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GENERAT live in Berlin am 25. Juni 2011
Bericht: Matthias Kunze Fotos: Stephan Röhl (Live-Fotos) Dirk Loose (Pressefotos)
Wer bis dato glaubt, er sei ein kultiviert-kulturell interessierter offenherziger Mensch, für den die Grenzen zwischen all den Kunst-Genres (vor allem in Berlin) längst der Vergangenheit angehören, der hat es wohl noch nie mit Kathy Kreuzberg zu tun gehabt. Oder besser gesagt: mit ihrem aktuellen Musik-Programm namens GENERAT, was am 25. Juni in der Theaterkapelle Berlin zu erleben war. GENERAT versteht sich - Zitat der Künstler - als "Rock-Chanson Noir im Theaterkleid" und nennt neben den Rock-Größen David Bowie, Mike Oldfield, Nick Cave und PJ Harvey auch aktuelle große Kleinkünstler wie Tim Fischer als Vorbilder. Inhaltlich muss Bukowski wohl eine bedeutende Rolle gespielt haben: denn eigentlich geht es in erster Linie um Alkohol. Und Liebe. Und das nicht-nihilistische Nichts irgendwie dazwischen. Da, am Boden der Tatsachen. Aber vor allem geht es um das Unschuldige, was bleibt - vom Suff und dem kleinen immer wiederkehrenden Hang zum Selbstmord mal abgesehen: ein wunderbar naiver, fast kitschiger tiefer Glaube an so etwas wie "das Gute" zwischen zwei Menschen. Das endet zwar mittendrin wiederum ganz unkitschig stranguliert am Baum, aber: eins nach dem anderen... Beginnen wir beim Alpha: Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Jaja, könnte man meinen, die ganze Adam-und-Eva-Story kennt man zur Genüge. Bei Kathy Kreuzbergs GENERAT aber geht die Geschichte anders weiter. Das Erstbeste, was der Mensch, genannt Adam, tut: er erschießt sich in der Dunkelheit. Dummerweise stirbt er aber nicht. Stattdessen erleidet der arme Kerl ein Knalltrauma (neumodisch: Tinnitus-aufgrund-zu-lauter-Musik-Hör-Gewohnheiten) und taumelt erstmal ziemlich taub durch die Gegend. Trifft dann auf Eva - die, die eigentlich per definitionem Leben schenken soll, will gerade jenem ein Ende bereiten, indem sie sich gerade einen Strick knüpft, um damit ins Jenseits von Gut und Böse zu verschwinden. Aha - zwei gescheiterte Selbstmörder unterm Apfelbaum, möchte man meinen. Doch der Witz ist: das allein ist es nicht. Schon hier verschwimmen die normgeprägten Erwartungshaltungen des Publikums - und dazu bedarf es keines Tons GENERATs: Kathy Kreuzberg definiert in einer stillen Sekunde beide Akteure des gesanglichen Schauspiels als 1 Person - ein androgyner, dünner Conferenciér im 80er Jahre David Bowie-Stil mit ergrauter Haarsträhne kämpft sich von nun an durch alle Bereiche des menschlichen Daseins mitsamt seiner höchsten Höhen und tiefsten Tiefen. Einer, der alles kennt, alles erlebt hat - und sich dennoch nicht scheut, genau diese - seine - Geschichte von Neuem zu erzählen: Und die Welt dieser Kreatur beginnt als Kind - so lautet auch das erste Lied des Abends: Kreuzbergs kleines Lied kommt groß daher, was in erster Linie den beiden Gitarristen Leander Reininghaus und Jordi Kuragari zu verdanken ist. Beide eröffnen mit ihren Gitarrensounds eine Welt, die der kindlichen Welt in all ihren Farben nur angemessen ist. Beklemmend befreiend tragen sie die Worte "Einst gab es mal ein Es war einmal" durch die alte Kapelle - das "Kind" bekommt den Boden, den es braucht, um seinen Weg zu gehen. Auf dem es dann auch ins Straucheln gerät. Und wieder bricht Kreuzberg mit allen Regeln der Märchen-Erzählkunst: Keine Hexe, kein Räuber und kein Drache ist es, was das Kind viel zu schnell erwachsen werden lässt - und auch das große Abenteuer bleibt aus. Stattdessen verblasst das Kind von jetzt auf gleich zu einem alten Mann im Sauf-Gemurmel einer Kneipe - hier kommen Geräuschkulissen zum Einsatz, die der Schlagzeuger Paavo Günther lässig zwischen Laptop und E-Drumset dazwischen fährt.
Und am Ende steht (die) "Faust - der Klamydie nächster Teil", verbunden mit der schmerzlichen Erkenntnis Adams, dass die Narbe seiner Rippen-Operation trotz viel viel Whiskey nicht verschwinden wird. Die Einsamkeit bleibt. Aber immerhin: Der Alkohol desinfiziert sie für eine Weile. Eva fragt Adam daraufhin, ob er denn nicht mehr wüsste, was die Zauberfee der Kindheit einst zu ihm gesagt hat. Erst wird er wütend, entsinnt sich dann aber doch ans kindliche Zauberland: "Ob groß, ob klein - alles kannst du sein", flüstert Kreuzberg - jetzt wieder als Conferenciér - in Anlehnung an Alice im Wunderland ins Mikrophon. Vorsichtig, wunderschön und mit sehr viel Feingefühl begleiten Gitarrist Jordi Kuragari und Pianist Christian Schönefeld die erneute Verwandlung Kreuzbergs: sie sackt zusammen und beginnt das Lied "Mauerblümchen": ein einsames Gänseblümchen steht in einem Hinterhof und träumt leise davon, ein großer Baum zu sein. Ein Löwenzahn - der die Zähne eingezogen hat (!) - ermutigt es, alle Träume einfach mal rauszulassen. Was dann passiert, erzeugt Gänsehaut: die Band eröffnet dem "Mauerblümchen" eine eigene Welt innerhalb der engen Hinterhofgrenzen - und das zarte Blümchen sprudelt auf einmal los, dass einem das Herz aufgeht. Und plötzlich ist oben unten, und unten oben - die kleinen Pflänzchen werden groß, bleiben aber dennoch klein - und umgekehrt. Selbst der Löwenzahn ist überrascht, welche Kraft ehrliche Träume und Sehnsüchte haben - denn auf einmal wird aus der Gänseblümchen-Vorstellung ein Plan - und beide Pflanzen schaffen es tatsächlich, für 1 Moment so groß wie ein Baum zu sein. Als Zuschauer weiß man spätestens jetzt gar nicht mehr, woran man ist: Raum und Zeit verlieren vollkommen ihre Bedeutung. Doch wird deutlich, dass der Name wohl bewusst gewählt wurde: GENERAT generiert sich von Lied zu Lied, von Text zu Text, und von Situation zu Situation neu. Adam & Eva Kreuzberg (g)reisen von Station zu Station. Und kaum irgendwo angekommen, geht es auch schon weiter. Das nächste Lied, "Trompete", greift die verlorene Kneipenszenerie wieder auf - allerdings diesmal mit einem ironischen Unterton: so sinnlos versoffen so manche durchgemachte Nächte erscheinen, so schön können sie auch sein: GENERAT zeigt sich bei diesem Programmpunkt deutlich von Tom Waits und Bukowski beeinflusst (die waiting raindogs werden zu "Graue Katzen des Nachts"), kopiert diese aber nicht. Im Gegenteil: Das, was bei Waits und Mister Charles B. erotisch-tragisch daherkommt, wird in "Trompete" ins tragisch-komische umgewandelt. Natürlich geht es um den liebevollen Blick auf Kerle, Alkohol, - und auf Frauen sowieso -, allerdings kann man sich in der GENERAT-Version dieser Szenerie das Grinsen nicht wirklich verkneifen: Der Held des Abends - gut aussehend, und nie um eine Frau und um einen Drink verlegen - weiß am Ende das Wort "Katzenjammer" nur zu genau zu definieren: Der Schnaps ist alle, der Kopf ist dick, die Frau ist weg - aber dafür hat man die große Lippe riskiert - und bekommt nun die Abreibung hinterher, die man nach so einem Abend nun wirklich nicht gebraucht hätte. Kathy Kreuzberg veranschaulicht diese Szene slapstickartig. Auffallend ist hier, dass sie der Band hier freies Spiel lässt: vor allem im Mittelteil wird improvisiert, was das Zeug hält. Musik und Schauspiel stehen aber dennoch im Zusammenhang miteinander: signalisiert Kreuzberg einen Schlag in die Magengrube, spielt Kuragari diesen Schlag; versucht Kreuzberg sich zu fangen und das alte Katzen-des-Nachts-Bewegungsmuster anzunehmen, spielt Reininghaus dies. Paavo Günther und Christian Schönefeld rumpeln und pumpeln im Waits-Stil weiter, Thomas Vock am Bass treibt die Szenerie voran und sorgt so für den roten Faden im Kneipengewühl, den Kathy Kreuzberg wiederum braucht, um das gut gemachte Wirrwarr zu beenden.
Die Tränen kommen mir auch bei folgenden Liedern namens "Treibsandgetriebe", "Pokerspieler" und "Asche zu Asche": Eigentlich möchte ich auf der Alice-Waits-Wunderland-Station GENERATs anhalten und laut wie einst Goethes Faust rufen: "Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!" - Doch die Absolution wird verweigert. Es geht noch tiefer, die Realität kennt kein Erbarmen. Während der kommenden Lieder wird eine ältere Zuschauerin den Saal verlassen. Ich kann es ihr nicht verdenken, denn Kathy Kreuzberg schont das Publikum nicht mit der brutalen Wirklichkeit der menschlichen Abgründe. Und hierzu braucht sie weder Kunstblut noch große Schauspielkunst: klassische Cabaret-Elemente und ihre Worte reichen. Zutiefst stechend, ehrlich und beklemmend sind die Texte rund um Depression, Alkohol, Kokain, Heroin und Selbstmord. Im Depressions-Treibsandgetriebe "fragen Fragen tausend Fragen, fragen Fragen tausend Fragen", der Pokerspieler würfelt um sein Leben zwischen einem Säufer und einem Lügner - und gewinnt das Heroin - und ganz am Schluss von "Asche zu Asche" haben wir sie wieder: die Situation des erschossenen Adams, der die strangulierte Eva vom Baum der Erkenntnis pflückt. Eine Situation zum Davonlaufen! Und genau das passiert auch: die Beiden trennen sich. Es war "An einem Freitag", als es geschah. Wieder lässt Kathy Kreuzberg ihre Band zu Wort kommen; diesmal übernimmt das Klavier die tragende Rolle. Nach den Worten "Kannst ja mal bleiben" wird es seltsam ruhig in der Theaterkapelle. Jetzt würde ich gerne die Zuschauerin, die den Saal verließ, zurückholen wollen - denn Christian Schönefeld signalisiert mit seinem darauf folgenden minutenlangen Solostück in Dur ein sanftes Licht der Hoffnung für das, was ich eingangs als den wunderbar naiven, fast kitschigen tiefen Glauben an so etwas wie "das Gute" zwischen zwei Menschen bezeichnete.
"Kreise zieh'n" erinnert zuweilen an Udo Jürgens' Arrangements, allerdings kommt es regelloser daher. Es wirkt wie ein Puzzle, was zusammengesetzt werden will. Doch mittlerweile ist klar, dass bei GENERAT das Arrangement und die Instrumentalisierung dem Inhalt folgt - und nicht etwa umgekehrt, wie man es gemeinhin vor-vermuten würde. Kathy Kreuzberg fungiert in erster Linie als Erzähler einer Geschichte, die von den Instrumenten gespielt wird und welche dadurch erst leben kann. Dem Publikum ist vor allem nach "Grauer alter Mann" danach, applaudieren zu wollen, hat aber kaum Chance hierfür. GENERAT ist trotz des Konzertcharakters ein Theaterprogramm - und die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt: Kathy Kreuzberg quittiert den Applaus-Versuch kurz lächelnd mit einem wohlwollenden Nicken, lässt sich aber nicht wirklich auf eine Unterbrechung ein. Dominierten im ersten Teil der GENERAT-Reise Schnelligkeit, Sprunghaftigkeit und die Fahrt ins Verderben das Geschehen, so ist das Programm ab jetzt merklich entschleunigt. Auch Kathy Kreuzbergs Bühnenshow, die wirklich aus einer raffinierten Mischung des Cabaret-Emcee und David Bowie besteht, reduziert sich ab jetzt im Wesentlichen auf die Mimik. Eva unternimmt eine letzte Anstrengung, zu Adam zu kommen und wünscht sich wie im Märchen einfach zu ihm. Und spätestens beim Lied "Straßenbahn des Todes" ist es mit dem Höllenritt erstmal vorbei. "Zuviele Gedanken rauben mir den Schlaf. Und mit der Zeit wird man müde davon", erklärt Eva Kreuzberg die Situation ihrem Pendanten. Ja, müde sind sie geworden - beide. "Straßenbahn des Todes" ist ein ruhiges Lied über die Aussichtslosigkeit des Kampfes gegen all die inneren Dämonen - und die Einsicht darüber, dass das Leben immer weitergeht, selbst wenn man lieber (ent)schlafen möchte, wiegt schwer. Doch das letzte Stündlein der Show hat noch nicht geschlagen: GENERAT verlässt die Straße des Todes - und auf einmal bekommt das Programm frischen Wind um die Nase: "Der Wind erzählt ein altes Lied" kommt wie eine versteckte Hommage an Zarah Leander daher - und strotzt nur so vor Lebenswillen. Die Reise setzt sich auf dem Meer fort, auf dem "wir untergehen, aber auch immer wieder irgendwo auftauchen. Und uns immer wieder auf der Insel der Sehnsucht treffen. Dort, wo unser Herz immer wieder das findet, was es unterwegs verloren hat", erzählt Conferenciér Kreuzberg zwischendurch, und wirkt hierbei fast erleichtert, das rettende Ufer - und den sicheren Hafen - gefunden zu haben.
Adam und Eva sind nun zusammen, sie sind angekommen. Die Reise hat ein Ende. Das Gute hat gesiegt. Im vorletzten Lied namens "Bau uns ein Haus" beweist Kathy Kreuzberg eleganten Wortwitz, wenn sie "mit Farben ein Haus aus Stein baut", in dem es einen gelben Ofen, rotes Brot und einen grünen Tisch gibt. An letzterem wird übrigens fleißig an einer Wunschliste für die Zukunft gearbeitet. Nahtlos schließt sie der "Phoenix" an, der nun endgültig das Alpha mit dem Omega der Geschichte verbindet - GENERAT baut sich hier ein letztes Mal auf und lässt den wunderbaren Vogel aus der Asche mitsamt seinen leuchtenden Farben durch die Theaterkapelle fliegen. Die Zuschauer wirken erleichtert ob des guten Ausgangs des Programms und (dürfen endlich) klatschen - und auch Kathy Kreuzberg tritt nun aus dem Inhalt heraus und verbeugt sich vor Band und Publikum. Dann tritt sie zur Seite, um kurz darauf nochmal wieder zu kommen. Die Zugabe des Abends, welche auf der Setliste als Epilog aufgeführt wird, sollte "Bye bye Berlin" lauten - und das Highlight des Abends werden. Als Christian Schönefeld das Lied vorsichtig und gefühlvoll beginnt, passiert etwas Überraschendes: Kathy Kreuzberg zieht ihre schwarz-weißen Tanzschuhe aus, legt die rote Krawatte darüber - und wirkt auf einmal, als stünde sie vor einem Grab, was mit Trauerflor geschmückt ist. Es bleibt ein Geheimnis, warum sie das tut - aber es scheint eine sehr persönliche Sache zu sein, die nun leise die Theaterkapelle erfüllt. Wir werden nun Zeuge eines Abschieds, der sich inhaltlich auf dem Weg von Pankow nach Kreuzberg erstreckt. Die Sängerin lässt auf diesem Weg die Erinnerungen schweifen - und erweist alldiesen die letzte Ehre. Traurig, müsste man meinen - aber nur fast: zum Schluss setzt die Band ein und das GENERAT'sche "Phoenix"-Prinzip der Hoffnung taucht wieder auf. Die Reise wird weitergehen. Irgendwie. Irgendwann. Irgendwo. Ein wirkliches Ende gibt es nicht. Und mit diesem hellen Funken entlässt GENERAT das Publikum auch in die Nacht: "Willst du mich je wiedersehen, reichen goldene zwei Sekunden." So ist es!
Fotoimpressionen:
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