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Bericht: Hartmut Helms Fotos: Hartmut Helms
Rock'n'Roll uff'n Dorf - Munzig mit Crazy Birds & Karussell An der Fachschule für Klubleiter in Meissen SIEBENEICHEN konnte man sein fachliches und theoretisches Rüstzeug für die kultur-politische Praxis in der DDR erwerben. Als Dozent für Geschichte war dort übrigens Dr. Schreier tätig. Die Namensverwandtschaft mit dem Gründer der Stern-Combo Meißen ist kein Zufall, sondern dem Vater-Sohn-Verhältnis zu verdanken. Als externer Student war ich stets nur eine begrenzte Anzahl von Wochenenden pro Jahr in der Einrichtung zu Siebeneichen. Hoch über dem Lauf des Flusses und über den Dächern der Porzellanstadt Meißen steckten wir tagsüber unsere Nasen in die Bücher und opferten abends unsere Seelen dem Wein und gelegentlich auch dem Rock'n'Roll. Die Freizeit verbrachten wir manchmal studierend, oft aber auch "philosophierend" bei Vincenz Richter unten in der Altstadt, um hernach den Weg nach oben mit schweren Füßen und einem Schwips im Kopf zu bewältigen. Ob "In vino veritas" es leichter gemacht hat, das Studienpensum zu bewältigen, kann ich nicht mehr genau sagen, denn oftmals fehlte mir, vom Wein beseelt, der Film vom Gang nach oben auf dem Weg Richtung SIEBENEICHEN. Das galt auch für so manchen Besuch im Beat-Schuppen zu Munzig, der in der entgegen gesetzten Richtung zu finden war, wo man gar trefflich Bier trinken und so mancher wild rockenden Beat-Kapelle lauschen konnte. Danach wurde der Heimweg auch oftmals länger, als der mitgenommene Biervorrat reichte. All den Erinnerungen ist gemeinsam, dass sie eine erlebnisreiche und schöne Zeit festhalten, die ich so nie wieder erlebt habe. Mein Meissen lob' ich mir noch heute, nicht nur des Weines wegen.
Was Rockmusik von allen anderen Spielarten mit den Noten auf den fünf Linien unterscheidet, ist wohl die brachial-emotionale Art, sich kompromisslos in die Knochen und in die Köpfe zu rammen und dabei statt Schmerz, grenzenloses Wohlbefinden zu verursachen. Da ist Headbanging noch eine der harmlosen "Gegenreaktionen", Schreie und Pfiffe gehören zum normalen "Vokabular" und wer noch hat, zeigt seine lange, mit einem Stirnband gebändigte, stolze "Matte". Bands wie die CRAZY BIRDS sind Beleg dafür, dass Rockmusik noch immer quicklebendig und schnörkellos daher kommt. Die drei Herren um ANGIE ULLRICH leben den Traum vom Rock'n'Roll und überspringen dabei in einer knappen Stunden gleich mehrere Dekaden Rockgeschichte. Das bekannte Gitarren-Riff von "Are You Gonna Go My Way" schneidet sich in die schwülwarme Luft im Saal und Mr. TOM TOMASINO am Bass und Mikro gibt stilecht den Lenny Kravitz. Die beiden Gitarren von Dr. ECKI LIPSKE (u.a. Electra) und SERGIO AUST(INO) peitschen ihn dabei wechselseitig voran, dass es ein Vergnügen ist, die Saiten glühen zu sehen. Es folgen "Summer Of 69" mit AUST Junior als Brian Aadams und ein paar hinreißend schön dahin perlende Gitarrensoli von ECKI LIPSI bei "Sultans Of Swing", die Mark Knopfler von den Dire Straits sicher ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hätten. Als Überraschungsgast der Rock-Fete betritt BERND AUST die Bühne und dann zeigt der alte Haudegen mal so ganz nebenbei, was im Rock'n'Roll eine Harke ist. Der stattet die Aerosmith-Nummer "Dude Looks Like A Lady" mal fix mit einer knackigen Bläser-Sektion als One-Man-Show aus, die nur noch mit den Einlagen von Dick Heckstall-Smith - Gott hab' ihn selig - aus Colosseum-Zeiten zu vergleichen ist. Der Electra-Gründer und Urmusikante hat's noch immer druff und legt dann noch singender Weise mit dem Tull-Klassiker "Locomotive Breath" (1971) eine Schippe nach, so wie die Fans diesen Mann seit Jahrzehnten lieben - Kompliment! Der Zeitsprung aus den frühen 70ern in die jugendliche Gegenwart seines Sohnes gelingt dann wieder spielend mit "Purple Rain" (1984). Der Kult-Song von Prince aus dem gleichnamigen Film wird vom Junior förmlich zelebriert. Zum Abschluß des kurzen Sets kann sich Mr. TOMASINO bei "Whole Lotta Rosie" (AC/DC) nochmals so richtig austoben und mit den Bandkollegen seine kleinen Späße treiben. Rock'n'Roll eben, bei dem der Spaß den Vorrang haben sollte und der selbst so manche älteren Knochen im Saal in lustvolle Zuckungen versetzte. Am Ende blieb mir nur schwermütiges Seufzen und ein glückliches Lächeln dazu.
Also stehe ich vor dieser Bühne und der Band, die ein Teil seiner Vita wurde, denke Worte, die ich hätte auch sagen wollen und werde mir in den nächsten zwei Konzertstunden ab und an mit geschlossenen Augen eine Illusion auf die Bühne schwindeln... Für viele ist KARUSSELL die Band mit "Als ich fortging". Für mich ist sie vordergründig die Zeit der ersten drei Platten, zwischen "Entweder oder", "Nämlich bin ich glücklich" und "Keiner will sterben". Keiner dieser drei Songs wird heute erklingen, diese Identifikation würde für mich nicht funktionieren, denn immerhin fehlen auch Bernd "Hula" Dünnebeil und Claus Winter, und dennoch bin ich unheimlich froh, dass die alten Haudegen um WOLF-RÜDIGER RASCHKE und REINHARD "OSCHEK" HUTH den Riemen wieder auf der Orgel zu laufen haben. Also steigen wir ein in den Rock'n'Roll-Express und träumen gemeinsam den Traum des "Gitarristen", den einst Kurt Demmler in Worte formte: "Jeden Tag saß er auf dem Dach, mit der Gitarre und die Träume wurden wach." Der Song eröffnet den Reigen der Erinnerungen, setzt sich fort mit "McDonald" und seinen Tausend Schafen, wir hören "Bruder Blues" und fühlen uns "Wie ein Fischlein unterm Eis", das viele mitsingen und wohl nicht ahnen, dass diese wunderschöne Melodie einstmals ein Schlagzeuger erfand und selbst in die Tasten drückte, Jochen Hohl. Doch so ein KARUSSELL sollte sich drehen, nie innehalten, und deshalb ist es nur folgerichtig, dass seit geraumer Zeit auch wieder ganz neue Lieder erklingen. "Meine Habseligkeiten" passt ebenso wie "Zweitgesicht" und die anderen Überraschungen nahtlos zum klassischen Repertoire und der "Stern der Liebe", eine neue Oschek-Nummer, hat alle Zutaten zu einem zukünftigen Klassiker. Man darf und sollte auf die in diesem Jahr erscheinende neue Scheibe von KARUSSEL gespannt sein. Im Rausch der alten Töne lasse ich mich treiben. "Fenster zu", "Autostop", "Whisky" und "Gelber Mond" singt Geschichten auch aus meinem Leben, an die ich mich gern erinnern lasse. Nur zwei Mal will mir Fröhlichkeit nicht gelingen. "Besinnung" macht mich stumm und der Film aus dem ANKER läuft wieder, die Gesichter von Gerulf, Jenni, Pjotr, Heinz und CÄSAR laufen Spalier und die Dornen der "Rose" kann ich spüren, als würden sie meine Haut ritzen - mir gelingt das Hören nur stumm und starr - CÄSAR wäre heute 62 geworden und ich hab's in diesem Jahr noch vor mir. Vor ewigen Zeiten und in einem anderen Land wäre ich danach in den Bus oder in das Auto eines Freundes gestiegen, um von Musik benommen sowie vom Gerstensaft berauscht, wieder gen Siebeneichen zu fahren. An mögliche Geschehnisse 30 Jahre später hätte ich keinen Gedanken verschwendet. Warum auch? Im Heute beschließen Gespräche, die Erinnerungen und neue Freundschaften die Nacht und das Wissen um Musik, die mein Leben mehr geprägt hat, als ich mir manchmal zugestehen wollte. Inzwischen bin ich dankbar, so vieles und einmaliges erlebt zu haben und noch immer Lust auf neues zu spüren und auch immer mal wieder neue Chancen zu bekommen, die ich ausleben darf. Diesmal aber bewusst, wenn auch manchmal mit einer Träne im Herzen - Danke CÄSAR, Danke auch ANGIE - Rock'n'Roll will never die!
Fotoimpressionen:
Crazy Birds (mit Gastmusiker Bernd Aust): ![]()
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