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KARUSSELL und ELECTRA live am 28. Mai 2010 in Bad Liebenwerda Bericht: Gundolf Zimmermann Fotos: Gundolf Zimmermann
Gemächlich glitten wir über Landstraßen ins Brandenburgische. Die Lasten des Alltags blieben für ein paar Stunden zurück und bald erreichten wir die Kurstadt Bad Liebenwerda im Elbe–Elster–Landkreis. Dort fand an diesem Wochenende ein Stadtfest statt. Man wollte 20 Jahre Städtepartnerschaft mit der Stadt Lübbecke feiern. Merkwürdig kam es uns aber schon vor, dass wir gleich einen Parkplatz fanden und kaum Leute sahen. Wir machten uns per pedes auf den Weg Richtung Rossmarkt. Dabei streiften wir auch Teile des Festgebietes. An den Marktständen wurde jede Menge Kram, den die Welt nicht braucht, angeboten. Man kennt das ja schon von anderen Festen. Jedenfalls sahen wir mehr Händler als Besucher und langsam machten wir uns wirklich Sorgen, denn es war Freitag und die Zeiger der Uhren näherten sich 20.00 Uhr. Anderenorts steppt bei ähnlichen Veranstaltungen bereits der Bär. Wir erreichten den Rossmarkt, welcher für das Konzert mit hohen Gittern abgesperrt war, und die zusätzlich noch mit schwarzen Planen verhangen waren. 10 Euro an der Abendkasse kostete der Eintritt zum Konzertgelände. Aber da zwei tolle Bands hier spielen würden, war das eigentlich ein Schnäppchenpreis. Die KARUSSELLer standen bereits auf der Bühne und wir beobachteten den Soundcheck. Ein wenig Gitarre mehr auf den Monitor, etwas weniger Bass auf den anderen, da hat ja jeder Musiker seine eigenen Vorlieben. Doch bald hatten die Techniker die Wünsche der Musiker erfüllt, und es war noch genug Zeit bis zur Showtime. Nur Hans, der Graf unter den Gitarristen, stand noch ein paar Minuten einsam auf der Bühne und stimmte gewissenhaft seine Klampfen. Lissi und Joe gönnten sich derweil am Café nebenan auf die Schnelle ein Eis. Ecki Lipske kam auf einen Schwatz vorbei und auch die Karusseller ließen sich bei uns sehen. Zwischenzeitlich trafen doch noch ein paar bekannte und liebe Fans ein. Nur zögerlich füllte sich der Marktplatz auch mit den üblichen Stadtfestbesuchern. Ein DJ begann nun mit seiner Arbeit und ganz langsam rückten die Uhrzeiger weiter Richtung 21.00 Uhr. Endlich ging es los, und nach dem Intro nahm das (Musik-)KARUSSELL um Bandgründer Wolf–Rüdiger Raschke sofort ordentlich Fahrt auf. Die Lichtshow untermalte die Musik stimmungsvoll und mir gefielen die Farbeffekte zur Abwechslung mal ausgesprochen gut. Doch das Wichtigste war natürlich die Livemusik und die klang verdammt gut. Die Musiker gingen mit Spielfreude ans Werk und spielten sich durch ihre eigene Geschichte.
Der stille und bescheidene Claus Winter wurde immer etwas unterschätzt. Ich mochte den etwas rundlichen langhaarigen Bassisten mit dem kleinen Schnurrbart damals ganz gerne. Er stand nie ganz vorne im Rampenlicht, wie Oschek oder Cäsar. Seine Kompositionen wie „Der Gitarrist“ und „Doch wenn die Hähne krähn“ gehören für mich noch heute zu jedem KARUSSELL–Konzert. Das trifft aber auch auf „Ehrlich will ich bleiben“ und „Wie ein Fischlein unterm Eis“ zu, welche aus der Feder von Ex-Schlagzeuger Jochen Hohl stammen. Nun ist bei Hohl ja der Fall etwas anders, er lebt heute in Lübeck und arbeitet als Zahntechniker. Cäsar war neben Oschek DER Sänger von Karussell. Beide hatten bzw. haben sehr markante Stimmen, die sich auch deutlich unterschieden. Doch Cäsar war mehr als Sänger, denn mit seinem Gitarrenspiel und seinen Kompositionen prägte er KARUSSELL bis ins Heute. „Mein Bruder Blues“ und Zweifel“ stehen auch im Jahr 2010 bei KARUSSELL noch auf der Setlist. Ich fühlte mich irgendwie seltsam an diesem Abend in Elsterwerda. Ich hatte sehr oft die Bilder von Claus und Cäsar im Kopf. Doch ich will den Ausflug in die Geschichte an dieser Stelle beenden und zurück zum Konzert finden. Eigentlich ist das ganz einfach, denn Reinhard Huth singt gerade mit Joe Raschke das von Cäsar komponierte Lied „Halte durch“. Kann man Oschek eine Legende nennen? Ich glaube schon. Mit seinem Gesang hat er sich schon lange unsterblich gemacht, spätestens als er damals „Entweder oder“ sang. „Ehrlich will ich bleiben“ beschert mir sowieso noch heute bei jedem Konzert eine Gänsehaut. Über seine geniale „Fischlein“–Interpretation brauchen wir da nicht noch extra zu reden. Was mir bei Oschek heutzutage besonders auffällt ist aber sein Lächeln und seine offensichtliche Freude. Bei meinen ersten KARUSSELL–Konzerten um 1980 herum kam er mir immer sehr ernst und verschlossen vor. Das kann aber auch daran liegen, dass ich damals als junger Bursche bestimmt manches anders wahrnahm. Mit dem altersweisen Oschek und dem jugendlichen Joe hat KARUSSELL meiner Meinung nach ein traumhaftes Frontpaar gefunden. Die beiden zusammen verkörpern eigentlich sinnbildlich irgendwie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von KARUSSELL. Ups... jetzt bin ich schon wieder abgeglitten. Joe holt mich aber zurück zum Konzert. Was der Junge auf der Bühne so leistet, ist schon aller Ehren wert und nicht zu unterschätzen. Er singt, spielt Keyboard und Mundharmonika. Dazu fungiert er während des Konzertes auch noch als Bindeglied zwischen Publikum und Band. Die jungen Mädels haben bei dem jungen Recken außerdem auch noch was zum Gucken ;-) Das Publikum ist in Bad Liebenwerda auch gut mit dabei. Brennende Wunderkerzen schwenken, Mitsingen, Autostop einzählen – diese Rituale funktionieren eigentlich überall. Fast hätte ich noch einen aktiven Karussell-Musiker und Komponisten vergessen, nämlich Bassist Jan Kirsten. Sein „Verrückter Vormittag“ fehlte auch in Bad Liebenwerda nicht. Natürlich dürfen die sechs Herren auch noch ein paar Minuten in die Verlängerung gehen. Bei der anschließenden Autogrammstunde werden die sechs Musiker ganz schön umlagert, aber die Profis tun ihren Job gerne und überstehen auch diese Minuten mit einem Lächeln im Gesicht.
Electra wandelte immer auf den Pfaden zwischen Klassik und Rock. Dazu braucht es gute Musiker und die hat die Band in ihren Reihen. Da wäre allen voran Bernd Aust zu nennen, der mit Saxophon, Klarinette und vor allen Dingen mit der Querflöte zaubert. Ihm zur Seite steht seit Anfang an Wolfgang „Kuddel“ Riedel am Bass. Auch in Elsterwerda sorgen beide mit ihren instrumentalen Solos für Begeisterung unter den Fans. Mit Gitarrist Ecki Lipske spielt ein weiterer Virtuose bei electra. Ecki sieht man die Begeisterung ganz deutlich an, wenn er seine sechs Saiten bearbeitet, und unsereiner ist von den dabei entstehenden Klängen verzaubert. Wenn Keyboarder Andreas „Bruno“ Leuschner zur Flöte greift, wird es klassisch bei electra. Zusammen mit Bandchef Bernd Aust spielten sie das Bach’sche „Bourrée“ alleine auf den Flöten. Später setzte dann die Band ein. Diese herrlichen Adaptionen haben seinerzeit electra ja auch berühmt gemacht.
Gisbert Koreng kann auch hervorragend rocken, das wurde besonders deutlich als sein Bandchef zur Querflöte griff und electra dann zum Jethro Tull–Klassiker „Locomotive Breath“ ansetzte. Da ging Koreng auch ordentlich aus sich heraus. Tull zu singen liegt im wirklich. Den absoluten electra–Hit „Tritt ein in den Dom“ gab es natürlich auch noch zu hören, und den Gesangspart teilten sich die drei Herren Trepte, Koreng und Ludewig brüderlich. Dieses Lied zählt für mich zu den größten Hits deutschsprachiger Rockmusik überhaupt. Der lange Abend endete mit Dauerbeifall sowie zufriedenen Gesichtern auf und vor der Bühne. Electra und Karussell im Doppelpack ist einfach allererste Sahne. Dabei ist es sogar völlig egal, in welcher Reihenfolge beide Bands spielen. Electra machte ja im November in Naunhof beim Doppelkonzert den Anfang und dieses mal eben Karussell. Beide Male hat es funktioniert ;-)
Fotoimpressionen:
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