EXTRABREIT und NO BRAKES live
am 13. August 2009 in Marne

("Dithmarscher Rockfestival" - erster Tag)


Bericht: Holger Stürenburg
Foto: Pressefotos





Kult aus Hagen (Wstf.): EXTRABREIT

Seit 2004 findet jährlich im Hochsommer im schleswig-holsteinischen Marne, nahe der Nordsee, das "Dithmarscher Rockfestival" statt. Was als rein regionale Veranstaltung, mit überwiegend lokalen Bands bestückt, begann, hat inzwischen in ganz Norddeutschland immens an Reputation und Beliebtheit gewonnen. Immer wieder und zunehmend gelang es den Veranstaltern, auch bundesweit bzw. sogar international angesehene Acts zu buchen, wobei ‚moderne' Rockklänge der Jetztzeit seit jeher bei der Künstlerauswahl im Vordergrund stehen. Ab und an aber kamen gleichsam Gruppen, die in erster Linie reifere Semester ansprechen, zum Einsatz. So auch 2009, am Donnerstag, dem 13. August, dem ersten Festivaltag von insgesamt dreien, die Hagener NDW-Legende "Extrabreit", seit über einem Vierteljahrhundert ein absoluter Topfavorit des Verfassers dieser Zeilen.
Da traf es sich ganz gut, daß am selben Tag eine junge, überaus talentierte Nachwuchsband aus Heide/Holstein namens "NO BRAKES" dort gastierte. Deren Songschreiber, zweiten Gitarristen und zweiten Sänger, Tjark Glindemann (21), hatte ich Ende Dezember 2008 per Zufall auf dem Hamburger Konzert von Udo Lindenbergs Gitarrero Hannes Bauer und seinem "Orchester Gnadenlos" kennen gelernt - man freundete sich an und plante, irgendwann mal ein Treffen vor Ort durchzuführen, damit ich auch mal die restlichen Mitstreiter der sehr begabten Nachwuchshelden in Augenschein nehmen und mit denselben den weiteren Verlauf ihrer vielversprechend begonnen habenden Karriere erörtern könne. Aufgrund zeitweiliger bandinterner wie privater Probleme, verzögerte sich dieses Vorhaben dennoch immer wieder, bis das diesjährige "Dithmarscher Rockfestival" den geeigneten Aufhänger hierfür bot. Die Tatsache, daß sowohl die "No Brakes", als auch "die Breiten", an ein und demselben Tag dort ihr Stelldichein geben sollten, lockte mich von meinem wie immer prallgefüllten Schreibtisch nach über 16 Jahren mal wieder in den so ungewöhnlichen, wie schier faszinierenden Landstrich Dithmarschen, in dem ich in meiner Jugend (als gewisse Damen aus jener Gegend, die letztlich für meinen erneuten Draht dorthin die Urverantwortung trugen, noch gar nicht geboren waren!) so einige schöne Stunden und Tage zu erleben vermochte.
Die "No Brakes" wurden 2006 gegründet und bestehen aus Sängerin Kjersti Schümann (21), Leadgitarrist Thilo Jöhnk (20), Schlagzeuger Daniel Pleyer (33) und eben Tjark Glindemann (21). Für den Auftritt in Marne nahm Niklas Bayer (20) von der Band "Animaljack" die Rolle des Ersatzbassisten ein, da der feste Instrumentalist Björn Peters (22) an jenem Tage aus berufsschultechnischen Gründen verhindert war. Das plietsche Quintett brilliert mit einer Mixtur aus ‚aktuellen' Punk-, Alternative- und Rocksounds, zumeist auf drastischer Gitarrenbasis arrangiert, die - und hier wurde "Alt-86er" Holger S. schnell hellhörig - jedoch von klassischen 80er-Jahre-New-Wave-Klängen hervorragend, trefflich und pointiert untermauert werden. Der Kundige vernimmt umgehend unüberhörbar Einflüsse, etwa der frühen "Pretenders", von "Blondie", "Siouxsie & the Banshees", gar Nina Hagen oder der Erstbesetzung von "Fischer-Z", ergo von Künstlern, die ihre besten Zeiten bereits längst hinter sich hatten, als die Mitglieder der "No Brakes" gerade erst das Licht der Welt erblickten. Somit besteht die Option, daß die fünf DithmarscherInnen es fraglos schaffen könnten, sowohl undogmatische Altersgenossen, als auch konsequente Anhänger genannter 80er-Altstars gleichermaßen anzusprechen und zu begeistern. Im Jahr 2008 gewannen sie mit deutlichem Vorsprung den "Onstage Bandcontest" der Dithmarscher Musikschule, was dazu führte, daß die "No Brakes" zwei ihrer Titel professionell im Studio einspielen und abmischen durften, und sie darüber hinaus zugesagt bekamen, 2009 eben auf dem "Dithmarscher Rockfestival" auftreten zu dürfen.

NO BRAKES

Dies geschah an jenem denkwürdigen Donnerstagabend gegen fünf nach Acht im sog. "Partyzelt". Vor ca. 150, mehrheitlich jungen Fans, präsentierten die "No Brakes", nach einem punkigen Intro, elf profunde Eigenkompositionen, darunter zwei Premieren, ergo noch nie zuvor ‚live' aufgeführte, neue Stücke, die - nur ganz, ganz wenig anders arrangiert - zur Hochphase der klassischen New-Wave-Ära, 1979/80, allesamt unverbrüchliche Hitchancen gehabt hätten - und mit einigem Glück, selbst 2009/10, zu vollkommen "uncoolen" Zeiten, noch haben werden! Eingängige, ambitionierte Titel der Sorte "The Compromise", "Before I go", "Breakdown" oder "About you", bestechen durch äußerst passend austarierte und stets treffliche Experimente mit New Wave, Gitarrenrock, gar Reggae, einwenig Ska; auch funkige Elemente und entfernt an US-amerikanischen Adult Orientated Rock gemahnende Fragmente kommen in den durchwegs gelungenen, wenn auch manchmal noch (!) einwenig zu gleichförmigen Songs zum Zuge. Das Konzept der "No Brakes" lebt nicht nur von regelmäßig, meist unverhofft einsetzenden Tempowechseln, sondern vor allem Dank der intensiven, eindringlichen, leicht traurig-romantischen, nervösen, im positivsten Sinne des Wortes "hysterischen" Stimme der aktuellen Frontfrau Kjersti Schümann. Ich gebe zu, bislang nur sehr, sehr selten eine so kraftvolle, überzeugende Stimme bei einer derart jungen Hobbysängerin gehört zu haben. Des Rezensenten persönlicher Favorit der "No Brakes" ist die auch inhaltlich enorm überzeugende New-Wave-Nummer "Next to Bella", die bereits als fertige Studioproduktion vorliegt, und selbstverständlich von ihren Erschaffern ebenso bei ihrem Auftritt berücksichtigt wurde, wie der zweite Studiotrack "See the World". "Ready to fly", ein - von mir zuvor noch nicht gehörter - überaus temporeicher, druckvoller Titel, erinnert hinsichtlich seiner Rasanz, seiner überbordenden Intensität, Dramatik und Dynamik zweifellos an "The French let her" aus dem ersten Album von "Fischer-Z", "Word Salad" (1979), das von jeher zu meinen ureigenen Lieblingsliedern von John Watts und Co. zählt. Nach dem im mittleren Tempo gehaltenen, AOR-ähnlichen Poprocker "Fading away", beschloß eine rundum glückliche Band ihren 45minütigen Auftritt im "Partyzelt" des "Dithmarscher Rockfestivals".
Es folgten nun konstruktive Gespräche mit den einzelnen Mitgliedern, Tips und Ratschläge für das weitere Fortkommen der "No Brakes", die Vereinbarung einer künftigen ergebnisorientierten Zusammenarbeit zwischen Band und Rezensent (sowie ein paar sonnenbrillengeschützte, verschämte Blicke desselben in die Richtung eines Augenpaares, das sich bedauerlicherweise offenkundig als nicht so "heilend" erwiesen hatte, wie zunächst eigentlich angenommen bzw. erhofft!). Die jungen Leute der "No Brakes" haben auf jeden Fall eine große Zukunft vor sich. Sie besitzen Substanz, Kreativität, Charme, Eigenständigkeit und gute musikalische Grundlagen. Ob die Entscheidung, vorerst ausschließlich auf Englisch zu singen, bzw. auf die Nutzung eines Keyboards bei Arrangement und Umsetzung zu verzichten, der Weisheit letzter Schluß ist, bleibt in der Diskussion. Die Grundkonzeption steht und stimmt - also müssen wir nun sehen, wie das ganze sich entwickelt!

"Die Breiten": Extrabreit...

Ja, und um kurz nach 22.00 Uhr betrat der zweite wichtige Grund, weshalb der Rezensent die weite Reise von Hamburg nach Marne unternommen hatte, diesmal die Hauptbühne des Festivalgeländes: Kai Hawaii (voc), Stefan Kleinkrieg (git), sowie Bubi Hönig (git), Lars Larson (b) und Rolf Möller (dr), uns allen besser bekannt als "EXTRABREIT", der einzige traditionelle 80er-Jahre-Act im Setup des diesjährigen "Dithmarscher Rockfestivals", versetzte mit einem grandios ausgewählten Programm aus allseits Geläufigem und neuerem, nicht weniger interessanten Material das Publikum generationenübergreifend in höchste Partystimmung.
Die bunte, dabei aber durchgehend selbstironisch agierende Punkband aus Hagen feierte 2008 ihren bereits dritten Frühling. Nach ihrer großen Hitphase während der Irrungen und Wirrungen der seinerzeit alles beherrschenden Neuen Deutschen Welle (NDW) zwischen 1980 und ca. 1984, starteten die "Breiten", von denen heutzutage nur noch Hawaii und Kleinkrieg aus der Urformation übrig geblieben sind, 1990/91 im Verlauf eines kurzzeitigen NDW-Revivals, mit harten Rocksongs und mal beißend zynischen, mal tiefsinnig philosophischen Textinhalten eine wunderbare Reanimation ihrer klanglichen Ideen, um sich 1998 - angeblich - dauerhaft aufzulösen. Doch 2002/03 stand ein weiteres Comeback auf der Agenda. Es erfolgten erste Auftritte auf Festivals sowie Kurztourneen durch kleine Clubs, zudem erschien unerwartet (und m.E. überstürzt) die eher durchwachsene CD "Frieden" (2005), bevor die "Breiten" im Frühjahr 2008 das phänomenale Opus "Neues von Hiob" (Rodeostar Records/Cargo) vorlegten, welches durch Klasse Rock'n'Roll-Melodien, versehen mit bissigen, ironischen, zumeist zeitgeistkritischen Texten besticht und ohne Frage zu den besten, eindringlichsten und prägnantesten Deutschrockproduktionen des neuen Jahrtausends gerechnet werden muß, selbst, wenn die kommerziellen Hoffnungen, die Band und Beinhart-Fans gerade in dieses Meisterwerk gesetzt hatten, bislang leider nicht erfüllt werden konnten.
Nichtsdestotrotz, feierten die Anwesenden in Marne eine gutgelaunte, spielfreudige Band; sogar jüngere Semester sangen deren klassische 80er-Jahre-Stellungnahmen Wort für Wort und lautstark mit. Nach einer kurzen Ouvertüre legten Kai, Stefan und die Ihren mit der, laut eigener Aussage, am 14. April 1980 veröffentlichten, nun von einem balladesken, im Tempo gezügelten Intro eingeleiteten, allerersten "Extrabreit"-Single überhaupt los: "Hart, wie Marmelade" genießt längst Evergreenstatus und stellt zudem längst so etwas wie eine Art ‚Erkennungsmelodie' der "Breiten" dar. Es folgten eine lyrisch leicht abgeänderte Vergackeierung der sich anbahnenden "Bonner Wende" 1982, "Glück & Geld", und der so brillante, wie brisante, optionale Kulthit "Andreas Baaders Sonnenbrille", entnommen der Spitzen-CD/-Doppel-LP "Neues von Hiob". Der mit einem ellenlangen Gitarrensolo verfeinerte "Bullenblues" (Zitat: Kai Hawaii) "Polizisten" (1980) führte nochmals zurück in die tiefsten 80er Jahre, bevor das Folgedezennium mit dem nachdenklichen, damals im Duett im Harald Juhnke aufgenommenen Poprocker "Nichts ist für immer" (1996) und dem krassen ‚Anti-Liebeslied' "Jeden Tag, jede Nacht" (dto.) kurz, aber liebenswert gestreift wurde. Die wiederum lyrisch konsequent zupackende "Nachkriegs-Halbballade" (Kai H.) "Besatzungskind", die genialische Ode auf alle Teenageridole dieser Welt, "Ruhm" (1984), der 1982er-Gassenhauer "Kleptomanie", die verrockte Fassung des legendären Hildegard-Knef-Chansons "Für mich soll's rote Rosen regnen" (1992), sowie die beiden äußerst sympathischen "Neues von Hiob"-Beiträge "Küß mich" (mal wieder ein nur als perfekt zu bezeichnender Text!) und "Tanzen" (aktuelle Singleauskoppelung!), leiteten über in die Abteilung ultraschneller, ultrakurzer, ultradraller, eben 'ultrabreiter' Radikalpunk, bestehend aus "Liebling" (1982, hier übernahm diesmal Stefan Kleinkrieg den Hauptgesang), "Lottokönig" (1980), "Sturzflug" (dto.), "Extrabreit" (dto.) und "3-D" (1981). Der größte Hit von "Extrabreit" - der übrigens nicht aus ihrer eigenen Feder stammt - hieß "Flieger, grüß mir die Sonne". Obwohl bei seiner Erstveröffentlichung 1980 "nur" Single-B-Seite der ultimativen, rotzfrechen Teenagerode "Hurra, Hurra, die Schule brennt", entbrannte das sagenumwobene ‚Fliegerlied' (im Original von Hans Albers, 1932) vor 20 Jahren mittels einer munteren, aufgepeppten Neuauflage im Zuge von Mauerfall und Wiedervereinigung, eine kurze, aber rasante und energetische Rückbesinnung auf die Tage der NDW, ergo auf "Die Zeit unseres Leben" (wie es im aktuellen Singletitel der Genre-Kollegen von "Geier Sturzflug" so schön heißt, der sich mit ebenjener Phase ironisch und melancholisch zugleich auseinandersetzt!) - und gilt seitdem als kongenialer Fetenklassiker per Excellanze, der den tanzwütigen Kids des Jahres 2009 genauso vertraut ist, wie natürlich uns unverbesserlichen 80er-Apologeten.

Extrabreit zur NDW-Zeit, Anfang der 80er

Damit endete der offizielle Teil der "Extrabreit"-Aufwartung zu Dithmarschen. Doch das junggebliebene Quintett, das auch im 30. Jahr seines Bestehens bundesweit den Ruf einer perfekten Livekapelle genießt und diesen sogar noch stetig ausbaut, ließ sich nicht zweimal bitten und kehrte zu der ausgiebigen Zelebration des so bedrohlich, wie intensiv und authentisch wirkenden Klangdramas "Der Präsident ist tot", damals entstanden in Anbetracht des Attentats auf US-Präsident Ronald Reagan vom 30. März 1981, und - wie kann es anders sein? - der augenzwinkernden Glorifizierung der "glimmenden Lehranstalt" selbstverständlich nochmals auf die Bühne zurück und entließen erst danach eine hingerissene und begeisterte Fangemeinde in die kühle Nordsee-Nachtluft.
"Extrabreit" sind auch und gerade 2009 weiterhin eine feste Institution des einheimischen Konzertwesens. Ihre Auftritte reißen diverse Altersgruppen ein ums andere Mal kraftvoll mit. Zwar fehlten bei diesem klassischen Festivalprogramm die eher ruhigen Töne a la "110" oder "Freitagnacht", auch mußten wir auf den obligatorischen ‚Rausschmeißer' "Jungs, wir können so heiß sein" verzichten, der ansonsten seit Ewigkeiten den Schlussakkord regulärer "Extrabreit"-Konzerte bedeutet - davon abgesehen aber, weisen die "Phantastischen 5" (Albumtitel, 1982), um Kai Hawaii, auch nach 30 Jahren purem, drastischem und exzessivem Rock'n'Roll, keinerlei Alters- oder Abnutzungserscheinungen auf. Ihre prägnanten, rasenden Punkrocker sind auf betörende Art und Weise zeitlos, und werden sicherlich noch in zehn, 20 Jahren alle wichtigen Partys in diesem unseren Landes gehörig aufmischen!
In Dithmarschen wurde übrigens noch zwei Tage lang weiter gerockt. Der Rezensent aber mußte, aus beruflichen Gründen - bekanntlich sind Selbstständige immer im Dienst und haben niemals frei -, bereits am Donnerstagabend zurück ins Hotel nach Heide/Holstein, um am darauf folgenden Tag zweifelsohne zufrieden, zugleich aber erschöpft (und über gewisse Vorkommnisse, ob ihrer grell strahlenden Absurdität, innerlich hämisch grinsend - Eingeweihte wissen Bescheid…) nach Hause, nach Hamburg, zu fahren, um dort für Euch, liebe Leserinnen und Leser, vorliegenden Bericht verfassen zu können!

Bitte beachtet auch:
www.die-breiten.de
www.myspace.com/nobrakesmusic