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NEW MODEL ARMY live am 20. November 2009 in Berlin Bericht: Christin Wannagat Fotos: André Serfas
Interessant vorab ein kurzer Ausflug in die englische Geschichtsschreibung. Das klärt die Namensgebung der dreißigjährigen Band "New Model Army", die am vergangenen Freitag und nach gut einem Jahr wieder im Berliner Kesselhaus spielte. Der Name geht einst auf die Brigade junger und kriegerisch gut ausgerüsteter Männer zurück, die unter Oliver Cromwell im englischen Bürgerkrieg von 1642 bis 1649 die Truppen Karls I. bekämpften und damit siegreich die Monarchie abschafften. Unter modernster Kriegsführung wurde unter der "Armee nach neuem Modell" das Commonwealth errichtet. Justin Sullivan, Bandsänger und Vollblutsmusiker, muss sich diese Ausrüstung wohl zum Vorbild genommen haben, vielleicht auch nicht - er entlehnte den Namen womöglich diesem und keinen anderen Kontext und gründete daraufhin 1979 die gleichnamige Band. Mit einer Armee hat seine Formation heute gottseidank nichts mehr zu tun, bilden doch die fünf Musiker aus England bestenfalls eine "Zusammenrottung" kräftiger, aber keinesfalls kriegerischer Männer, obgleich ihre Bühnenpräsenz ein Schlachtfeld schrammelnder Gitarren und kreischender Fans hinterlassen mag, zur Freude aller hart gesottenen Metalliebhaber. Musik ist so wichtig Aber genug der Fakten, schließlich geht es hier um Musik! Wer NMA kennt, genießt nicht allein den Unterhaltungswert der ansehnlichen Rockmusiker sondern hört auch ihren Kampfauftrag. Politische Statements sind bei Sullivan das Non plus Ultra. Insofern liegt der Vergleich mit der Cromwells Brigade doch näher als es zunächst den Anschein hat. Sich musikalisch mit politischen Konflikten und gesellschaftlichen Problemen auseinander zusetzen, scheint ohnehin die edelste und modernste Taktik zu sein. Musik hört und versteht jeder. Das sagt sich auch NMA mit ihrem aktuellen Album "Today Is A Good Day". Seit Jahresbeginn touren Justin Sullivan (Voc.), Marshall Gill (Git.), Peter Nice (E-Bass), Dean White (Keyboard) und Michael Dean (drums) unter gleichem Motto und positiver Lebenseinstellung. Heute ist ein guter Tag Klar hat der Titel einen zynischen Beigeschmack, aber das ist es, was man auch denken soll: Today is a good day. Heute ist ein guter Tag! Ein solcher war es auch, an dem New Model Army die Nacht zum Leuchten brachte. Viele der anwesenden Fans hatten ihre Eintrittskarte bereits ein halbes Jahr im Voraus ergattert. Zwei auffallend gekleidete junge Damen sicherten sich schon lange vor dem großen Andrang ihren Platz in der ersten Reihe und entzückten Justin Sullivan mit Ledercorsage und Lackstiefeln. "Was für ein junges Publikum", musste dieser wohl denken. Die beglückende Erkenntnis kam auch vom stets lächelnden Dean White, der nach so langer Bandlaufzeit staunte, welche Fans sie nach 30 Jahren und Neuauferstehung erreichen konnten. Alt ist NMA bestimmt nicht, denn ihre Musikkarriere reißt nach 11 Studio- und zig Livealben einfach nicht ab. Nach nur zwei Jahren und der letzten Platte "High" sind die Briten im Punkrock perfektioniert.
Wir waren dabei Den Support des Abends im Kesselhaus bildete "Winston", eine Band aus Wuppertal, deren Einflüsse ganz unverkennbar aus dem Bereich Rock, Grunge und Punk kommen. Die Performance des Musikertrios aus Bass, Gesang, Gitarre und Schlagzeug war entsprechend dynamisch. So zum Beispiel hatte Thorben Doege, der Schlagzeuger, einen so harten Schlag drauf, dass der Bühnentechniker zweimal kommen musste, um seine geliebten Drums wieder auszurichten. Kraftvoller Sound auch am Bass. Quirlig nickte Basti Bauer zu jedem Ton. Wer ihn fotografieren wollte, hatte sicher seine Mühe ihn überhaupt scharf auf das Bild zu kriegen. Wie ein optischer Ruhepol hingegen wirkte David Eickmeier. Während des Gesangs an das Mikrofon gefesselt, drehte er in den Solopassagen aber ebenso auf. Nicht zuletzt trug wohl auch seine Stimme dazu bei, dass man sich hin und wieder an Nirvana erinnert fühlte. Am Ende ihres Auftritts warfen sie einige Exemplare ihres Albums ins Publikum, welche dort dankbar aufgefangen wurden. Winston begleiten NMA übrigens auf der gesamten Deutschlandtour. Nach der Vorband gab es die obligatorische Umbaupause. Zügig wurde die Bühne für den lang erwarteten Hauptakt freigeben. Zeit sich den besten Standplatz auszusuchen, der Bühne am nächsten. Deutsch - eine schöne Sprache Justin Sullivan überraschte gleich zu Beginn mit einer Begrüßung in deutscher Landessprache. Er erklärte, Deutschsprechen sei ganz schön schwierig. Man verstand ihn sicherlich auch so. Erstes Lied "States Radio" vom aktuellen Album ging musikalisch wie thematisch gleich ins Ohr: Eingehender Gitarren-Riff und spielerisches Schlagzeug und dann noch die Wallstreet-Thematik, Wirtschaftskrise und Co. So schafft es NMA, ihre Fans genau von da abzuholen, wo sie sich befinden und klangtechnisch mitzunehmen. Was hier zwischen Publikum und Band abgeht, kann man tatsächlich als Symbiose bezeichnen: freie Oberkörper, ausgelassenes Pogo-Tanzen und ein stets dynamischer und mobilisierender Justin, "51 State of America". Man kann ihm schon glauben, dass er seine politischen Statements immer auch ernst meint! Ganz neugierig fragt er das Berliner Publikum, ob das Thema "20 Jahre Mauerfall" in den eigenen Reihen langweilig geworden ist. Würde die internationale Presse doch immer von Berlin und der einen Schlagzeile Bericht erstatten. Gähnend langweilig wie er findet, oder? Eines der besten Konzerte Gespielt werden natürlich eine Menge Titel der neuen Scheibe, aber auch ältere Sachen u.a. von den Alben "High" und "Eight" kommen nicht zu kurz. Justin Sullivan wechselt auf einer Skala von balladig bis hardrockig jeweils zwischen seiner Western- und E-Gitarre. Genau abstecken lässt sich das Genre dabei nicht. Letztendlich wird die Band nicht ohne zwei Zugaben von der Bühne gelassen. Das kommentiert ein Fan als besonders erfreulich, ein Mädel in der ersten Reihe meint, NMA hätte nun nach 13 Jahren das beste Konzert gespielt. Kann man ihr dabei glauben? Dem Punk verschrieben, geht es in den nächsten Tagen mit der Tour weiter. Noch einmal spielen sie in Münster, dann verlassen sie unsere Heimat über Dänemark zurück in die UK. Abzuwarten bleibt, wohin uns die Taktik der musikalischen Kriegsführung noch führt. Nach 30 Jahren Bandgeschichte wird es noch lange nicht leise. Vielmehr bekommt man das Gefühl, die Jungs fangen gerade erst richtig an.
Foto Impressionen:
Vorband "Winston"
Auftritt "NEW MODEL ARMY"
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