Wolf Maahn live am 23. Januar 2009
in der "Fabrik" zu Hamburg



Bericht: Holger Stürenburg
Fotos: Archiv Wolf Maahn & rwinter.net




"Et ess Verdamp lang her" - mit dieser legendären Textzeile einer äußerst geläufigen Kölner Rockband möchte der Verfasser dieser Zeilen vorliegenden Konzertbericht beginnen. 2009 jährt sich das umstrittene, vieldiskutierte, teils seinerzeit übertrieben hysterisch begrüßte "Orwelljahr" 1984 zum 25. Male. Die Tage zwischen dem 01.01.84 und dem 31.12.84 haben mich menschlich und musikalisch sosehr geprägt, wie keine andere Phase meines Lebens. Mein Vater starb, Helene Fischer wurde geboren, ich erlebte und durchlitt meine so genannte "Erste Liebe" - und es erschienen nicht wenige Schallplatten, die mich bis heute, ohne jegliche "Abnutzungserscheinungen", beeindrucken, beeinflussen, inspirieren, verzaubern sollten.
Eine derer nannte sich "Irgendwo in Deutschland", aufgenommen bzw. eingespielt von WOLF MAAHN und seiner damaligen Begleitcombo, den "Deserteuren". Ich übertreibe keineswegs wenn ich an dieser Stelle erwähne, daß diese wunderbare, zeitgeistverachtende Liedersammlung seit damals regelmäßig mehrfach pro Monat auf meinem Plattenspieler rotiert, und mich heutzutage noch genauso fasziniert, begeistert und elektrisiert, wie zu ihrem Veröffentlichungsdatum, irgendwann im dunkel-melancholischen Herbst 1984. Seitdem ist viel Wasser die Elbe herabgeflossen, aber WOLF MAAHN ist immer noch da - und vor allem immer noch und weiterhin dazu in der Lage, seine mit ihm in Würde gereiften Fans konzertär mitzureißen, geradezu in Ekstase zu versetzen. Dies bewies das knapp 54jährige "Wirtschaftswunderkind" am vergangenen Freitag (23.01.2009) vor rund 500 hingerissenen Anhängern im Kulturzentrum FABRIK zu Hamburg-Altona.
1993 hatte WOLF MAAHN als einer der ersten deutschen Künstler überhaupt eine CD im "Unplugged"-Verfahren aufgenommen. Die akustische Instrumentierung überwog auf "Direkt ins Blut"; elektrisch verstärkte Klänge verblieben in der Minderheit. Diese "inoffizielle" Best-of-Kollektion, die Wolfs bedeutsamste Lieder aus den 80er Jahren beinhaltete, schoß sogleich in die Charts - Ja, und im Herbst 2007 setzte Wolf Maahn jenes hochinteressante Projekt fort, veröffentlichte das grandiose Doppelalbum "Direkt ins Blut II" - und landete damit wiederum schnurstracks in den offiziellen "Media Control"-Listen.
Begleitet von einem Schlagzeuger, einem Keyboarder/Mundharmonikaspieler, einem Bassisten und zwei Gitarristen, befindet sich der ehemalige Kunststudent nun mal wieder auf ausgiebiger Deutschlandtournee, im Rahmen derer er Abend für Abend über zwei Stunden lang "25 Jahre Fieber" (İHolger Stürenburg) zelebriert. Gegen 21.13 Uhr, betraten Wolf und seine Truppe die Bühne der FABRIK und legten los mit einer schier umhauenden Mischung aus allseits bekannten Klassikern deutscher Rockmusik und neueren Titeln aus den letzten, zwar qualitativ hochwertigen, kommerziell aber leider überwiegend untergegangenen Produktionen aus dem Hause Maahn. Die brodelnde Ballade "Hallo Sehnsucht", erstveröffentlicht 1999 auf der sehr "schwarzen" CD "Soul Maahn", eröffnete ein Konzertprogramm, das wahrlich keine Wünsche offen ließ. In diesem prickelnden Schleicher geht es inhaltlich um den Wunsch, endlich einmal dem Alltag zu entfliehen - eben die "Sehnsucht" pur zu erleben; eigentlich so leicht, aber doch soooo unendlich schwer.
2004 hatte WOLF MAAHN das ewig unterschätzte Album "Zauberstrassen" aufgenommen, eine fulminante Sammlung perfekter Pop/Rock-Songs, für die - und hier kann der Verfasser dieser Zeilen durchaus als "Kronzeuge" fungieren - seine damalige Plattenfirma UNIVERSAL - wie der Künstler während des Altonaer Konzerts auch eindeutig betonte - in Sachen PR rein gar nichts unternommen hatte. "Zauberstrassen" besaß bzw. besitzt immer noch eindeutig Hitpotential - die Bewerbung seitens Berlin verlief aber in derart unprofessioneller Manier, weshalb sich Wolf kurz darauf entschloß, künftig eigene Wege zu gehen: Er gründete ein eigenes Label, ist nun sein "eigener Herr" und nicht mehr auf unfähige Plattenfirmen-Menschen angewiesen, die eben kein "Fieber" in sich tragen...
"Eins für die Schwärmer" und "Treibsand" kamen aus "Zauberstrassen" auch am 23.01.09 in der FABRIK zum Zuge - leider aber nicht (und hier ist der Verfasser mal seeeeeeeehr subjektiv...) das vermutlich innigste Liebeslied des neuen Jahrtausends, "Schlüssel" - Tina, komm, hol den "Schlüssel" und schließ mich auf : )))
Dafür intonierte Wolf aber den liebenswerten Titelsong seines 1986er-LP-Highlights "Kleine Helden", den einst von der schwäbischen Kollegin Anne Haigis interpretierten Mid-Tempo-Ohrwurm "Kind der Sterne" (von Wolf selbst 1987 auf Englisch als "Born Beautiful" für einen "Schimanski"-Kinostreifen aufgenommen und ein Jahr darauf auf der LP "Third Language" verwendet), den positiven und konsequent optimistischen, konstruktiven Hymnus auf den "Selbstrespekt" (1992), die radikal traumhafte Liebeselegie "Ich wart auf Dich" (1986), den schnellen, treibenden Mundharmonika-Blues "Bleib noch hier" (1989) oder die zynische Abrechnung mit dem "Hobby-Freud" (1984), einem selbsternannten Möchtegern-Psychologen bzw. sprichwörtlichen "Briefkasten-Onkel", dessen unprofessionelle Ratschläge es in zig spießigen Frauenzeitschriften für ein paar Euro im Supermarkt zu kaufen gibt.
Und da sind wir auch schon bei "Irgendwo in Deutschland", jener LP, die den Rezensenten seit knapp 25 Jahren auf intimste Weise begleitet. Daraus gab es (natürlich!) das legendenbehaftete "Fieber" zu hören, übrigens mittels eines beißenden A-Capella-Intros gänzlich neu arrangiert, den sagenhaften Titelsong im (ellenlangen) Zugaben-Part, solo per Akustikgitarre vorgetragen, selbstverständlich die noch heute regelrecht umhauenden "Rosen im Asphalt" und den eindringlichen Blues "Uhh, Mädchen" - genialische Titel aus einem Album, das dem Verfasser dieser Zeilen fraglos "Lebenshilfe" und "Lebensinhalt" in einem waren/sind.
Seinen Idolen, Bob Dylan bzw. Bob Marley, huldigte WOLF MAAHN mit spektakulären Coverversionen von "Like a Rolling Stone" bzw. "No Woman, No Cry". Als relativ zum Schluß des Konzertes "Wenn der Regen kommt" (1990) und "Wunder dieser Welt" (1986) erklangen, präsentierte sich Wolf eigentlich nur noch als reiner Dirigent. Wort für Wort sangen die Anwesenden ebenjene Titel aus vollstem Halse mit, wobei angemerkt werden sollte, daß sich tatsächlich nur Beinhart-Fans an jenem kalten, verschneiten Winterabend in der FABRIK eingefunden hatten. Altersgenossen des Rezensenten, denen Wolfs phänomenale Musik, irgendwo angesiedelt zwischen Springsteen, Dylan und vor allem viel, viel Soul, im Laufe der Jahre genauso sehr "Direkt ins Blut" gegangen ist, wie mir!
WOLF MAAHN 2009 ist noch genauso energetisch und begeisternd wie 1984 - er ist und bleibt der sprichwörtliche "Soul Maahn". Er besitzt einfach DAS "Fieber". Wenn nicht er, wer dann? Seine Lieder, egal aus welcher seiner Schaffensperioden, sind und bleiben zeitlos. Es sind Meilensteine deutscher Rockmusik, die in einem Takt mehr Authentizität, Originalität, Gefühl und eben "Soul" in sich tragen, als soundsoviele Beiträge aus jenem Chaos, das sich im neuen Jahrtausend "Deutschrock" schimpft!
Ich sage nur: Leute, kuckt, ob Wolf dieser Tage in Eurer Nähe gastiert - und rennt hin :-)))

Bitte beachtet auch: www.wolfmaahn.de





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