Bericht:
Fred Heiduk

Fotos:
Matthias Ziegert





Wer behauptet, dass große Künstler zwingend eine große Bühne brauchen um eine große Leistung zu bringen und Spaß bei dem zu haben, was sie machen, den hätte André Herzberg am Sonnabend dem 28. Mai eines Besseren belehren können. Das sich nur wenige tatsächlich von dieser Behauptung überzeugen konnten, lag an ein paar Kleinigkeiten. Zuerst kann und macht Herzberg sicher Einiges, aber Belehrungen liegen ihm dabei vermutlich eher fern. Dann handelte es sich bei diesem Auftritt um eine Art "Privatkonzert", das rührige Leipziger in einem auch für Künstler nicht ganz alltäglichen Umfeld organisiert hatten. Das war auch der Grund, warum der Termin nicht wirklich breit publiziert wurde, so dass er selbst eingefleischten Herzberg-Fans möglicherweise entgangen ist.


Buch: "Geschichten aus dem
Bett" (Eulenspiegel Verlag)

Die Veranstalter waren Freunde von "Eiffe der Bär", die in "dessen derzeitigen Leipziger Hauptquartier", in die Villa Lujan in Leipzigs Südosten, geladen hatten. Wer "Eiffe" ein wenig kennt (und hier ist es gleich, ob es sich bei "Eiffe der Bär" um die Kunstfigur aus Uwe Timms Buch "Heißer Sommer" oder die reale Figur Peter Ernst Eiffe aus der 68er Studentenbewegung Hamburgs handelt), weiß, dass der Bär schon längst an neuen Projekten arbeitete, als das Konzert am Sonnabend begann, und daher nur mental anwesend sein konnte. Das wichtigste der kommenden Leipziger Projekte des Bären und seiner Freunde ist die Gründung eines Vereins, der sich zukünftig einer breiteren Kunst- und Kulturförderung widmen wird und der plant, in der Kirchenruine Wachau - unweit der Villa Lujan - ähnliche Veranstaltungen wie das Herzberg-Konzert vom vergangenen Samstag, dann jedoch im größerem Rahmen, zu organisieren und durchzuführen. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Das Herzberg-Konzert war zwar nicht die erste Veranstaltung in der Villa Lujan, aber zuvor gab es vor allem Lesungen und ähnliches. Für Musik ist der große Raum, in dem fast 40 Personen zugegen waren, zwar nicht optimal ausgelegt, aber das tat dem Auftritt Herzbergs in keiner Weise Abbruch. Es wurde viel mehr ein ganz besonderer Abend in fast intimer Atmosphäre. Einem Künstler so nah wie an diesem Abend zu kommen, ist ungewöhnlich und stellt sicher für den Künstler eine besondere Herausforderung dar. André Herzberg meisterte diese bravourös und bescherte den Anwesenden einen unvergesslichen Abend.

Angefragt wurde er ursprünglich für eine Lesung. Seine Zusage kam für eine Kombination aus Lesung mit Musik. Nach einer klugen Anmoderation durch den Hausherren, in der dieser Herzberg mittels gekonnter Bezüge zu dessen bekanntesten Pankow-Titeln dem Publikum vorstellte, begann gegen 20:00 Uhr der erste Teil des Abends, eine Lesung. André Herzberg las aus seinem im Eulenspiegel Verlag erschienenen Buch "Geschichten aus dem Bett", in dem er nicht immer ganz ernst Geschichten, Anekdoten und Schnorren aus seinem Leben erzählt. An diesem Abend las er Teile von 7 Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend, die ihn als ganz normalen Menschen mit ganz alltäglichen Problemen zeigen, und die sicher dem einen oder anderen Zuhörer so oder so ähnlich auch irgendwann einmal widerfahren sind. Die Zuhörer konnten sich zweifellos in die erzählten Szenarien hineinversetzen. Für die Geschichten erntete er mehrfach herzhaftes Lachen. Herzberg las nicht einfach vor, phasenweise spielte er die gelesenen Szenen geradezu. Zum einen tat er dies mittels seiner variablen Stimme, die mal den Offizier der NVA im Raum erscheinen ließ, mal die seiner Kindergartentante war oder den Bauarbeiter in seiner Lehre vorstellbar machte. Zum anderen aber auch durch seine Mimik und Gestik, die sein schauspielerisches Talent aufblitzen ließen. Das Publikum hing an seinen Lippen und folgte der Lesung mit wachem Interesse, so dass die geschätzten 40 Minuten wie im Flug vergingen. Unter Applaus verabschiedete sich André Herzberg in eine Pause, in der er für das ein oder andere Gespräch zur Verfügung stand und unter anderem verriet, dass es demnächst beim MDR Rundfunk ein Hörspiel mit ihm über seine Mutter geben wird, in dem auch ein paar der Episoden aus den "Geschichten aus dem Bett" eine Rolle spielen werden. Darüber hinaus erzählte er mir, dass die Geschichten in gewisser Weise nicht viel anders als seine Liedtexte sind. Die Liedtexte stellen oft nur die Komprimierung solcher Geschichten dar. Mitunter, so erzählte er, kann man Geschichten aus unterschiedlichen Gründen nicht in die wenigen Worte eines Liedtextes fassen, oder will das nicht. Daraus entstand der Anstoß zu seinem "Geschichtenbuch". Nach etwa 15 Minuten, in denen die Gäste auch einen Koffer mit Büchern und CDs André Herzbergs inspizieren konnten, startete der zweite Teil des Abends - das eigentliche Konzert.

André Herzberg pur. Eine rotbraune Akustikgitarre, seine Stimme, dazu seine Mimik und Gestik und ein paar erläuternde oder überbrückende Worte - sonst nichts. Kein Mikro, kein Verstärker, kein Computer oder irgendetwas Technisches. In dieser Atmosphäre verbot es sich allerdings auch Fotos mit technischen Hilfsmitteln zu machen, so dass wir uns entschlossen haben, dem besonderen Anlass entsprechend nicht die üblichen Fotos beizustellen, sondern sie in Sepia diesem Beitrag beizufügen. Aber zurück zum Konzert.
Der erste Titel den Herzberg sang, war "Euch werd' ich's zeigen" von der 1997er Pankow CD "Am Rande vom Wahnsinn". Auch wenn André Herzberg äußerlich nicht mehr der junge, wilde Paule mit wilder Lockenmähne ist, als dem er vielerorts unverändert in Erinnerung ist - wenn Herzberg in die Saiten greift, die Augen schließt und zu singen beginnt, dann strahlt er unverändert die ungeheure Kraft dieser Kultfigur aus. Gleichzeitig offenbarte er gerade in der kleinen Runde dieses Abends eine Ehrlichkeit und Verletzlichkeit, die man ihm kaum zuschreiben würde, wenn man ihn nur als Spiritus Rector der großen, gelegentlich lauten und schrillen Band Pankow kennt. Der war er an diesem Abend aber nicht, sondern der einfühlsame, fast schüchterne Songpoet und Solist. Wie er so vor dem Publikum stand, die Gitarre in der Hand, kurzes, mit der Zeit angegrautes Haar, dunkler Anzug, da erinnerte er mich ein wenig an Bob Dylan. Der hat bekanntlich auch nicht die begnadetste Solostimme, ist kein Konzertgitarrist und dennoch bestechen seine Lieder gleichermaßen durch Inhalte wie durch die Art ihrer Interpretation. Herzberg wie Dylan sind auf ihre Art gleichermaßen fesselnd.

In der kleinen fast intimen Runde der Villa Lujan verdeckte nichts die Inhalte der Lieder Herzbergs. Die kamen ganz unterschiedlich daher. Gelegentlich frech und sprachlich "dreckig", dann wieder lyrisch und sprachlich anspruchsvoll, haben sie allesamt ihre eigene Poesie. Die vermittelte Herzberg zudem durch seine Stimme, mit der er die einzelnen Lieder ausgestaltete. Das klang ganz anders als Herzberg der Frontmann von Pankow, als der er uns in eine Show mit großem Orchester mitnimmt. Noch viel stärker als in der Band, war Herzberg der Solist gelegentlich Stimmakrobat. So standen recht hoch gesungene Passagen neben erdigem Soul und Blues, Leises neben Lautem, kleine Lieder neben weit angelegten Melodien. Je weiter das Konzert fortschritt, je mehr taute André Herzberg auf. Das mag auch daran gelegen haben, dass das Publikum ihm auch im musikalischen Teil an den Lippen hing, und die ein oder andere Liedzeile im Publikum sogar leise mitgesungen wurde. Mich beeindruckte die Vielfalt dessen was Herzbergs Repertoire ausmacht. Der Titel "Tohuwabohu" zum Beispiel ist geradezu Weltmusik, spielt mit Blues-, Funk- und Soulelementen gleichermaßen. Da steht das leise Lied "Ich bin in Deiner Hand" neben "Melancholie", das ebenfalls sehr leise und fast reduziert beginnt, um dann umso kraftvoller fast hart, schroff und aufrüttelnd in den Refrain überzugehen.

Mehrfach warf Herzberg kurze Einspiele bekannter internationaler Titel in die Lieder seines Programms ein. So sang er bei "Ich bin in deiner hand" - "I shot the Sherif" an, zitierte nach einem ganz starken, gefühlvollen und sehr überzeugend gespielten Titel, dessen Namen ich leider nicht kenne, "My sweet Lord". Als er dieses Zitat mit den Worten: "Ach... das ist ja gar nicht von mir. Schade!" abrupt abbricht, hat er natürlich die Lacher auf seiner Seite und damit auch die letzte wenn überhaupt noch vorhandene Distanz zum Publikum überwunden. Ich glaube, dass er den daraufhin gespielten englischsprachigen Titel auf Grund der Publikumsreaktion spontan in sein Programm nahm. Dieser zeigte in gewisser Weise, wo die musikalischen Wurzeln oder Vorlieben Herzbergs liegen. Eben weniger im Rock oder Pop, als viel mehr in verschiedensten Liedformen. Wie gut Herzberg mittlerweile gelaunt war zeigt aus meiner Sicht, dass er den Titel "Ich bin für Dich da" zum Besten gab, der nach seiner Aussage auf der geplanten neuen Pankow CD "Neuer Tag in Pankow" erscheinen wird. Auf diese CD darf man sicher gespannt sein, denn zumindest "Ich bin für Dich da" ist ein echter Pankow-Titel. Eingängige Melodie, toller Text, Raum für musikalische wie darstellerische Improvisationen auf der Bühne. Das Publikum an diesem Abend sah es wohl ähnlich und spendete Szenenapplaus, war einfach nur begeistert.

Dass es André Herzberg schwer haben würde, jetzt von der Bühne zu kommen, war zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon klar. Besonders nachdem Herzberg das Publikum im Titel "Ich will mit dabei sein", zum Mitsingen und Klatschen animiert hatte. Das Publikum ließ sich nicht lumpen und klatschte teilweise lauter als Herzberg singen und spielen konnte. Danach war an ein Konzertende nicht zu denken. Ehrlicher, anhaltender Applaus veranlasste den Sänger schließlich, seine Gitarre nochmals zur Hand zu nehmen und eine weitere Zugabe zu geben. Mit dem Hinweis: "Was Ihr macht ist Erpressung" und "mal sehen ob ich noch einen Text habe", leitete er einem Schunkler im 3/4 Takt ein. Zu "Das Lied der 3HIGHligen" ("Wir sind alle Verkäufer und verkaufen, das ist der Sinn...") schunkelte das Publikum dann auch brav mit und intonierte den Refrain als Chor. Das hätte man sicher noch eine ganze Weile weiter so betreiben können, doch nach diesem Titel erlöste der Hausherr den Gast des Abends, in dem er sich bei ihm bedankte und ihm zur Erinnerung ein exklusives Foto überreichte. Sichtlich bewegt und unter tosendem Applaus griff André Herzberg dann doch noch einmal zu seiner Gitarre und spielte "Danke", ein sehr leises Lied als passenden Abschluss.

Anders als bei üblichen Konzerten, verschwand der Star des Abends danach nicht auf Nimmerwiedersehen, sondern nahm sich Zeit für sein Publikum. Meine Frage, ob er sich so einen Rahmen noch einmal vorstellen könne, beantworte er ohne auch nur einen Augenblick zu zögern mit: "Ja, klar. Hat Spaß gemacht." Das kann ich nur bestätigen und mich bei "Eiffe dem Bären", seinen Freunden und bei André Herzberg für einen unvergesslichen Abend bedanken.

Auszug aus den am 28. Mai 2011 gespielten Titeln:
- "Euch werd' ich's zeigen" (1997 aus "Am Rande des Wahnsinn" / Pankow)
- "Am Rande vom Wahnsinn" (1997 aus "Am Rande des Wahnsinn" / Pankow)
- "Tohubawohu" (1994 aus der Solo-CD "Tohubawohu")
- "Ich bin in deiner Hand" (1999 aus Best Of-CD "Ausverkauf")
- "Neidisch" (2004 aus der Solo-CD "Losgelöst")
- "Melancholie" (2004 aus der Solo-CD "Losgelöst")
- "Why do the stars fall from sky"
- "Ich bin für Dich da" (brandneues Stück aus der im Herbst erscheinenden Pankow CD)
- "Ich will mit dabei sein" (1999 aus der Best Of-CD "Ausverkauf")
- "Lied der 3HIGHligen" (2000, aus der CD "Die 3HIGHligen")
- "Danke" (1999 aus der Best Of-CD "Ausverkauf")




Fotoimpressionen: