East Blues Experience live in Dresden am 25. Februar 2011




Bericht:
Hartmut Helms

Fotos:
Robert Schultze (Illustration),
Hartmut Helms (Live-Fotos)






Eine Begegnung mit Bluesmusik ist für mich stets etwas besonderes. Eine Begegnung mit Blues "aus dem Osten" erst recht, denn eigentlich fehlen dem "Ost-Blues" nach gängigem Allgemeinverständnis die historischen Wurzeln. Dennoch soll Alexis Korner in den 80ern mal sinngemäß formuliert haben, dass nirgends der Blues besser verstanden würde, als in Texas und in der DDR. Okay, die DDR is' futsch, aber so'n paar "Bekloppte" wie ich oder mein Kumpel Falk aus DD sind immer noch da. Wir beide wissen, wer jemals Kerth, Diestelmann, Biebl, Zenit oder Travelling Blues live erlebt hat, wer gar Nalepa & Breakout oder die Hobo Blues Band kannte, weiß von der besonderen Faszination, die Blues von hierzulande und nebenan transportieren konnte und kann. So mancher große Musiker mit echten Blueswurzeln spricht mit Begeisterung von dem, was er hier bei Konzerten erlebte. Von all dem brauchte auch ich mal wieder eine Schippe voll Nachschlag, dachte ich mir, und die wurde - na wo? - in der TANTE JU verteilt.


East Blues Experience
(Foto: Robert Schultze)

EAST BLUES EXPERIENCE ist ein Berliner Kind, geboren in den Großstadtwirren von 1991 und vom Sänger und Gitarristen PETER SCHMIDT aufgezogen. Ehemalige Musiker von Zenit wechselten die Plätze an der Seite von PETER SCHMIDT mit Musikern der Berliner Szene. Der Stil jedoch, ein Mix von Tradition und Moderne, gebunden an die Ideen und Spielweise von Mastermind Schmidt, der blieb über nunmehr vier CD-Veröffentlichungen erhalten. Im Jahre 2005 gab es eine Abschiedstour, doch nun sind EBE wieder da und ergo auch wieder live zu erleben. Nix wie hin, dachte ich mir und so kam es, dass Falk aus DD, wie vor 30 Jahren in EE, neben mir stand, als die drei Herren auf die Bühne stiegen.

Der Mittfünfziger PETER SCHMIDT trägt seine 40 Jahre Bühnenerfahrung ziemlich locker und flockig. Nach einem kurzen Blick in den noch stummen Saal ("Seid ihr eigentlich alle da?") ließ er seine Gitarre sprechen. "Prodigal Pig" erweckte uns alle mit locker knackigen Südstaatenriffs aus der Warteschleife. Da vorn steht das klassische Experience Line-Up mit Gitarre, Bass und Drums und klatscht uns im Stil von ZZ Top den Rhythm & Blues um die Ohren. RONNY DEHN hinter seinem Schlagzeug, zunächst stehend(!), drischt den treibenden Beat unter das entfesselte Spiel der Gitarre. Gemeinsam mit RAINER ENGELMANN am Bass bilden sie eine bestens eingespielte Rhythmusgruppe, der man den Spaß am Spiel sichtlich anmerkt.
Zunächst bedienen sich die drei Herren am eigenen Songmaterial, dem man die Anleihen von Südstaatenfeeling, Americana oder cooler eleganter englischer Spielweise im Stil eines Eric Clapton oder John Mayall kaum noch anmerkt. Der Mann aus heimischen Gefilden hat schon längst sein eigenes Ding gefunden, wie bei "Free Fools" oder später beim "V10 Boogie" deutlich zu spüren ist. Der lässt sich nicht in so einer Schublade festnageln, sondern pendelt zielsicher zwischen den Stühlen umher, was ihm auch sichtlich die Freude ins Gesicht schreibt.
Noch deutlicher wird das, wenn er sich John Mayall's "Walkin' On Sunset" oder von Neil Young "Alabama" vornimmt. Da verschwimmen die vorgegebenen Strukturen, und der Mann an der Gitarre drückt den Vorgaben seinen ganz individuellen Stempel auf. In solchen Momenten spürt man die 40 Jahre Musikantenleben, die auf den Bünden seiner ziemlich abgewetzten Gitarre einen ganz eigenen Klang entstehen lassen.

Für die nächsten Songs wird ein Überraschungsgast angekündigt und als sich zunächst nichts tut, verlässt Ronny Dehn kurzerhand seinen Platz hinter dem Schlagzeug, um seinen Sohn ADRIAN auf die Bühne zu holen. Der ist nämlich gemeint. Ich glaube meinen Augen nicht zu trauen. Da oben steht ein zierlich wirkender junger Typ mit einer Mähne, die der Jüngling wohl aus einem alten vergilbten Exemplar des legendären Musical Express der 70er Jahre abgekupfert haben muss. Anders kann ich mir diese saugeile Socke (statt 2 Kilo Haargel) nicht erklären. Von nun an wird gemeinsam mit den Saiten gezaubert. "Tougher Than The Rest" vom "Boss" Springsteen ist ja schon eine geile Nummer an sich, aber was die da oben daraus machen, geht schlichtweg an die Seele und offenbart die Erfahrung (Experience), tief in das Herz solcher Vorbilder hinein fühlen zu können und trotzdem seinen eigenen Intentionen zu folgen. Respekt!


East Blues Experience
(Foto: Robert Schultze)

Auch wenn ab und an Anleihen von großen Namen aufblitzen, Hendrix, Mayal, Clapton, Curvitz oder Ray Vaughan lassen grüßen, mit ihren eigenen Krachern wie "V10 Boogie", "Red Balloon" oder "Booze Blues" spielt die EBE in ihrer ganz eigenen Liga und lässt es gewaltig krachen. Der 14-jährige ADRIAN DEHN fügt sich nahtlos und unauffällig ein, aber wenn der "Chef" ihm ein Zeichen gibt, ist der Kerl nicht mehr zu bändigen. Dann schreien, heulen und wimmern die Saiten den Blues, dass es eine wahre Freude ist, diesem Talent beim Spiel auf die Finger und ins Gesicht zu sehen. Mann, oh Mann!

Die drei rocken sich "quer durch den eigenen Gemüsegarten" ihrer vergangenen Tage und bringen dabei wahre Perlen zum Klingen. Rotzige Gitarrenläufe wechseln mit Einlagen vom Bass und Drums ("Brand New Look"), beinahe Rockabilly-Anleihen wechseln mit gefühlvoll gesungenen Balladen, die so ganz nebenbei auch einen grandiosen Sänger Schmidt mit geliehenem amerikanischen Slang offenbaren, der sich tief in den Blues fallen lassen kann. Bei "Cold Shot" von Steve Ray Vaughan steht ADRIAN wieder mit auf der Bühne und neben mir stehen zwei stolze Großeltern mit einer Digi-Cam in der Hand und einem Lächeln im Gesicht. Was muss das für ein Gefühl sein, wenn man zusehen darf, wie der eigene Enkel da oben so manchem "Großen" einfach mal so "den Arsch abspielt". Der zaubert bei "Crosstown Traffic" von olle Hendrix eine Gitarre in die Tante Ju, dass es eine wahre Freude ist, diese Hingabe zu erleben. Glückwunsch Oma, aus deinem Enkel kann mal ein wirklich Großer werden und dem Papa hinter der Schießbude blitzt der Stolz ebenfalls aus beiden Augen.
Gemeinsam rocken, bluesen und treiben sich die drei Herren und ein Jungspund über "Right Away" und "Hey Honey" in den Zugabenteil und zum "Hoochie Coochie Man" von Blues - Veteran Muddy Waters. Vor ihnen wackeln die letzten in die Jahre gekommenen Kunden, die linke Hand in der Hosentasche und die rechte hält eine Bierflasche umklammert. So feierten wir schon vor 40 Jahren die 12 Takte, nur sind wir alle inzwischen etwas grauer und reifer geworden, so wie unsere Musik auch. Mit dieser Hommage und Erinnerung an eines ihrer Vorbilder und einem mitreißenden "Sweet Jesus" verklingen die letzten Blues-Takte in der nunmehr siebenjährigen TANTE JU zu Dresden. Die dann nach Hause gehen und fahren, sind um eine "Ost Blues Erfahrung" reicher und eine durchlebte Blues-Nacht glücklicher. Nun weiß ich auch wieder, warum Alexis Korner diesen Satz aussprach und John Mayall gern im Osten spielte.

Dieser Abend war ganz nach meinem Geschmack. Eine Band, die nur auf Musik und Spaß aus ist, exzellente Instrumentalisten in ausgelassener Spiellaune und ein 14-jähriger "Schnösel", der einigen noch das Fürchten lehren wird. Selbst wenn man meint, Blues müsse auch mal dreckig klingen, so bleibt seine Botschaft doch immer ehrlich und ohne Schnörkel und genau das ist es, was ich manchmal so sehr vermisse. Bei der EAST BLUES EXPERIENCE war das alles wieder da - mehr davon, Jungs, und möglichst bald!





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