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Dirk Michaelis live in Naunhof am 24. April 2010 Bericht: Fred Heiduk Fotos: Sebastian und Matthias Ziegert
Der ein oder andere wird sich fragen: Jugendweihe und dazu ein Konzertbericht auf Deutsche Mugge? Was wird's denn jetzt? Ich will das Rätsel auch sofort auflösen. Am Sonnabend, den 24.04. gastierte im Naunhofer Bürgersaal Dirk Michaelis. Zum Ende des Konzerts, als er sich mit Blumen in der Hand vor dem Publikum verneigte, sagte er für alle laut und vernehmlich "Ich komme mir ein bisschen vor, wie bei der Jugendweihe" und forderte damit geradezu die obige Überschrift. Nach dem Konzert sagte er mir, "Na ja, alle Musiker in Schwarz gekleidet, dazu die Blumensträuße, das Publikum in den Stuhlreihen und alles irgendwie feierlich... So ähnlich war das ja. Das kam mir da gerade in den Sinn." Das Konzert selbst hatte allerdings ganz und gar nichts mit Jugendweihe und wenig DDR Vergangenheit zu tun. Nur 4 Titel stammten aus Ostzeiten. Alle aus der Zeit als Dirk Michaelis der Gruppe Karussell zu neuen musikalischen Höhen verhalf. Nicht unumstritten, verlor doch die Band in dieser Zeit viele Fans aus ihrer frühen Cäsar-Zeit. Andererseits gewann sie massenhaft Fans neuer, poppiger Töne und sicher auch ein paar des jungen, unverbrauchten Sängers Dirk Michaelis wegen, hinzu. Einige dieser alten Fans (mittlerweile so etwa 40 +) haben Dirk Michaelis bis heute die Treue gehalten und saßen nun wieder im Publikum. Auch wenn die Lieder sich etwas verändert haben, selbst alte Titel neue Arrangements bekamen, jung und unverbraucht ist Dirk Michaelis trotz der deutlich kürzerer Haare und des unverkennbaren Silberglanzes darin immer noch. In gewisser Weise hatte ich den Eindruck, da steht einer auf der Bühne, der nicht nur und niemals ganz erwachsen sein will, der sich eine gehörige Portion kindlicher Unbekümmertheit bewahrt hat und das beim musizieren auszuleben versteht. Das spürte man in seinen Ansagen zwischen den Titeln, oder stellenweise in seiner Bühnenperformance. Sobald sich Dirk Michaelis im Publikum angekommen - verstanden - fühlte, brach es aus ihm leidenschaftlich und gewaltig hervor. Da erklangen überraschende und ungewohnte Klänge aber auch Ansagen und Zwischentexte, da ging er in seiner Musik, dem gesamten Programm vollständig auf. Und immer mal wieder war da etwas, was man von einem gestandenen Künstler, den man ein wenig vorschnell gelegentlich in die Herz-Schmerz-Balladen-Ecke stellt, nicht erwartet. Was Michaelis mit seinen beiden Musikern und einem Techniker an jenem Abend bot, war mir zum größten Teil nicht bekannt und alles andere als altbacken, langweilig oder abgedudelter Schlagerkram. Auch wenn einiges auf mich stellenweise überzogen gewirkt hat, weniger wäre vielleicht hier und da, besonders bei den Geschichten zwischen den Titeln, mehr gewesen - den meisten im Publikum bereiteten gerade die Überleitungen sichtlich Freude. Insider, die Dirk Michaelis zum wiederholten Male sahen, verrieten mir, dass einige der Ansagen schon länger im Programm wären. Ich hab mich immer wieder daran gestoßen, dass ich nicht wusste, erzählt er jetzt eine wahre oder eine erfundene Geschichte. Mitunter fehlte mir auch der Bezug zu den Titeln auf die sie hinleiteten. So dramatisch sich das anhören mag, das Ganze war in keiner Weise der Stimmung im Saal abträglich. Ganz im Gegenteil. Das Publikum hing geradezu an den Lippen Dirk Michaelis'.
Dabei überrascht Michaelis erneut. Dieses Mal mit der Vielfalt der Stile, die er, wenn es ihm und seinen Musikern so ist, auch mal in einer Improvisation zu einem Titel miteinander vermischt. In einem Dirk Michaelis-Konzert bekommt man so Popballaden neben Chanson oder lupenreinen Blues und hammerhartem Rock zu hören. Dabei spielen die Musiker mit denen Dirk Michaelis aktuell auftritt eine wichtige Rolle. Die drei Herren verstehen sich geradezu blind. Das Zusammenspiel passt einfach. Zum einen ist da Sören Birke. Er spielt Mundharmonika und Duduk, ein armenisches Holzblasinstrument mit einem fantastischen, leicht orientalischen Klang. Mit seinem Spiel setzt er immer wieder die Bigpoints in einzelnen Stücken. Mal sind es die ganz leisen Töne, mal gewaltige Bluesfolgen die Birke mit seiner Mundi zaubert. Einzig, man mag es kaum glauben, bei "Als ich fortging" fand ich die, wenn auch recht verhalten gespielte Mundharmonika, eher unpassend. Ansonsten war Birke nicht nur einmal der tragende und treibende Part im Trio. Die kleine Besetzung wird durch einen jungen Mann vervollständig, Thomas Maser an der Leadgitarre. Der junge Mann hat mich schier umgehauen. Was immer im Set gefordert war - Maser brillierte. Es ist einfach ein Genuss, was er aus seinem Instrument zaubert. Da wird blitzsauber gezupft um wenig später kraftvoll die Saiten zu schlagen. Die Finger flitzen über den Gitarrenhals, dass man befürchtet, Maser könnte sich die Finger dabei verknoten. Kaum einmal war dieses Geräusch zu hören, das entsteht, wenn die einzelnen Griffe nicht sauber gesetzt, sondern "verschliffen" werden. Richtig gut auch die immer stimmende Dynamik die von seinem Spiel ausging. Mal gewaltig, mal ganz verhalten, je nachdem was die Titel bedurften. Und immer in brillanter Abstimmung zur Melodiegitarre Michaelis. Es gab Momente da waren die Musiker, speziell Maser und Michaelis geradezu versunken in ihrer Musik. Das war sichtbare Spielfreude gepaart mit außergewöhnlichem Können. Maser der bereits mit 7 Jahren mit klassischer Gitarrenausbildung begann, ist ein Großer an seinem Instrument, ohne sich in irgendeiner Weise selbst in den Vordergrund zu spielen. Bis auf eine für ihn geschaffene Einlage. Mit seinem Rocksolo kann er es locker mit ganz großen Namen und Vorlagen aufnehmen. Von dem jungen Mann wünschte ich mir mehr tollen, klassischen Rock'n Roll. Schön zu sehen und zu hören, was für hervorragende, junge Musiker es gibt, die in Ihr Spiel richtig Seele legen können.
Nach dem Konzert kam es auch zu einer sehr emotionsgeladenen Begegnung zwischen Dirk Michaelis und dem alten Karussell-Techniker Dietmar "Keule" Staffe, dem Dirk Michaelis nach seinen eigenen Worten, viel zu verdanken hat. Natürlich wurde dabei auch die eine oder andere Geschichte aus gemeinsamen, alten Zeit zum Besten gegeben. So wundert es nicht, dass sich Dirk Michaelis erst kurz vor Mitternacht schließlich sozusagen stellvertretend für viele andere Künstler von der langjährigen Veranstalterin und guten Seele dieser und vieler anderer Naunhofer Kulturveranstaltungen, der rührigen Frau Scheibner, verabschiedete. Ihr wurde mit diesem grandiosen Konzert gewissermaßen ein würdiger Abschied zu Teil, da sie in wenigen Tagen endgültig in den Ruhestand geht. Aber wer weiß...? Vielleicht hat sie ja irgendwann Lust ihren reichen Erfahrungsschatz in der einen oder anderen Art und Weise, vielleicht an ganz anderer Stelle wieder direkt einzubringen? Denn an einen endgültigen Ruhestand kann man angesichts ihres Engagements und ihrer Tatkraft noch gar nicht recht glauben. Doch nochmals zurück zu Dirk Michaelis. Zum einen sei darauf verwiesen, dass Dirk und seine Musiker einen recht vollen Terminkalender haben und mit ihrem Programm kreuz und quer durch die Republik touren. Genauere Infos gibt es dazu auf seiner Webseite oder seinen Myspace-Auftritt. Und dann muss ich unbedingt auf sein in wenigen Tagen erscheinendes 10. Album "Glaube Liebe Hoffnung" hinweisen. Auf dem Album wird ein Titel zu finden sein, wie es ihn sehr, sehr lange nicht mehr gab. Es handelt sich um den aus meiner Sicht absoluten Höhepunkt des Naunhofer Konzertabends, den neu arrangierten alten Karussell-Titel "Am Ende der Schlacht", einer Komposition von Dirk Michaelis mit einem großen Text von Michael Sellin, die auch schon auf der unterbewerteten Karussell LP "Solche wie Du" zu finden war. Wie die drei Musiker die Dramatik in dieser Fassung von einem verhalten beginnenden Intro zu einem gewaltigen Rockrhythmus steigern, wie die einzelnen Instrumente miteinander harmonieren und dennoch jedes für sich Höhepunkte schaffte, und nicht zuletzt der eindringliche Text den Dirk Michaelis überaus überzeugend interpretiert - besser kann man poetische Rockmusik nicht machen. Nicht zuletzt deshalb ist mein Fazit zu dem Konzert: Dirk Michaelis ist wohl einer der besten deutschsprachigen Sänger, der mit sehr, sehr guter handgemachter Musik überzeugen kann und in dessen Konzerten das Publikum, wenn es sein muss, auch auf die Stühle steigt. Schon um sich selbst ein Bild davon zu machen, empfehle ich einen Konzertbesuch.
Fotoimpressionen:
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