Kelpie und Norland Wind live in Dresden am 22. April 2011


Bericht:
Hartmut Helms

Fotos:
Hartmut Helms






Kelpie und Norland Wind - live am Karfreitag
(Elfen-Reigen und Troll-Tänze zwischen Klippen und in dunklen Wälder des Nordens)

Es ist Karfreitag, Feiertag, und ein "Wetterchen zum Eierlegen", pflegte mein alter Herr bei solchen Wetterlagen meist zu sagen. Der meinte gar nicht die Hühnereier, begriff ich erst viel später, aber das Gefühl, das er meinte, treibt mich auch ab und an raus und weg, zumal bei diesem Sonnenschein.
Es hat etwas mit Sehnsucht zu tun, mit dem frischen Grün in der Natur, mit den ersten bunten Farbtupfern dazwischen und bei mir auch mit Lust auf neue, mir unbekannte Musik, die dies widerspiegelt. Eine dieser Platten, die das schon vor Ewigkeiten bei mir ausgelöst hatte, ist "Celtic Tradition" aus dem AMIGA-Fundus. Auf der Fahrt durch die grünenden Felder und an endlosen Baumreihen entlang, kommt mir genau diese alte Scheibe wieder in den Sinn, auch wenn die Felder links und rechts sowie die Bäume am Straßenrand das Typische der Lausitz bzw. des Schradenlandes ausmachen. Doch wenn man ganz genau hinsieht, spürt man auch hier so etwas von der Sagenwelt, in der einst Krabbat gelebt haben soll.

Auf dem Plakat am CLUB PASSAGE in Dresden lese ich KELPIE und auf einem weiteren NORLAND WIND. An diesem Abend werden drei sehr individuelle Künstler in drei sehr verschiedenen Projekten auf der Bühne musizieren und sie alle eint die Liebe zur Musik des rauen urwüchsigen Nordens in Irland, Schottland und Skandinavien. Dort findet man abgeschiedene Plätze, raue Felsen, tiefe Seen und dunkle Wälder, in denen die Fabelwesen aus alten Zeiten hausen, von denen die Sagen dort erzählen. In ihnen sind die Sehnsüchte versteckt, aus denen Menschen auch schon immer Lieder, Gedichte, Balladen, Jigs & Reels und Tänze gemachten haben.

Das Duo KELPIE folgt diesen Spuren aus alten Zeiten. Der Abend beginnt mit einem Song, in dem sie drei solcher alten Melodien in einer "zusammengebunden" haben. Schon nach den ersten Tönen von "Kryllingen" habe ich das Gefühl, etwas ganz besonderes zu erleben. Mit ihren Gitarren und in ihrer Stimme, zaubern KERSTIN BLODIG und IAN MELROSE eine Atmosphäre von Leichtigkeit und irgendwie auch von Melancholie, nordisch eben, wie ich es beim Segeln vor ein paar Jahren mehrmals in der Dänischen Südsee erleben durfte. Falls es einen Vergleich braucht, um mein Gefühl zu erklären, müsste man sich eine Kombination von Maddy Prior (Steeleye Span) und Martin Carthy (Watersons, Fairport Convention) vorstellen. Das sind Stimmungen, die mich mit ihrer Leichtigkeit einfach nur ganz tief innen zu berühren vermögen. Auch wenn es im nächsten Stück um einen der kältesten Ort Skandinaviens, um "Roerospols" geht, spüre ich eher emotional sehr tief Wärme in mir. Das mag an den drei Flöten liegen, die Ian Melrose nach ein paar Worten zu ihrer Herkunft, erklingen lässt. In der "Freitagnacht", es muss zudem noch ein 13. sein, tanzen die Elfen und Trolle und genau diese Eindrücke entstehen, wenn man die Augen schließt und das Hauchen, Stöhnen und Flüstern der Flöten sowie die beinahe elfenhaft klingende Gesangsstimme wirken lässt. Dazu eine schlanke Frauengestalt mit eben diesem Gesang, der die Töne spielerisch miteinander zu Melodien verbindet. Ganz ohne Krampf, Anstrengung ohne künstliche Power, einfach nur aus sich selbst heraus und mit einer unbeschreiblichen Wirkung. Nun wird mir klar, woher das Wort vom Elfengesang kommen muss. Warum rennen eigentlich so viele so oft zu Tull, wenn man zwischendurch auch KELPIE hautnah haben kann?

Das beeindruckende für mich ist die Wandlungsfähigkeit, mit der BODIG & MELROSE mittels Gitarren, Flöten und Stimmen Musik von gänzlich unterschiedlichen Orten und Einflüssen ihre ganz eigene, unverwechselbare Stimmung überzustreifen vermögen. Da erklingt ein Bretonischer Kreistanz "An Dro", der eigentlich von einer ganzen Schar Musiker (Pipe Bands) gespielt wird, nach einem "paradiesisch" klingendem "Psalm" und vor einem "Schlaflied".
Eine der vielen weiteren Überraschungen ist die Adaption eines Stückes von Neil Young. "Dance, Dance, Dance" klingt in dieser Form irgendwie vertrauter, intimer und die kleine Trommel in den Zauberhänden von Kerstin erzeugt regelrechte Grooves, die zum Fingerschnipsen verleiten. Dies ist nicht einfach nur ein Cover, sondern eine neue Klangidee mit viel mystischer Flöte, treibenden Grooves der Trommel und einer Stimme, die darüber auch noch improvisieren und tänzeln kann. Eigentlich hätte man aufstehen und tanzen müssen.
Wer von Elfen und anderen Fabelwesen singt, kommt natürlich am Namensgeber nicht vorbei. KELPIE ist Gälisch und meint einen Wassergeist in Gestalt eines weißes Pferdes mit einem fischähnlichem Hinterteil. Wanderern bietet er an, sie auf seinem Rücken über den Fluss zu tragen, doch sitzen sie erst einmal dort oben, zieht der sie unweigerlich mit in die Tiefe. Wenn man sich ein wenig im Back-Katalog von JETHRO TULL auskennt, wird man "Kelpie" bereits kennen und noch mehr dieser faszinierenden Songs finden, die aus der Feder von Ian Anderson stammen. KELPIE machten das geheimnisvolle Wasserwesen "Kelpie" zu einem weiteren Glanzpunkt des Abends und sieht mich still begeistert vor diesem Podium sitzen. Das hätte von mir aus im Zauber dieser Stimmung, mit den treibenden Grooves der Gitarre, die mich in wunderbarer Weise entfernt an NICK DRAKE erinnert, und im Sound der Flöten, so weitergehen können.

Doch für die nächsten drei Instrumentalstücke sitzt IAN MELROSE, der übrigens auch schon mit CLANNAD auf Tour war, allein auf der Bühne und gibt ein paar Kostproben seines hinreißenden Finger-Picking-Spiels auf der Gitarre. Er erzählt von seinem Wohnkiez in Berlin, wo er seit 30 Jahren lebt, und den vielen kulturellen Einflüssen, die er dort "80 Minutes Around The Corner" erleben kann und von denen er sich auch gern inspirieren lässt. Eine Kostprobe davon gibt er mit einem afrikanisch angehauchten Instrumentalstück, dem er eine eigene, sehr berührende Version des "Skye Boat Song" folgen lässt. Vor uns sitzt ein Weltstar mit seinem Instrument und keiner schreit vor Begeisterung lauf auf. Mir selbst stockt einfach nur der Atem. Das letzte Stück nennt er, der Bemerkung eines Musikerkollegen folgend, "Pick'a'Pick Is Have More Fun" und diese Freude haben am Musizieren merkt man ihm auch wirklich an. Der Mann vermag mit seinem Fingerspiel auf den sechs Saiten ein leises Hauchen ebenso wie einen perlenden Wasserlauf zu erzeugen.

Für den dritten Teil dieses Abends kommt ein weiterer Solist zu KERSTIN BLODIG und IAN MELROSE. Mit THOMAS LOEFKE stehen sie nun zu dritt als NORLAND WIND auf der Bühne im Club Passage. Loefke ist einer, der das Spiel der CELTIC HARP in Dublin gelernt hat und seither den Klang dieses einzigartigen Instruments über sein Ursprungsland hinaus verbreitet. Dies tut er in ganz unterschiedlichen Konstellationen und mit verschiedenen Musikern. Vor Jahren hatte ich NORLAND WIND schon einmal erlebt und da standen neben Loefke keine geringeren als Matthias Kießling von Wacholder und Maire Breatnach, die Riverdance-Geigerin, auf der Bühne. Damals schon fühlte ich, das würde ich noch einmal erleben wollen.

Den Kern von NORLAND WIND, nämlich den Schwarzwälder Thomas Loefke und Kerstin Blodig mit norwegisch-deutschen Eltern, gibt es seit nunmehr 20 Jahren und seither immer mal wieder mit anderen Musikern, zu denen auch Ian Melrose gehört. Dieses Trio bietet die authentische Musik der grünen Insel, alte Weisen neben neuen Lieder und wenn man Stücke wie "Friends Across The Water" live hört, kommt man einfach nur ins Schwärmen. Die Harfe ist ein Instrument der zarten und leisen Töne, und der Mann direkt vor mir verleiht mit seinem Spiel den Melodien beinahe etwas unwirklich Schönes. Mit geschlossenen Augen und einem Lächeln im Gesicht streicheln seine Finger die Saiten. Da mag man beinahe nicht glauben wollen, dass so ein Stück im 5/8-Takt "Heirate den Dudelsackspieler" heißen kann.
Für mich ist das alles wie eine Reise, die mich gedanklich zur "Isle Of Man" führt, wo dieses Stück so etwas wie eine heimliche Hymne ist, oder ich fühle mich auf einer der vielen Fähren in "The Early Morning", irgendwo zwischen den Schottischen Orkney Inseln, dorthin, wo in Kirkwall mein Freund David zu Hause ist. All diese wunderschönen Balladen verleiten dazu, seine eigenen Gedanken schweifen zu lassen. Eine dieser Balladen ist "Lord Franklin" gewidmet, der 1845 auf Schlitten versuchte, die Nord-West-Passage im Eis zu finden, die "dank" einer "hoch zivilisierten Industriegesellschaft" erstmals im Jahre 2007 durch veränderte Naturkräfte von selbst eisfrei wurde. Auch dorthin werden unsere Gedanken dezent gelenkt.

Zum Ende des Abends sitze ich zwar still, aber tief beeindruckt von dieser Vielfalt und dem Rausch der tiefen Emotionen in mir, der sich über den ganzen Abend erstreckt hat. Daran kann auch dieser "Storm In The Teacup" (Sturm im Wasserglas) nichts mehr ändern, der musikalisch vor mir tobt. Mir fehlt schlicht die berühmte Spucke, ich bin weg und alle. Ganz zum Ende des Konzerts verabreichen die drei mit "Celtic Sampa" noch ein erfrischendes Zaubergetränk, hinter dem sich eigentlich heiße Milch mit Honig verbirgt. Das Instrumentalstück, bei dem Ian Melsore noch einmal seine große Musikalität zeigen kann, hinterlässt mich aufgekratzt und innerlich aufgewühlt.

Es gibt Leute, die gehen zur Entspannung in die Sauna, andere treibt es in die Schrebergärten. Mich zieht es seit dem "Mr. Tambourine Man" von Dylan im Gewand der Byrds und all den anderen Blaupausen danach wie magisch zur Musik - Beat, Rock, Folk und wie sie alle "heißen". Dies ist mein Kraftquell, mein Lebensgefühl, meine Sehnsucht. Musik von Celtischen Sagen, Schottischen Klippen und Norwegischen Wäldern war gestern mein Trip in eine Wellness-Oase für die Seele sowie wieder mal die Erkenntnis, dass es abseits vom durch Medien gesteuerten Mainstream immer noch neues, anderes und reizvolles zu entdecken gibt. Der unterkühlte Norden Norwegens und die vom Whisky getränkte Glut der Iren und Schotten, zwei brilliante Gitarren, drei Flöten, eine Harfe und ein Zauber von Stimme haben mich mal wieder süchtig gemacht. Seit gestern steht bei mir eine neue Live-CD von KELPIE gleichwertig neben denen der Watersons, Clannad, Wacholder und Mari Boine, die vor Jahren auch so eine Neu-Entdeckung war, und ich weiß ganz genau, dies wird nicht meine letzte Begegnung mit einem elfenhaften weißen Zauberpferd gewesen sein. Wenn's sein muss, setze ich mich auch drauf!

Bitte beachtet auch:
- Off. Homepage von Kerstin Blodig: www.kerstinblodig.com
- Off. Myspace-Auftritt von Kelpie: www.myspace.com/duokelpie
- Off. Homepage von Ian Melrose: www.melroseacousticguitar.com/
- off. Homepage von Nordland Wind: www.norlandwind.de





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