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Bericht: Hartmut Helms Fotos: Hartmut Helms
John Houx - ein Amerikanischer Nugget auf Tour Die gewaltigen verändernden Bewegungen und Verschiebungen finden nicht unter freien Himmel, nicht im Rundfunk und gleich gar nicht auf den großen Bühnen statt. So etwas geschieht unmerklich und langsam im Untergrund, tief unter der Kruste des Mainstream und weit weg von großen Agenturen. Es sind die kleine Nuancen, die alles anstoßen und wenn sie sich an der Oberfläche entladen haben, werden sie uns als das große Wunder und im schlimmsten Fall als neuer Trend verkauft. Da ist der Urheber aber meist schon angepasst oder verbraucht. Willst die ihn noch rau, ungeschliffen und auch völlig unbeschwert wie ein Nugget aus Gold erleben, finde ihn, wenn ihn noch keine Agentur entdeckt und kein Produzent glatt gebügelt hat. Das ist schwer, aber nicht unmöglich. Es gibt ja auch Leute, die ganz bewusst nach solchen Edelsteinen suchen, um dann staunend und fasziniert vor ihnen zu stehen.
Wieder mal Kunsthofgohlis und wieder einmal diese leise Anspannung und Neugier, wer da kommen und was da passieren könnte. Nichts ist in solchen Situationen kalkulierbar, denn niemand hier hatte diesen Typen zuvor gekannt oder gehört. In dieses Warten hinein kam die Nachricht, dass der Künstler in Leipzig gelandet sei, denn dort gibt es auch einen Stadtteil Gohlis, wie Heimatkundige wissen. Zum Glück aber auch die Bahn und in Dresden einen Bahnhof. Von dort würde ihn dann einer mit dem Auto abholen. Was hierzulande beinahe wie riesenhafte Entfernungen anmutet, sind zwischen Kalifornien und New York Katzensprünge, kaum der Rede wert. Irgendwann griff im Kunsthofgohlis einer der Gäste, der nach eigener Aussage hier eigentlich Urlaub machen wollte, zur Gitarre und sang eigene Lieder, zwei von Bob Dylan und einige von Dirk Zöllner. FRANCIS D.D. STRING verkürzte auf sehr angenehme Art die Wartezeit und wir bekamen auf diese Weise etwas geboten, was sicher nicht sehr oft zu erleben ist. Dieser "Support" hätte gut und gerne auch als "Hauptfilm" laufen können - ein anderes Mal vielleicht... ...und dann steht da einer auf der Bühne, der mich ad hoc an diesen Dylan oder gar Woody Guthrie erinnert. Barfuß, zerschlissene Hose, den Gürtel wahrscheinlich zwei Mal um den Körper gewunden und über dem Oberkörper so etwas wie eine Jacke oder Weste. Den kleinen Rucksack hatte er im Gang abgestellt. Er hängt sich eine Art Wandergitarre an einem Strick um den Hals, rückt das Mikro für das Instrument zurecht und mit dem anderen Mikro macht er eine kurze Sprechprobe. Das alles dauert keine Minute bis zur knappen Begrüßung: "Hello, I'm John Houx." Das war's. In das Klappern vom Tresen und in das Geplapper der Stimmen hinein beginnt dieser JOHN HOUX (sprich "who") zu singen, ganz leise, beinahe beschwörend und mit einer Faszination, die man nicht beschreiben kann. Wie ein fahrender Sänger erzählt dieser schmächtige Sänger mit einem leisen Lächeln im Gesicht von "My Home", von da, wo er her kommt und von sich selbst, "Born in 1984", und wie er vom fernen Kalifornien nach New York gegangen ist, wo er seit vier Jahren lebt: "Son by States United, but by what I can't tell." Spätestens jetzt klappt den ersten die Kinnlade nach unten, denn das hat jenen laxen Zynismus, den man eigentlich bei anderen vermutet hätte, aber nicht bei einem, der angeblich aus Richtung "antifolk" kommt und wie'n unschuldiger Jüngling aussieht. Ein Song wie "Apple On A Table, Green" kommt in der Erzählweise eines Woody Guthrie daher, wo die Gitarre beinahe synchron die Melodieführung unterstützt und Akkorde nur in den Pausen entstehen. Puristen hätten sicher auch einen Touch Ian Anderson aus frühen Jahren gehört und das Ding mit "Fat Man" gleich gestellt, aber eigentlich sind das alles nur Gedankenspiele eines Alt-Hippies, der in seinem Leben zu viel Musik gehört hat.
Und dann ist da noch dieser "Tall Tree", den er besingt. Wie ein Schauer gleitet es plötzlich meinen Rücken runter, denn gerade erklingt die Blaupause von "This Land Is Your Land (From California To The New York Island)". Spätestens jetzt hat mich JOHN HOUX eingefangen, gefesselt und mit der Leichtigkeit seines Spiels vollständig überzeugt. Es kommt gänzlich aus dem Herzen, nichts ist künstlich, sondern nur den alten Traditionen der "Storyteller" verbunden und versucht uns damit im heutigen Leben etwas sagen, uns sensibel zu machen für Zeilen wie "Fish in the water" ("That's Why"), die er, eindringlich und sehr spartanisch untermalt, singt. Ein Großteil seiner Lieder stammen von seiner aktuellen CD "Green Period" von 2009 und einige andere von einer kleinen EP, die gerade erst veröffentlicht wurde. Ansagen oder Zwischentexte gibt es von ihm nicht. Die Wortgebilde sprechen für sich, wenn auch in englisch und dann passiert eben so was wie: "We Need Words Like Horses Need Piano." Da kannst du lange und ewig grübeln, um etwas zu begreifen und schon die legendären WHO sangen im Song "The Seeker" anno 1970: "I asked Bobby Dylan, I asked the Beatles, I asked Timothy Leary, but he couldn't help me either." Wahrscheinlich ist die Antwort noch immer irgendwo mit dem Wind unterwegs und einige von uns noch immer auf der Suche nach ihr. Das ist genau der Stoff, aus dem auch die Songs von HOUX geschnitzt sind. Ein jeder male sich seine eigenen Bilder im Kopfkino, die, angeregt von manchmal ziemlich spitzen Aussagen, zwangsläufig entstehen. An diesem Abend haben wir bestimmt nicht "die Zukunft des Rock'n'Roll" gesehen, um einen Journalisten aus den 70ern zu zitieren, der diese Worte schrieb, nachdem er ein Konzert von Bruce Springsteen gesehen hatte. Aber so wie JOHN HOUX auf der Bühne stand, würde vielleicht auch Dylan wirken, würde er in heutige Zeiten noch einmal hinein geboren und als Jungspund auf der Bühne stehen. Diese Vorstellung hat mir gefallen und auch der Glücksumstand, mich an diesem Freitagabend für einen mir völlig unbekannte Künstler entschieden zu haben. Als er mit seinen beiden halbleeren Rotweingläsern von der Bühne ins Publikum ging, sich in Gespräche vertiefte, konnte er sicher sein, hier ein paar neue Freunde gewonnen zu haben. Zu später Stunde und als ich dann ging, wurde mir klar, ich hatte etwas unerwartetes gesehen und gehört und außerdem einen kleinen rauen Nugget im Beutel. Der ist jetzt meine!
Fotoimpressionen:
Überraschungs-Vorprogramm: FRANCIS D.D. STRING ![]() ![]() Gast aus USA: John Houx ![]() ![]() ![]()
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