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Stefan Gwildis live am 07. März 2009 in Neubrandenburg Bericht: Dirk Schroeder Foto: PR
Neubrandenburg. Manchmal hat es etwas von dem, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt: Eine singende, klatschende Gemeinde, die dem Gesang ihres Priesters und dem Gospel-Chor folgt. Und damit eine geballte Kraft in den Raum presst, der man sich nicht entziehen kann. Die Gemeinde ist am Sonnabend das Publikum, der Priester Stefan Gwildis, der mit seiner Fünf-Mann-Band den Takt vorgibt und die Messe des Soul in der Neubrandenburger Konzertkirche zelebriert. Das ist es dann aber schon mit den Amerikanismen - zumindest fast. Denn die Musik, derer sich der Hamburger Sänger bedient, hat seine Wurzeln durchaus in Übersee. Seit Anfang dieses Jahrhunderts hat sich Stefan Gwildis auf die Fahnen geschrieben, amerikanischer Soulmusik deutsche Texte auf die Lyrics zu schreiben. Das Spektrum indes erweiterte er um Werke von Singer/Songwritern über eigene Lieder bis hin zu Adaptionen aus Rock und Pop. Erfolgreich. Und passend, wie er auch in Neubrandenburg beweist vor den Fans, die zum Teil weite Wege in Kauf genommen haben. Es nötigt geradezu Respekt ab, wie man von Billy Pauls "Me and Mrs. Jones" auf "Sie lässt mich nicht mehr los" kommt, oder von Randy Newmans "You can leave Your hat on" auf "Lass ma' ruhig den Hut auf", das in der Version von Joe Cocker ein Welthit ist. Stefan Gwildis streift das Original textlich, ohne sich dabei anzubiedern, auch musikalisch verleiht er mit seiner Band den Songs eine eigene Seele. Dabei nimmt er das Publikum mit, von Anfang an, fordert es zum Tanzen auf. "Tanzen auf dem Kiez", im Original von Martha Reeves & The Vandellas, später von Pop-Chamäleon David Bowie und Rolling-Stones-Zunge Mick Jagger als "Dancing in the streets" populär geworden, ist gestern. Heute tanzt das Publikum in der Konzertkirche Neubrandenburg, einem Bau, dem Stefan Gwildis gleich mehrfach huldigt an diesem Abend. Ehrwürdigkeit trifft Lebensfreude. Den Auftrittsort macht sich Stefan Gwildis zu Eigen, spricht mit den "Brüdern und Schwestern", bringt ihnen Botschaften von beseelter Liebe mit. Doch nicht nur. Soulmusik ist vielschichtig. Trennung, Abschied kommen ebenso vor wie der Beginn neuen Lebens. "Wünscht du wärst hier" ist so ein Beispiel. Ganz still ist das Publikum bei dieser Hommage an Gwildis' im vergangenen Jahr verstorbenen Vater, ebenso bei "Wundervolles Wunder", das die Geburt eines Kindes beschreibt. Es sind Momente der Ambivalenz, zwischen Vergänglichkeit und Neubeginn, die den Abend bestimmen. Und immer wieder auch Augenblicke der Besinnung auf das Miteinander, auf die Liebe, die wohl schönste Nebensache - oder Hauptsache - auf der Welt. "Du gehst mir nicht mehr aus dem Sinn" beschreibt die Gefühle, die Liebe auslösen kann, auch wenn das Leben in scheinbar geordneten Bahnen verläuft. Dann wieder kann die Liebe das eigene Ich auf eine Zerreißprobe stellen wie in "Sie lässt mich nicht mehr los". Und Gwildis gibt den Seelentröster, als er "Keines Menschen Auge - Caruso" anstimmt, einen Song des Italieners Lucio Dalla. Da singt er: "Was für eine schöne Lüge: wir werden uns wieder sehen. Was man nicht alles sagt, bevor man es sich überlegt". Situationsbeschreibung der harmlosen Heimlichkeit, dass sich nicht alle Träume erfüllen werden. Und dafür, im selben Lied, der Trost: "Das alles geht vorbei, es kommt und bleibt und weht vorbei, es macht dir das Herz so voll und dann lässt es dich einfach wieder frei." Stefan Gwildis hat keine Mühe, mit dem Publikum zu kommunizieren, weder musikalisch noch als Entertainer. Er kennt an keine Barriere, strahlt Natürlichkeit aus, kommt immer mal wieder von der Bühne zu den Fans, die ihn hautnah erleben dürfen. Nicht als Ikone, sondern als einen von ihnen. Die Stimme des Hamburgers überzeugt, sie ist nicht tiefschwarz, nicht auf Krampf auf Soul getrimmt. Gwildis ist dennoch Soul pur, rau und packend, auch wenn er ins Songwriting abdriftet. Er ist authentisch, weiß auch um die Alltagssorgen, den Klimawandel, die Umbrüche im Leben von Menschen. Das ist dann fast schon grandios, als er die Adaption des Temptation-Klassikers "Papa was a Rolling Stone" auf die Bühne bringt, eingeleitet von den markanten, sich in die Gehörgänge treibenden Basslinien des Songs. Der dann textlich sogar das Thema Stasi menschlich macht, wenn sich plötzlich Kinder fragen, warum die Familie desjenigen gemieden wird, der andere denunzierte. Geknickte Seelen, die Trost brauchen? Auch dafür steht Stefan Gwildis. Er ist eben nicht nur "Soulfan", sondern ein wirklicher Soulman. Und als solcher auch ein wenig Seelentröster. |