Bericht: Gundolf Zimmermann
Fotos: Gundolf Zimmermann






Jeder Mensch trägt Geschichten und Erinnerungen in sich. Manche dieser Rückblicke ins eigene Ich sind jahrelang unmerklich irgendwo im Gehirn gespeichert. Irgendwann sieht man ein Foto oder hört ein bestimmtes Lied und plötzlich tauchen diese Bilder aus der eigenen Vergangenheit vor dem eigenen geistigen Auge auf. Glücklicherweise sind es bei mir oft positive Erinnerungen. Besonders mit Liedern von Cäsar oder Rio Reiser geht mir das so. Aber das schrieb ich ja schon mal in vorangegangenen Berichten.

Schon seltsam, dieser Tage haben zwei außergewöhnliche deutsche Musiker Geburtstag und das Land nimmt offiziell kaum Notiz davon. Mich ärgert diese Ignoranz der Medien. Doch glücklicherweise sind diese leider schon verstorbenen Künstler bei den Fans unvergessen, und mir ist es ein Bedürfnis meinen Konzertbericht mit ein paar Gedanken an diese beiden Rockern zu beginnen. Am 7. Januar 1949 erblickte Cäsar als Peter Gläser das Licht der Welt und am 9. Januar 1950 folgte ihm mit Ralph Christian ein Mann auf diese Erde, den die Welt später als Rio Reiser kennen würde. Beide Musiker haben die Musiklandschaft unseres ehemals geteilten Landes entscheidend auf ihre Art und Weise mitgeprägt. Sie begannen ihre Karrieren in legendären Bands, Cäsar bei Renft und Karussell, Rio bei Ton Steine Scherben. Später beschritten beide eigene Wege. Sowohl Cäsar Peter Gläser als auch Rio Reiser mussten diese Welt auf Grund heimtückischer Krankheiten leider viel zu früh verlassen. Sie leben aber in ihren Liedern und in den Herzen der Fans weiter. Was hat das aber nun mit diesem Konzertbericht zu tun? Eigentlich gar nichts... und doch eine ganze Menge. Jedenfalls dachte ich gestern sehr viel an beide Musiker, obwohl den ganzen Abend kein Wort über Rio fiel und auch keines seiner Lieder gespielt wurde. Doch ich möchte euch nicht weiter mit meinen Gedanken zu diesen Tagen nerven, und ich kratze jetzt die Kurve zum eigentlichen Konzertbericht...

Allein mit meinen Gedanken näherte ich mich der im Triebischtal gelegenen Ortschaft Munzig. Das Autoradio duldete Wunschmusik. Nur ab und zu meldete sich eine Frauenstimme und gab mir Kommandos wie "in 800 Metern links abbiegen". Brav folgte ich diesen Anweisungen, und der Lohn dafür war eine punktgenaue Lotsung bis zum Ziel. Das Kulturhaus Munzig wurde in den sechziger Jahren gebaut und es versprüht auch heute noch den Charme der damaligen Zeit. Ich fühlte mich sofort irgendwie heimisch, denn in meiner Jugend zog es mich oft in ähnliche Häuser und Säle der Umgebung zu den Dorfdiskos und zu Konzerten. Dieses Kulturhaus hat sicher eine Menge Traditionen, von denen ich nichts weiß. Bekannt ist mir nur, dass das Kulturhaus Munzig im Jahr 1997 wiedereröffnet wurde. Dass die Crazy Birds hier seit Jahren im Januar zum Geburtstag des Hauses rocken und sich dazu auch musikalische Gäste einladen, hat sich sogar zu mir herumgeschwiegen. Für diesen 7. Januar des Jahres 2011 waren Bernd Aust und Karussell als Gäste angekündigt. Doch zuerst klaute den Musikern jemand anderes (fast) die Schau. Am Mikrofon stand ein äußerlich etwas in die besten Jahre gekommener, aber im Herzen jung und "verrückt" gebliebener Mann, der bei den Bands und in der Fanszene bekannt ist, wie ein bunter Hund. Ich traf diesen Typen erstmals und bewusst am 11. August 2007 beim Omega-Konzert in Dresden. Es war nur eine kurze Begegnung am Rande der Mugge, aber der Grundstein war damit gelegt.

Einleitende Worte von Hartmut Helms...

Seitdem ist viel Wasser die Elbe herabgeflossen. Wir haben zusammen gefeiert, trafen uns auch auf vielen Konzerten und wir telefonieren regelmäßig. Gemeinsam standen wir am 7. November 2008 an Cäsars letzter Ruhestätte. Auf der Bühne in Munzig stand mein Freund Hartmut, den viele auch als "HH aus EE" kennen, und er eröffnete den Abend mit sehr persönlichen Worten über seine 30 Jahre alten Erinnerungen an dieses Kulturhaus, seine Liebe zur Rockmusik und über sich kreuzende Lebenswege mit an diesem Abend beteiligten Musikern. Hartmut kann unheimlich spannend erzählen und lässt die Leute so an der (Zeit-)Geschichte teilhaben. So was kann nur einer der mit dem Herzen bei der Sache ist. Er fand aber auch den Bogen ins Heute und leitete gekonnt zur ersten Band des Abends über.

Nach dieser ungewöhnlichen Ansage legten die Crazy Birds los. Die drei Herren Ecki Lipske, Sascha "Sergio" Aust und Tom Vogel wurden angetrieben vom donnernden Schlagzeugspiel Angela Ullrichs. Die Jungs wollten ihrer "Antreiberin" an der Schießbude aber in nichts nachstehen und rockten was das Zeug hielt. Das Ergebnis war unverkrampfter, handgemachter Gitarrenrock, der sowohl den Musikern, als auch dem Publikum einfach Spaß machte. Die Stimmung im Saal stieg schnell an. Das war bei Klassikern wie "Are You Gonna Go My Way" von Lenny Kravitz und "Summer of '69" von Brian Adams auch nahezu vorprogrammiert. Der erstgenannte Titel wurde von Bassist Tom Vogel gesungen. Für den Gesang des Titels vom berühmtesten Holzfällerhemden-Träger Kanadas war Sascha Aust zuständig. Zwischendurch heizte der quirlige Basser die Stimmung mit Witzen und Sprüchen weiter an. Der Herr Vogel hat wirklich Entertainer-Qualitäten, und mit Sascha Aust hat er einen ebenbürtigen Partner, mit dem er sich die verbalen Bälle zuspielen kann. Nach "Sultans Of Swing" erhielten die Crazy Birds für drei Titel musikalische Unterstützung von Electra-Gründer Bernd Aust und seinen Blasinstrumenten. Bei "Dude Looks Like A Lady" blies er uns gleichzeitig mit Saxophon und Klarinette den Aerosmith'schen Rockmarsch.


Ecki Lipske von Electra greift auch
bei den Crazy Birds in die Saiten...

Als Sahnehäubchen möchte ich aber den Jethro Tull-Klassiker "Locomotive Breath" besonders hervorheben, denn dabei glänzte der Altmeister nicht nur mit seinem Querflötenspiel, sondern auch als Solosänger. So schnell wie Vater Aust auf der Bühne war, war er nach seinem Auftritt auch wieder von dieser verschwunden. Die Band setzte dann aber mit "Purple Rain" von Prince schon langsam zum Finale an. Doch ganz zum Abschluss wurde noch einmal deftig gerockt. Mit "Whole Lotta Rosie" vom legendären AC/DC-Album "Let There Be Rock" hatten sich die Crazy Birds den absoluten Kracher wirklich bis zum Schluss aufgehoben. Der Auftritt der Band war diesmal für meinen Geschmack etwas zu kurz geraten, aber es stand an diesem Abend ja noch mehr auf dem Programm, und die Crazy Birds wollten ihre Kollegen von Karussell sicher nicht unnötig lange warten lassen.

Während der Umbaupause machte sich zeitweise Müdigkeit in mir breit, aber ich war zuversichtlich, dass Karussell mich wieder auf die Beine bringen würde. So war es dann auch! Als Joe Raschke das Intro spielte, war ich sofort wieder auf dem Damm. Leichte Verwirrung herrschte bei mir als ich den Bassisten sah, denn Jan Kirsten war es nicht. Wer ist der Basser und warum steht Jan nicht dort? Das Rätsel wurde später aber gelöst. Da Jan erkrankt ist, hilft Benjamin K. derzeit bei Karussell an den 4 Saiten aus. Leider habe ich bei dem ganzen Trubel dann vergessen, mich genauer nach ihm zu erkundigen. Karussell hielt sich nicht lange mit Vorgeplänkel auf und kam sehr schnell auf den berühmten Punkt, der im Falle dieser Band natürlich ihre Musik ist. Karussell habe ich sowohl in den alten und auch in den neuen Zeiten schon oft gesehen (mancher denkt vielleicht sogar zu oft). Ich erlebe und durchlebe aber jedes Konzert anders. Dagegen kann und möchte ich mich auch nicht wehren.

Als Oschek das von Claus Winter komponierte Lied "Ein Gitarrist" sang, war mir diesmal schon etwas unheimlich klar: Diese Mugge würde eine höchst emotionale Angelegenheit für mich werden. Das hatte sicher auch was mit den Geburtstagen von Cäsar und Rio an diesem Wochenende zu tun. Um Missverständnissen vorzubeugen, ich will weder den einen noch den anderen Musiker noch sonst irgendwen auf einen übernatürlichen Sockel heben. Das würde ihnen meiner bescheidenen Meinung nach auch nicht gerecht. Wie jeder andere Mensch hatten auch die beiden Musiker ihre Stärken und Schwächen. Was sie aber von mir und vielleicht auch dir wesentlich unterschied, war ihre Gabe wunderbare Musik zu fabrizieren und sich im Haifischbecken Musikbranche nicht verbiegen zu lassen. Jedenfalls ging mir bei diesem Konzert eine Menge durch den Kopf. Ein Wechselbad der Gefühle überschwappte mich. Um es mal bildlich zu beschreiben: als ob man abwechselnd in kaltes und angenehm warmes Wasser springt. Es waren wechselnde Gedanken der Freude und der Trauer. Ich hörte die Band klar und deutlich spielen, aber mein Innerstes rotierte zeitweise und brachte alle möglichen Bilder und Erinnerungsfetzen aus meinem Leben zum Vorschein. Besonders am Ende des Konzertes als die Band "Wer die Rose ehrt" spielte, sah ich Gesichter von Menschen, die zu meinem Leben gehören und die mir etwas bedeuten. Ja, ich sah auch Cäsar, Rio, Claus Winter, Gundi und einige andere schon gegangene Musiker. Aber ich sah vor meinem geistigen Auge auch meinen Vater, meine Großeltern und auch einen guten Freund, der vor Jahren bei einem Autounfall starb. Wie in einem Film wechselten die Bilder in mir. Es war schmerzhaft und doch fühlte ich in diesen Augenblicken auch irgendwie eine in mir tiefe Dankbarkeit für diese Minuten der Erinnerung und für diese Menschen, die Teil meines Lebens sind. Nun könnt ihr mich für einen Spinner halten, aber ich schäme mich solcher Gedanken nicht. Ich weiß aber, dass einer mich in diesen Minuten ganz sicher verstanden hat, weil er sicher ähnliches gefühlt hat und sein freundschaftliches Schulterklopfen hat mir mehr als gut getan. Aber das soll ja eigentlich ein Konzertbericht sein, und ich versuche zum wiederholten Male hier die Kurve zu bekommen.


Reinhard "Oschek" Huth von Karussell

Speziell zu Cäsar und seinem Geburtstag fand Joe Raschke ein paar einfache Worte, die eigentlich auch eine Menge aussagten. Ich kann das Ganze nur sehr sinngemäß wiedergeben, aber mein Herz haben diese Worte auf jeden Fall erreicht und sicher auch noch viele Herzen im Publikum. Die Band will bei den Fans keine alten Wunden aufreißen, sondern ihnen auch die Lieder in Erinnerung an Cäsar live zurückgeben, damit sie nie in Vergessenheit geraten. Weil es wichtige und schöne Lieder sind, die zu uns allen und auch zur Geschichte von Karussell gehören. Die Jungs von Karussell haben ansonsten während dieses Konzertes genau das Richtige gemacht, sie haben ihr Ding durchgezogen und den Fans damit zwei außergewöhnliche Stunden bereitet. Sie haben ihre altbewährten und wichtigen Lieder wie "Ehrlich will ich bleiben", "Doch wenn die Hähne kräh'n" oder "Wie ein Fischlein unterm Eis" gespielt. Sie haben das Publikum wunderbar eingebunden und kräftig mitsingen lassen. Ich glaube, es war in dieser Beziehung eines der schönsten Karussell-Konzerte der letzten Zeit. Die berühmt-berüchtigten Fischer-Chöre sind dagegen nur "kaltes Wasser".

Doch Wolf-Rüdiger, Oschek und Co. haben auch sehr deutlich gezeigt, dass es bei Karussell keinen Stillstand gibt, dass die Band lebt und sie haben stolz ihre neueren Schmuckstücke präsentiert. Sie haben leise Lieder wie "Stern der Liebe" und auch kräftigere Rocksongs wie "Mein Zweitgesicht" präsentiert und mit diesen Songs den Beweis angetreten, dass Karussell auch anno 2011 immer noch eine Band ist, die gefühlvolle nachdenkenswerte Texte mit grandioser, melodiebetonter Rockmusik verbinden können. Damit schließt sie fast nahtlos an ihre erfolgreiche Zeit Ende der siebziger bis Mitte der achtziger Jahre an. Der "Stern der Liebe" ist eigentlich so ein ganz behutsames, leises Lied, aber Oschek singt es mit so einer Intensität und gefühlvoller Stimme, dass sich einem die Nackenhaare wohlig aufstellen. Über die Spielfreude und hohe Musikalität der Musiker brauche ich an dieser Stelle nicht mehr zu reden. Das dürfte allgemein bekannt sein. Die allerletzte Zugabe kam gefühlt viel zu schnell, aber die Band hat wirklich bis nach Mitternacht alles gegeben und sich den Feierabend redlich verdient.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Beteiligten für diesen außergewöhnlichen Abend bedanken. Diese Stunden haben mir wieder einmal sehr deutlich gezeigt, dass es noch viele Gleichgesinnte gibt, und dass ehrliche, handgemachte Rockmusik noch lange nicht zu den Akten gelegt wird. Solche Erlebnisse geben auch wieder neuen Schwung für den Alltag. Es wird für mich auch künftig immer wieder "Karussell-Drehungen" geben, und auch die "Verrückten Vögel" werden vor mir nicht mehr sicher sein ;-) Ganz herzlich danke ich Angie von den Crazy Birds und dem Kulturhaus Munzig für die äußerst nette und persönliche Einladung.





Fotoimpressionen:



Vorwort durch Hartmut Helms:







Crazy Birds (mit Gastmusiker Bernd Aust):



























Karussell: