Bericht:
Grit Bugasch

Fotos:
Grit Bugasch (alle Livebilder)
Pressematerial (Foto oben, Textillustration)





25 Jahre Konzertpause oder: War da noch was?
Zu wissen, dass das eigene Langzeitgedächtnis im richtigen Moment bestens funktioniert, ist erstaunlich und beruhigend zugleich. Obwohl das letzte Jessica-Konzert in der ursprünglichen Besetzung schon 25 Jahre zurückliegt, erkenne ich die alten Songs noch immer an den ersten Takten und habe auch die Texte spontan wieder im Kopf. Und so geht es offensichtlich nicht nur mir, denn ich habe etliche Stimmen im Ohr, als ich beim Jessica-Reunion Konzert im Frannz vor der Bühne stehe. Aber wie kam es eigentlich dazu?

Begonnen hat es für mich mit meinem ersten Jessica-Konzert im September 1986. Da kam der Stein ins rollen und dann folgte ich der Band als reisender Fan zu etlichen Konzerten. Nur leider wurden diese Bandgeschichte und mein Fan-Dasein schon 1986 ziemlich abrupt unterbrochen. Und weil sie damals einfach so, quasi ohne Verabschiedung, gegangen sind, haben die "Jessis" seit dieser Zeit mit ihren Fans noch eine Rechnung offen ...

Da ich Tinos musikalische Entwicklung auch weiterhin verfolgt habe, war ich nicht wirklich überrascht, als für seinen Geburtstag am 11.11.2011 ein Drei-Dekaden-Konzert angekündigt wurde. So ein dreißigjähriges Bühnenjubiläum will schließlich gefeiert werden - mit Freunden und Weggefährten, wie ich hoffte. Und so hielt ich mir den Abend im Kalender frei und kaufte mir frühzeitig ein Ticket. Irgendwann wurde aus der ursprünglichen Ankündigung ein Jessica-Reunion Konzert und ich wurde stutzig. Sie wollen doch nicht wirklich ...?


LP "Spieler" (AMIGA, 1986)

Natürlich habe ich überlegt, wie es wohl sein würde an diesem Abend - 25 Jahre danach: Sicher wird es nicht wie damals werden, schließlich entwickelt sich der Mensch weiter. Aber ein paar der alten Songs werden sie doch sicher spielen!? Ganz ohne geht es ja wohl auch nicht. Werden wirklich alle fünf wieder auf der Bühne stehen? Oder nur die Dreierbesetzung, in der sie noch in den 90er Jahren unterwegs waren? Zur Einstimmung habe ich neuere CDs gehört, aber auch die alten Platten wieder rausgekramt. Mein persönliches Highlight ist die wieder gefundene Kassette mit einem privaten Konzertmitschnitt vom Bühnenrand aus dem April 1986. Solcherart eingestimmt mache ich mich am Freitagabend auf den Weg in den ausverkauften Frannz-Club und bin extrem neugierig auf das, was mich dort erwartet.

Kurz nach 21:00 Uhr geht es los - zu den ersten Takten von "Ich such einen Traum" kommen sie auf die Bühne und werden stürmisch begrüßt. Sie hätten kaum einen passenderen Titel wählen können: "Manchmal und spürbar kaum, such ich nach einem großen Traum. In dem die Zeit versinkt, der mir die Ruhe wieder bringt ...". Ihren eigenen Traum und den einiger Fans machen sie heute Abend wahr, obwohl das mit Ruhe wahrlich nicht viel zu tun hat. Zumindest nicht im musikalischen Sinne. Die Jungs spielen einfach drauf los, als hätte es nie eine Pause gegeben. Man merkt ihnen deutlich an, dass sie aus Spaß und Begeisterung spielen, und nicht weil sie mit der Jessica-Reunion Karriere machen wollten. Die geballte Ladung positiver Energie scheint einfach zu viel für die kleine Bühne und greift schnell auf das Publikum über.


Die Rückkehr der roten Mütze

Interessanterweise passen die Eindrücke von heute genau zu denen, die ich noch im Kopf habe. Janek Skirecki wirkt eher still und zurückhaltend, was ihn zum Glück nicht davon abhält, mit großer Begeisterung seinen Bass zu zupfen. Nur manchmal fliegen die Blicke und ein Grinsen zu André oder zu Olli. Olli Becker, der froh darüber scheint, an seinen Drums in der zweiten Reihe zu sitzen und in seiner Schießbude zu trommeln, dass es nur so kracht. André Drechsler, bei dem man ständig das Gefühl hat, dass ihm der Platz auf der Bühne nicht ausreicht, wenn er mit jeder Menge Energie seine Gitarren bespielt, denen man das im Übrigen auch ansieht - Arbeitsgeräte eben. Und natürlich Tino Eisbrenner, der Wandler zwischen den Welten, der Geschichtenerzähler, der seine Eindrücke und Erlebnisse in Worte fasst und sie dem Publikum präsentiert. Der einzige, der nicht mehr auf der Bühne dabei sein wollte, ist der damalige Keyboarder Ralf Böhme. Seine Rolle übernimmt heute Abend Morten Luxenburger als Gast, der sich auf seine Art gut einreiht.

Was sie da spielen ist eine gelungene Mischung aus alten und neuen Songs. Auf der Setlist finden sich etliche Titel vom bisher einzigen Jessica-Album "Spieler". Aber auch einige ganz alte Stücke aus den Anfangszeiten sind dabei. Auf ganz besonderen Wunsch eines Fans wird zum Beispiel "Dein Blick" gespielt und das, obwohl bei der Band offensichtlich keine Aufzeichnungen mehr zu diesem Song existierten. Aber treue Fans können eben auch hier helfen und sei es mit einem alten Radiomitschnitt, der noch auf einer Kassette im privaten Archiv schlummerte. Besonders spannend sind natürlich die neuen Titel, die wir heute zu hören bekommen. Tino verrät uns, dass einige der Kompositionen schon seit 25 Jahre darauf warten, betextet zu werden - eine kreative Herausforderung, die er natürlich gern angenommen hat. Und nicht zu vergessen, die neuesten Ergebnisse der diesjährigen Zusammenarbeit - schließlich trifft man sich ja nicht, um nur einen einzigen Song zu spielen.

Es ist gut zu wissen, dass diese Musiker auch heutzutage ihr Geld mit der Musik verdienen. Aber es freut mich vor allem, zu hören und zu erleben, dass Jessica im Hier und Jetzt funktioniert. Tino unterhält das Publikum mit seinen Geschichten, er ist aber auch der Animateur, der die Publikumseinsätze herausfordert. Und weil die Jungs auf der Bühne überzeugen, weil sie ihrem Publikum etwas zu sagen haben, kommen die Einsätze tatsächlich. So langsam bin ich geneigt zu glauben, dass es wirklich ein zweites Jessica-Album geben könnte. Und auch von weiteren Konzerten, einer Jessica-Reunion-Tour ist inzwischen die Rede. Vielleicht ist es ja doch nicht nur der vor 25 Jahren verpasste Abschied...

Als sich die Jungs mit "Auf der Reise" zum ersten Mal verabschieden, stelle ich überrascht fest, dass die letzten 90 Minuten wie im Flug vergangen sind. Aber zum Glück haben sie noch einige Zugaben dabei und auch hier bleibt die konsequente Mischung von alt und neu erhalten. Wer den Titelsong des ersten und einzigen Albums "Spieler" bislang vermisst hat, bekommt ihn jetzt zu hören. Und ja, auch sie war natürlich mit dabei, die legendäre rote Mütze, die so untrennbar mit Jessica verbunden schien. Irgendwie merkt man Tino auch heute noch an, dass er es nie mochte, auf diese rote Mütze reduziert zu werden. Den ganzen Abend schon lag sie vor dem Schlagzeug auf dem Boden - immer wieder mal nahm er sie zur Hand und bot sie gestenreich Janek, Olli oder André an. Aber irgendwie wollte sie keiner, auch Tino selbst nicht. Aber bei dem ultimativen Jessica-Song "Ich beobachte dich" hat er sie schließlich doch aufgesetzt. Die allerletzte Zugabe des Abends ist und bleibt einer meiner Lieblingstitel - den "Song" empfinde ich als schlicht und unprätentiös, aber genau deshalb so wirkungsvoll.

Dieses Konzert endet so wie eine Geburtstagfeier mit Freunden sein soll - ringsum gut gelaunte Menschen und strahlende Gesichter. Die Gäste gratulieren Tino noch mit einem "Happy Birthday"-Chor und er verteilt als Dankeschön Sekt im Publikum. Kurz nach dem Konzertende erscheinen sie dann alle wieder, so dass die Wartenden ihre Glückwünsche und Geschenke bei Tino loswerden und sich von den Jungs Autogramme auf dem alten Amiga-Album oder dem neuen CD-Cover holen können. Neben dem früheren Keyboarder und Komponisten Ralf Böhme entdecke ich noch so einige Musiker, Freunde und Weggefährten unter den Gästen, die offensichtlich gratulieren und mitfeiern wollten.

Kurz gesagt, es war großartiger Abend! Ich gebe zu, ich hätte bei all meinen Überlegungen im Vorfeld nicht gedacht, dass es so sehr rocken würde heute Abend. Ich kann mich nur wiederholen: Der Spaß, die Begeisterung und die positive Energie waren deutlich zu spüren. Eine bessere Motivation kann es für Musiker kaum geben. Es war und ist Jessica - die alten und die neuen Songs! Jetzt bin ich schon wieder gespannt - darauf, ob es tatsächlich ein neues Album geben wird und darauf, wie es klingen wird. Und ich hoffe sehr, dass sie die entspannte und kraftvolle Spielfreude des heutigen Abends konservieren können.


Die nächsten Termine:
15.12.2011 - Cottbus - Bebel
30.12.2011 - Berlin - Frannz
weitere Konzerte sind geplant! Nähere
Infos auf Tino Eisbrenners Homepage...


Bitte beachtet auch:
- off. Homepage von Tino Eisbrenner: www.eisbrenner.de
- Homepage des Frannz Club in Berlin: www.frannz.de
- Portrait über die Gruppe Jessica HIER






Live-Impressionen: