimme und Blackmore's mit Hochspannung geladener Gitarre einmal live zu erleben, erfüllte sich erst im Oktober 1993 während der letzten Tour mit Ritchie Blackmore. Die Herren waren während der Battle Rages On-Tour zwar schon lange nicht mehr in ihrer explosiven Höchstform, aber noch immer ein Orkan, der die Massen vor der Bühne mit Energie versorgen konnte. Ich erlebte eine Band, die noch immer in einer völlig anderen Liga agierte und vor Perfektion nur so strotzte. Damals beschloss ich, diese Band erst dann wieder live erleben zu wollen, wenn der Hexenmeister himself wieder die Saiten der Gitarre zum Klingen bringen würde.

Okay, das wird wohl ein Traum bleiben und seit ich die neuesten Kreationen von Blackmore's Night kenne, glaube ich auch, es ist gut so. Hinzu kommt, dass sein instrumentaler Gegenpart Jon Lord inzwischen dem totalen Tour-Stress auch ade gesagt hat. Steve Morse mag sicher ein exzellenter Gitarrist sein, dennoch kann ich mit seiner "amerikanischen Spielweise" nicht allzu viel anfangen. Zu tief sitzt die Blaupause von Blackmore in meinen Ohren. Also einen Haken dran und gut - von wegen!
Ersten stirbt die Hoffnung ohnehin zuletzt und zweitens hatte ich von einer Band gehört, die den Heavy-Pionieren mit ebensolcher Perfektion ihren Tribut zollen sollte. Mit MUSICAL BOX (Genesis) aus Kanada und PHYISICAL GRAFFITI (Led Zeppelin) hatte ich schon einmal zwei Konzerte erlebt, die dem Original in ihrer Ausstrahlung kaum nachstanden. Also warum diesmal nicht auch, denn der deutschen Band DEMON'S EYE hatte es vor allem die Ära von Purple's Mark II angetan, also genau jene Zeit, in der es bei mir Zoom gemacht hat. Diesmal ist als Frontmann der ex-Rainbow Sänger DOOGIE WHITE mit von der Partie und deshalb sind auch Songs von RAINBOW, COVERDALE und RONNIE JAMES DIO, der Himmel möge ihm das Tragen der "Devil Horns" erlauben, im Live-Programm. Ich bin zum Platzen neugierig.

Die KULTURBASTION in Torgau ist eine von jenen Stätten, die ein ganz besonderes Flair haben und, was noch viel wichtiger ist, wo man interessante Projekte und Weltstars des Rock'n'Roll hautnah live erleben kann. Hier hatte ich schon Chris Farlowe, als er mit der Hamburg Blues Band tourte, die Hand auf die Bühne gereicht und wem diese Nähe zu viel und die Enge des Gewölbes unheimlich ist, der kann sich das Ganze draußen bei einem kühlen Bier vor einer großen Leinwand anschauen. Herz, was willst Du eigentlich mehr?
Also bin ich wieder mal zeitig genug in der Bastion von Torgau, um einen Platz direkt vor der kleinen Bühne zu ergattern. Zwischen zwei Monitorboxen und direkt vor dem Mikrofonständer ist sogar noch ein kleiner Fleck für mein Hinterteil frei. Das ist enorm wichtig für Beine, die ihren Körper schon sechs gelebte Jahrzehnte tragen (müssen). Uff, geschafft! Als weit nach 21.00 Uhr endlich das Licht verlischt, stehe ich auch wieder und rede mir ein, frisch zu sein.

Wieder einmal stelle ich erstaunt fest, dass der Typ da vorn, der sich an das Mikrofon stellt und seine Begrüßung in das Gewölbe ruft, viel kleiner ist, als ich mir vorgestellt hatte. Noch ehe ich recht zum Staunen komme, brechen auch schon aus der Gitarre die ersten Töne und - verdammt noch mal - die klingen ja wirklich, als würde da schräg vor mir Ritchie Blackmore dieses Riff aus den Saiten holen. In Bruchteilen von Sekunden bricht sich aus dem Schlauch des Gewölbes hinter mir ein aufgestauter Schrei der Erleichterung: "Burn!". DOOGIE WHITE ist ein Shouter, wie man ihn sich wünscht. Kraftvoll und mit viel Ausdruck in der Stimme und einer Mimik zum "Mitlesen" singt er die Hymne des 1974er Albums, als hätte nicht Coverdale, sondern er damals im Studio gestanden. Es ist unglaublich, aber es ist tatsächlich der Sound jener Zeit, der mir da glasklar in die Ohren jagt und der von einer Gitarre dominiert wird, die ich so sehr vermisst hatte. Noch ehe ich die Adrenalinstöße richtig genießen kann, kriege ich bei "Stormbringer" schon den nächsten Schauer auf dem Rücken. Vor mir agiert ein Orkan und hinter mir tobt und jubelt die Masse.

Doch DEMON'S EYE sind alles andere als eine reine Tribut-Band. Obwohl sie die Originale perfekt nachempfinden, ihnen beinahe ihren eigenen Stempel verpassen, haben sie außerdem die Songs ihrer ersten eigenen und sehr aktuellen CD im Gepäck und wenn ich mich nicht genau auskennen würde, wäre der Unterschied schlicht Null. "The Unknown Stranger" (Der unbekannte Fremde) vom Debut-Album "The Stranger Within" hat alles, was Deep Purple oder Whitesnake nicht auch hätten auch auf CD brennen lassen können, und "Sins Of The Father" (Die Sünden des Vaters) ist die klassische Hard-Rock-Ballade schlechthin, die der nachfolgenden "Ariel" in nichts nachsteht. Die Musiker da auf dem viel zu kleinen Podest lassen die Stile von Purple, Whitesnake und Rainbow miteinander verschmelzen, als wäre es die leichteste Sache dieser Musikwelt.


Pressefoto www.demonseye.com

Aus dem Dunkel des Bühnenhintergrundes, von dort, wo der blonde FLORIAN PRITSCH an den Tasten agiert, erklingen dumpfe Orgel-Akkorde, die sich langsam aufbauen, beinahe drohend wirken und sich letztlich im Sound von "Perfect Strangers" auflösen. Der kräftige Rhythmus dazu kommt von ANDREE SCHNEIDER, dem einzig noch verbliebenen Gründungsmitglieder der Band, und MAIK KELLER spielt dazu einen Bass, der nahe dem von Roger Glover den Drive und den Druck der Band ausmacht. Der "Man in Black" an der weißen Fender Stratocaster fasziniert mich vom ersten Moment an. Sein einzigartiges Saitenspiel ist derart stark von Blackmore geprägt, dass es einem den Atem verschlägt. Und dennoch, wer den großen Meister einmal live erlebt hat, wird schnell merken, dass MARK ZYK seinen ganz eigenen, sehr effektiven und hochexplosiven Stil entwickelt hat. Er ist schnell wie Blackmore, spielt rasant flinke Soli, greift dabei schon mal locker für einen kompletten Lauf von oben über den Gitarrenhals und wenn ihm der Augenblick geeignet scheint, rutscht er in sich zusammen, legt sich das Instrument mit dem Hals Richtung Boden über den Oberschenkel und bearbeitet die sechs Saiten wie ein Derwisch mit 10 Fingern, ohne dabei den Ablauf eines Solos ins Stocken zu bringen. Dabei wimmert und schreit die Strat oder klingt zärtlich, wie von Geisterhänden gezupft, von weit irgendwo her. Da spielt einer eine Gitarre mit absoluter Hingabe und wahnsinnig weit weg von dem, was andere vielleicht Perfektion nennen würden. MARK ZYK lebt seine Stratocaster und jeden einzelnen Ton, den er sie gebären lässt. Könnte sein, Blackmore würde vor Neid platzen, wenn er dies erleben würde. Hier hat jemand den Blackmore als Vorbild genommen und dessen Stil weiter entwickelt und spielt nun in einer gänzlich anderen Liga, die keine engen Vorbilder mehr braucht!

Der Klassiker "Child In Time" kommt von der Bühne, als hätte ihn die Band in die Gegenwart moduliert. Klar sind die typischen Orgel-Akzente zu hören und natürlich kommt das Gitarrenspiel authentisch und dennoch spürt man die Kreativität, dem Song neues hinzu zu fügen. DOOGIE WHITE singt nicht, er erzählt die Story und schreit seine Angst mit uns gemeinsam heraus: "Wait fort he ricochet."
Mit der gleichen Urgewalt bricht das vom Blues getränkte "Mistreated" über mich herein, das sich DOOGIE förmlich aus der Seele zu reißen scheint und der laszive Blues lässt die Saiten von MARK's weißer Stratocaster schmerzhaft jammern, jaulen und krachen. Mit ihrer eigenen Komposition "Far Over The Rainbow" erinnert die Band gefühlvoll an einen der ganz großen dieses Genres, an Ronnie James Dio. Passend dazu folgt danach "Catch The Rainbow" und ich spüre, so groß ist der Unterschied zwischen Dio und White gar nicht. Nur eben, dass ich Doogie White vor mir direkt in das Gesicht sehen, und wenn das Mikro mal wieder eine Macke hat, seine Stimme auch ohne gut hören kann.


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Wer dereinst ein Konzert von Deep Purple besuchte und dies noch immer tut, der erwartet natürlich auch, das ultimative Heavy-Riff von "Smoke On the Water" in die Ohren gepresst zu bekommen. In meinem Regal steht ein Video, auf dem Ritchie Blackmore dieses Riff erklärt, es demonstriert und zeigt, wie man es spielen muss, damit es so klingt, wie es klingt. Das hab' ich mir irgendwann mal eingeprägt, nur das Spielen desselben liegt für immer im Reich der Unmöglichkeiten. Das scheint außer auf mich, auch auf viele andere zuzutreffen und selbst der aktuelle Gitarrenmeister des Originals, Steve Morse, benutzt ein Plectrum, um die Saiten anzuschlagen, statt sie wechselnd mit den Fingern zu reißen und blitzschnell wieder zu stoppen. Dass es dennoch geht und dann eben genau so klingt, brachial und forztrocken, so, wie es eben klingen muss, das demonstrierte gestern MARK ZYK, und es war eine Offenbarung! Hey, Hallo! So klingt "Smoke On The Water" und alles andere ist kalter Rauch und kein "fire in the sky"!

Am Ende des Konzertes gibt's noch mal zwei richtige Kracher. "Eval Comes This Way" ist ein weiterer Song von der brandneuen CD der "Dämonischen Augen", und beim legendären "Highway Star" bekommt das Ganze den abschließenden Speed für die Heimfahrt. Noch einmal der klassische Sound von Mark II und noch einmal darf man die Gitarrenzaubereien eines MARK ZYK bewundern, der beinahe unbeeindruckt von der Begeisterung vor ihm, so wie Hexer Blackmore auch, die Töne zieht, an ihnen zerrt und sie dehnt, um ihnen dann doch den Freiraum zu lassen, sich wie in einem Orkan auszutoben. Dann treten die fünf Herren ab und ich steh' noch eine Weile vor der nunmehr leeren Bühne, um mich erst mal wieder neu zu sortieren. Beim anschließenden "Meet & Greet", also "Treffen und Quatschen", bin ich dann wieder dabei, um mir ein paar Signaturen abzuholen, Worte zu wechseln und danach zufrieden, glücklich und ein wenig kaputt in meinem silbernen Blechfreund dem schwarzen Asphaltband und dem Kegel der Scheinwerfer zu folgen. Erst irgendwo in der Nacht hab' ich dann bemerkt, dass ich mir eigentlich die neue CD auch kaufen und signieren lassen wollte. Pech gehabt und dennoch. Es war toll, überwältigend und ein eindrucksvolles Erlebnis. Wäre dem nicht so, hätte ich mir die Zeit in der gemütlichen Kulturbastion in Torgau und die zum Schreiben geschenkt. Aber dann hätte ich auch etwas Einmaliges verpasst, und wer will das schon freiwillig?

Nachtrag: In Zeiten immer knapper werdender finanzieller Mittel gerade auch für Kultur und Kunst, ist es beachtlich und nicht hoch genug zu loben, wenn sich Menschen bemühen, ein breites und interessantes kulturelles und künstlerisches Angebot zu organisieren. In der Kulturbastion Torgau gelingt dies immer wieder neu, das habe ich jetzt schon mehrfach erleben dürfen. Es ist kurzweilig, dort Zeit zu verbringen sowie die Freude und das Engagement der Mitarbeiter zu spüren. Ohne all die guten und freundlichen Geister dieser Einrichtung wäre jedes noch so hochklassige Event schlicht zum Scheitern verurteilt. Deshalb auch auf diesem Wege - DANKESCHÖN Euch allen!





Fotoimpressionen: