Gerd Köster, Frank Hocker & Begleitung live im
"Tanzbrunnen" zu Köln am 16. September 2011


Bericht:
Hanni Möller

Fotos:
Hanni Möller,
off. Pressematerial





„Ach wenn ich un du
Un du un ich
Un loss et nur e paar Nääch noch sin
Wat wööd ich schwimme
Övver Ozeane
Ejal wie deef öm bei dir ze sin!“
(Beginn aus „1000 Johr“)


Gerd Köster & Frank Hocker (Pressefoto)

Diese Worte und der dazugehörige Song, der mich vor 20 Jahren so ergriffen hatte und nie mehr los ließ, und der vor allem durch die Stimme Gerd Kösters ein einzigartiges Erlebnis ist, weil seine ganze Tiefe dort zum Ausdruck kommt, kam bei diesem Freiluft-Band-Konzert am Freitagabend im Kölner Tanzbrunnen als letztes Stück (vor 2 Zugaben) und zog einen noch einmal weit in die Vergangenheit. Die Stimme: sie ist nicht mehr so gewaltig (und hatte auch bei vielen Songs davor stärkere Schwächen), aber „1000 Johr“ bleibt grandios & einzigartig. Das Publikum sang dann auch vor allem hier sehr laut mit, was mich aber gleichzeitig wunderte, weil man das Gefühl bekommt, daß es nicht spürt, was es singt, und es eher zu einer Art Kerzenwunderlichtgestaltung wird. Aber das sollte dem Erlebnis keine Beeinträchtigung schenken, und in Köln ist das auch nicht anders als anderswo mit der etwas verkehrten Mitsingerei in Bezug auf Tempo oder Gespür (und ich sollte nicht immer zu kritisch mit solchen Dingen sein). Denn ich war froh, dieses Lied überhaupt noch einmal live gehört zu haben, nachdem es durch die frühere Band-Geschichte mit „The Piano has been drinking“ oft gespielt und dann aber in eine Art Schatztruhe gesteckt wurde, seitdem Gerd Köster mehr machte als nur Sänger auf einer Bühne zu sein.

Man könnte viele Stationen aufführen (Hörbücher, Schauspiel, Texter, Übersetzer, Weinkenner, Kölner, Radiomoderator, Antikarnevalist in Bezug auf 1 & 3 und Vieles mehr), die vielleicht auch wichtig wären zu kennen, wenn man ihn vollkommen neu jetzt an diesem Konzertabend erlebt hätte. Aber das Publikum dort war im tiefsten Grau behauptet (bis auf die Damen, die es dann doch vorziehen, künstliche Farbe in ihr Haar zu geben), was zeigt, daß seine Fans mit ihm gealtert sind und auch jeden Ton kennen. Es wirkt vor allem in Köln wie ein großes Familienfest, in dem Gerd Köster ebenso moderiert, vollkommen aufgeht in seiner kölschen Sprache, mit der er liebend jongliert, um das Publikum vertraut aber auch mit einer gewissen liebevollen Distanz zu verführen. Ich hoffe dabei nur immer sehr, daß Einiges seiner zahlreichen Bemerkungen vor und zu den Liedern auch beim Publikum wirklich ankommt. Sie entbehren nicht einer eindeutigen politischen Haltung und zeugen von präziser Gesellschaftsbeobachtung, die sich dann ja auch textlich sehr fein und wortspielerisch in den Songs widerspiegelt. Sie sind oft weit entfernt von einer mainstreamigen Meinung über die Welt, die dann doch in der Publikumsmenge nicht unbedingt im normalen Leben gelebt wird. Aber in dieser Konzertatmosphäre ergibt sich immer zustimmender Applaus, und es tut dem Ganzen auch sehr gut - und wenn es nur ein Statement zur Energiesparlampe ist, die seiner Meinung nach eigentlich nur aus Nachteilen besteht. Aber auch den Vergleich von Alzheimer- und Potenzmittelforschung scheut er nicht wie auch der Behauptung: „Gott ist eine Frau“ (und freut sich dabei über die Anwesenheit einiger Atheisten im Publikum...)!


Der Tanzbrunnen in Köln

Das Konzert war dann auch eine wunderbare Mischung vieler Musikstile von klassischem Rock über Blues bis hin zum kölschen Krätzje, was dem Nichtrheinländer eher schwer zu beschreiben ist und sich ggf. mit einer platten Annäherung an ein karnevalistisch bekanntes Duo vergleichen lässt, die dann auch mit einer Art Hommage von Köster & Hocker im Duett geehrt wurden – wie sie es in den nun schon jahrelang zelebrierten kleinen Clubkonzerten im akustischen Rahmen mit 2 Gitarren zum Gesang vorwiegend tun. Daher war das aktuelle Konzert dann auch eine der wenigen Ausnahmen in seiner elektrischen Komplexität. Die Musiker dabei wie immer exzellent: Frank Hocker darunter (Lebensbegleiter und Gitarrist) wieder einmal Weltklasse; er stellte erneut Gitarren-Variationen der bekannten Songs ein, die den Lieder mehr als nur i-Tupfer geben und auf den Punkt einfach treffen. Aber er ist auch um keinen Spruch verlegen („Manchmal gehen wir ganz tief in uns... und kommen enttäuscht wieder zurück“) und bereichert Gerd Köster auf der Bühne in vielfältiger Weise. Helmut Krumminga, der zweite Gitarrist und mitlerweile ein weiteres Kölner Original, war wie immer cool und leidenschaftlich an seinen Saiten. Schlagzeug & Bass im perfekten Einklang dazu. Der Eröffnungssong „Maat höösch“ brillierte nur so vor Kraft, obwohl er schon in seiner Urversion eine nicht zu verachtende Energie verströmt. Herausragend war auch ein neueres Stück zur Umschreibung der piefigen Nachbarschaft, wobei Gerd Köster dabei eine Art Sprechgesang zu kräftigen Gitarrensaiten nutze und gleichzeitig mit dem Fernglas in der Menge suchte – wie er es in dem Song es dann auch beschreibt, wo da einer hinter den Gardinen stehend die Welt beherrschen möchte. Seine Liebe zu Köln betonte er ebenfalls in einem Vorwort und dem entsprechenden Song („...Jo mer lääven quasi en d`r Jrossstadt, dobei simmer all Buure Säu...“). Es folgten eine Reihe von Liedern der jüngeren Zeit, die aber leider in ihrem Abschluß jeweils recht kurz gehalten wurden und nicht in ein Solo oder sonstige Ausflüge führten. Es gab einem zwischenzeitlich das Gefühl, daß die Spielfreude nicht ganz da war. Vielleicht mag es aber auch einfach nur etwas schwer sein, ein fast schon 1 Jahr im voraus geplantes Band-Konzert auf den Punkt genau in Höchstform zu geben, wenn man sich in dieser Besetzung nicht allzu oft wieder findet. Trotzdem erreichte das Konzert kurzweilige 2 ½ Stunden ohne Unterbrechung und wurde durch die extremst festgelegte Uhrzeit des Veranstalters (aufgrund genauer Ruheregelungen der Stadt) beendet. Das Publikum verlangte jedoch noch lange weitere Zugaben, obwohl die Besänftigungsmusik vom Band und der Abbau der Instrumente bereits eingesetzt hatten. Auch ich hätte gern noch weiter zugehört, weil es zum Ende hin an Stärke gewonnen hatte und man quasi erst begann, sich in der Musik aufzulösen (ganz so nach Kösters Ansage, daß das Träumen mit dem Wachwerden nach der Nachtruhe nicht beendet wird sondern gerade erst anfängt).

Man könnte viel über Köster & seine Musik schreiben, wenn es davon nicht schon so viel gäbe. Als Fazit des Abends sei vielleicht noch zu erwähnen, daß die, die Köster kennen, nichts versäumt hätten, wenn sie nicht vorort gewesen wären. Und die, für die er neu zu entdecken ist, werden nicht den gesanglich besten Köster erlebt haben, aber es muß auch nicht immer der Vergleich mit anderen Zeiten gezogen werden. Für mich war es einfach ein schöner Abend. Klanglich war alles sehr gut, die Abwandlungen des Bekannten in Bezug auf Tempo oder Punktsetzungen genial und die Freude allgemein groß, ihn nach 10 Jahren ohne Band endlich wieder einmal elektrisch verstärkt im Rahmen einer Band gehört zu haben. Fotos habe ich an diesem Abend keine gemacht, da ich nicht im Auftrag der Deutschen Mugge unterwegs war und Kameras im Kölner Tanzbrunnen bisher nicht erlaubt wurden.

Als Abschluß einer meiner Lieblingstexte, der gepaart mit der schnellen kräftigen Musik des Songs „Alles im Griff“ besonders stark und typisch daher kommt in seiner überspitzter Form und auch an diesem Abend gespielt wurde:

Ich han ne Jrizzlybär em Köhlschrank
Drei Pumas en d`r Jaraasch
Han Mango-Bäum op d`r Finsterbank
Un ne Landeplatz om Daach
Ich han ne Lüjendetektor
Für jede joode Stään
Un Petrus määt mir für kleine Maus
Ne wärme Dauerrään
Ich han alles im Griff he
Ich bruche veezehn Daach Urlaub
Öm minge Jaade affzejonn
Un ich schleiche zum Laache en d`r Keller
Do wo die Leiche stonn
Luur vun mingem Leuchtturm
Eimol öm de Ääd
Un sinn weit un breit kein ander Kind
Dat met mir spillen däät
Jo mieh Stäänbild wor e Schoof
Wäje Blödheit vürbestroof
Mieh Katehuus stund op Sand
Dä se mir en`t Ouch jestreut han
Hatt mich an klein Brüütche jewönnt
Un dann es minge eezte Frönd
Met minge letzte Skrupel durchjebrannt
Jetz han ich alles im Griff he
Praktisch alles fess em Griff
Ich han alles em Griff
Ich han zwei Dogge treu un scharf
Met nem Hundeblick us Stahl
Die heissen Romeo un Julia
Un sin lebenslang loyal
Ich han Fledermüüs an d`r Ling
Die drinke minge Schweiss en d`r Naach
Un ming Schlang friss nur verwunschene Frösch
Am Valentinsdaach
Jo ich hann e jebroche Hätz
En de Klodüür renjeritz
Han jede Falldüür enjerannt
Un kein Verwandte mieh jekannt
Han övverall noh ihr jeluurt
Dann selver wöödich römjehurt
Ich nemme kein Schuss vür voll
Mieh Hätz es leer
Ich han alles im Griff...


Bitte beachtet auch:
- off. Homepage von Gerd Köster: www.gerd-koester.de
- Seite vom kölnkongress über den Tanzbrunnen : HIER klicken