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1. Soli-Konzert von Querformat e.V. im Palitzschhof zu Dresden am 03. September 2011 mit Uwe "Vize" Reibold und Tochter Leona sowie der Coverband UNISÄX
Bericht: Gundolf Zimmermann Fotos: Gundolf Zimmermann
Ich fuhr am vergangenen Sonnabend zu einem Konzert nach Dresden-Prohlis. Das tat ich in der Vergangenheit schon öfter und habe hier auch von den verschiedenen Muggen sowie von den veranstaltenden Vereinen und deren engagierten Bürgern berichtet. In den Plattenbauten von Prohlis wohnen viele Menschen, die nicht auf der Sonnenseite leben. Der Anteil an Arbeitslosen (über 20 %) und Hartz IV-Empfängern (über 30 % der Einwohner) ist im Vergleich zu anderen Stadtteilen der sächsischen Landeshauptstadt überdurchschnittlich hoch. Diese Zahlen machen betroffen. Wer es sich leisten kann, zieht weg aus Prohlis. Auf Grund der preiswerteren Mieten für Wohnraum bleiben die einkommensschwachen Mitmenschen zurück und so wird dieses Wohngebiet in der Gegenwart als sozialer Brennpunkt eingestuft. Mitte der 80er Jahre lebten hier fast 30.000 Menschen. Heute wohnen weniger als 15.000 Leute in diesem Stadtteil. Davon sind mehr als ein Drittel Rentner. In unserem Grundgesetz kann man nachlesen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist (Artikel 1 Absatz 1) und dass sich das deutsche Volk auch zu den Menschenrechten bekennt (Artikel 1 Absatz 2). Ebenso ist das Sozialstaatsprinzip im Grundgesetz (Artikel 20 Absatz 1 sozialer Bundesstaat) festgeschrieben. Bei der Hartz IV-Gesetzgebung und ihrer Anwendung habe ich da so meine persönlichen Zweifel. Die Menschen werden meiner bescheidenen Meinung nach diskriminiert, entwürdigt und vom gesellschaftlichen Leben nahezu ausgeschlossen. Das Allerschlimmste daran ist, dass auch noch Kinder von Hartz IV betroffen sind. Was hat die ganze "Hartzerei" gebracht? Man hat einen Keil in die Bevölkerung getrieben und den sozialen Frieden gefährdet, indem man eine Neiddebatte zwischen Arbeitnehmern und Leistungsempfängern entfachte. Es wurde nichts erreicht, außer dass der Niedriglohnsektor und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse ansteigen. Das allgemeine Lohngefüge sinkt und viele Geringverdiener leben in ständiger Angst, auch das Wenige noch zu verlieren. Wer davon profitiert, dürfte klar sein. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander. Da werden in Berlin von der Politik komfortable Rettungsschirme für Banken und den Euro geknüpft, doch die bedürftigen Menschen unserer Gesellschaft lässt man an einem höchst unzureichenden, mehrfach notdürftig geflickten Fallschirm fast ungebremst ins soziale Loch fallen. Da könnte ich schon kotzen. Ich hole heute gedanklich mal weiter aus und trotzdem weiche ich gar nicht mal so weit vom Thema ab, denn die von mir besuchte Veranstaltung war ein Soli-Konzert für den Verein Querformat e.V., einem Selbsthilfeverein für sozial und finanziell Benachteiligte. Prohlis mag zwar ein sozialer Brennpunkt sein, aber es gibt dort eben auch Menschen, die die Schnauze voll davon haben, alles klag- und tatenlos hinzunehmen oder nur an sich selbst zu denken. Es sind zum großen Teil Leute, die selbst von Billigjobs, Arbeitsplatzverlust, Hartz IV und damit im Zusammenhang stehenden Problemen betroffen sind oder waren. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer eigenen Erfahrungen haben sie für sich und andere Betroffene durch die Vereinsarbeit Wege aus der Einsamkeit, der Hoffnungslosigkeit sowie Isolation durch Armut und/oder Krankheit gesucht und gefunden. Manche dieser Frauen und Männer hatten vorher kein Selbstvertrauen und keinen Lebensmut mehr. Sie hatten mit sich und der Umwelt abgeschlossen. Im Verein konnten sie sich gegenseitig Kraft geben und voneinander lernen. Manches heutige Hilfsangebot der Vereinsleute klingt für Außenstehende sicher sehr unspektakulär, aber für Betroffene und Hilfesuchende ist ein Beratungsgespräch oder die Begleitung zu Ämtern und Behörden vielleicht der letzte Rettungsanker oder der erste Schritt zurück in ein menschenwürdiges Leben. Die Hilfs- und Unterstützungsangebote von Querformat e.V. wurden und werden ständig erweitert. Sie reichen von der Vermittlung gemeinnütziger Ehrenamtstätigkeiten über Hilfe bei der alternativen Berufswegeplanung und Breitensportangebote bis hin zu Entspannungs-, Motivations- oder Kommunikationstrainings. Auch soziokulturelle Veranstaltungen werden angeboten, um Rückzugs- und Isolationstendenzen entgegenzuwirken. Über den Kunst- und Kulturverein IDEE 01239 e.V. habe ich in der Vergangenheit schon berichtet. Beide Vereine arbeiten sehr gut zusammen, organisieren gemeinsame Veranstaltungen und nutzen im Stadtteilforum auch gemeinsame Räume. Sie verstehen sich nicht als konkurrierende Vereine, sondern als Partner. Für mich als Außenstehenden sind die Übergänge fließend.
Bei nächster Gelegenheit klopfen diese Leute sich in der Öffentlichkeit selbst auf die Schulter, weil sie "klug" Haushaltsmittel einsparen oder halten Sonntagsreden, in denen sie mehr bürgerschaftliches Engagement und Eigeninitiative einfordern und selbstverständlich ihre Unterstützung dabei anbieten. Bei so vielen Worthülsen und heißer Luft bekomme ich dann regelmäßig Brechreiz. Es macht mich richtig wütend, wenn Entscheidungsträger der Verwaltung Menschen und Vereinen, die sich im Interesse der Gesellschaft für ihre Mitmenschen ehrenamtlich engagieren, die finanziellen Mittel kürzen oder streichen. Meiner Meinung nach ist Steuergeld nämlich gerade in diesen Bereichen sinnvoll und richtig angelegt. Ich wollte euch mit diesen Zeilen ganz gewiss nicht langweilen, aber wenn ich über ein Solidaritätskonzert berichte, gehören meiner Meinung die Hintergründe dazu. Schließlich leben wir nicht im luftleeren Raum, sondern sind alle Teil dieser Gesellschaft. Außerdem war ich das nach meinem Gefühl den handelnden Personen wie Manuela, Lutz, Alina oder Conny und all den anderen Helfern des Vereins, den teilnehmenden Musikern und nicht zuletzt mir selbst bzw. meinem Seelenfrieden irgendwie schuldig. Wer von euch Lesern doch bis hier durchgehalten hat, soll nun auch erfahren, wie die Veranstaltung gelaufen ist und was ich dabei gesehen, gehört, gedacht und empfunden habe. Als ich am vergangenen Sonnabend am Veranstaltungsort auftauchte, waren dort die letzten Vorbereitungen noch im Gange. Der Soundcheck lief, der Grill wurde angeheizt, eine Snackbar mit allerlei leckeren Sachen wurde aufgebaut und auch der Gertränkestand arbeitete schon. Es war alles bestens vorbereitet, jeder kannte seine Aufgabe und es kam zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Hektik auf. Kurz nach 17.00 Uhr eröffnete Conny die Veranstaltung offiziell mit ein paar angemessenen Worten zum Verein Querformat e.V. und zum Zweck der Veranstaltung. Dann leitete er geschickt zum Kulturprogramm und zum ersten Künstler über. Uwe Reibold, den alle Welt nur Vize nennt, nahm seine Gitarre in die Hand und ich holte erstmal tief Luft, denn ich wusste, dass ich die nächsten Stunden unweigerlich ein gutes Stück meines Lebens Revue passieren lassen würde. Ich kenne Uwe seit fast 30 Jahren. Den Spitznamen Vize bekam er übrigens von uns erst später verpasst. Das könnte etwa 1985 gewesen sein. Als wir uns erstmals über den Weg liefen, waren wir fast noch Kinder, hatten Träume von einer friedlichen, gerechten Welt im Kopf und außerdem jede Menge Flausen. Wir schlugen damals den gleichen Berufsweg ein. Vom Urlaub und einigen Wochenenden abgesehen, haben wir praktisch ein paar Jahre auch unter einem Dach gelebt. Da lernt man sich schon kennen. Wir waren uns sympathisch, fassten Vertrauen zueinander und halfen uns gegenseitig, wenn es galt, schwierige Klippen zu umschiffen. Bald stellten wir fest, dass wir teilweise die gleichen Interessen hatten und dass wir zu vielen Sachverhalten eine ähnliche bis gleiche Meinung hatten. Wir haben nächtelang gequatscht, zusammen gelacht oder geflucht und gemeinsam auch so manchen Becher geleert. Später haben wir sogar zusammen mit anderen Freunden selber Musik gemacht. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Was eine echte Freundschaft ist, definiert jeder Mensch für sich individuell. Auf jeden Fall muss sie über Jahre wachsen und es gehört auch dazu, dass man sich gegenseitig mal die Meinung geigt, wenn es dazu einen Anlass gibt. Das handhaben wir auch heute noch so. Besonders in persönlich schweren Zeiten (Stichwort: Lebenskrisen) hat sich unsere Freundschaft vertieft. Vize ist heute mein bester Freund, mein Bruder im Geiste, Seelenverwandter und Berater in allen Lebenslagen zugleich. Hat das etwas mit diesem Konzertbericht zu tun? Aber sicher doch!
Ich bin ja von Vize einiges gewöhnt, aber Sonnabend brachte er mich gleich mit dem ersten Lied völlig aus der Fassung. Ich glaubte, ich stehe im Wald! Da spielte der verrückte Hund doch glatt einen nagelneuen Song, von dem ich keine Ahnung hatte. "Weiter" heißt das gute Stück. Ich habe von dem Lied nicht gerade viel behalten, aber so viel ist sicher: Es ist wieder ein typischer AufSturz-Titel. Die Band hat für ihre Musik mal den Begriff Liederrock gefunden und ich denke, das trifft es ganz genau. Die Songs sind sehr melodiebetont und funktionieren sowohl mit lauter Bandbesetzung als auch im kleinen Rahmen mit nur einer Akustikgitarre zur Begleitung, wie man es von vielen Liedermachern kennt. Die Texte beschreiben eigentlich das Leben an sich mit all seinen Stimmungen, Glücksmomenten, Tücken oder Krisen. Diese Lebensliedereien sind schonungslos ehrlich und haben offenen, manchmal auch hintersinnigen Zündstoff fürs eigene Denken. Ich jedenfalls hatte und habe so manche Gedankenexplosion, wenn ich diese Lieder höre. Einzelne Strophen oder ganze Songs kann ich ganz konkreten Ereignissen und Abschnitten meines eigenen Lebens zuordnen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass selbst die "pessimistischen" Lieder eine positive Wirkung bei mir entfalten. Das liegt höchstwahrscheinlich daran, dass ich durch sie die Bestätigung bekomme, dass andere Menschen dieselben Probleme wie ich haben können. Diese Lieder sind also für mich so etwas wie seelischer Beistand. Dass ich mit Vize befreundet bin und ihm vertraue, verstärkt diesen Effekt sicher zusätzlich. Liest sich wahrscheinlich doof, aber ich finde keine anderen Worte, das zu beschreiben. Exemplarisches Beispiel dafür ist der Song "Irgendwann", den der Meister in Dresden-Prohlis auch spielte. Die im Lied beschriebene Lebenssituation habe ich vor ungefähr zwei Jahrzehnten erlebt. Ich kam mit der geänderten Welt einfach nicht mehr klar und hatte arge Probleme, meinen Lebensweg neu zu definieren. Diese Gefühle von Mutlosigkeit, Kraftlosigkeit und die Angst, sämtliche Freunde zu verlieren, führten mich damals wirklich bis fast an den Abgrund. Ich sah für mich keine Zukunft und kapselte mich völlig ab. Ohne Familie und Freunde wie Vize hätte ich wohl nie aus diesem Labyrinth herausgefunden. Das Lied ist für mich deshalb positiv besetzt, weil mir meine eigene Lebensgeschichte lehrt, dass man sich auch aus der stärksten Krise befreien kann und letztendlich aus ihr sogar gestärkt hervorgehen kann. Außerdem weiß ich seit dieser Zeit die Familien- und Freundschaftsbande doppelt und dreifach zu schätzen.
Mit "Wo bleibt dein Rock'n Roll" feierte dann auch noch der zweite neue Titel in Dresden seine Livepremiere. Selbstverständlich kann, möchte und darf ein Vize nicht auf ein paar Heimatlieder von Gerhard Rüdiger Gundermann verzichten. Da liegen wir sowieso beide auch auf einer Wellenlänge. Diesmal waren das unter anderem "Atlantic-City", "Brunhilde", "Steinland" sowie "Und musst du weinen". Ich glaube, beim letztgenannten Lied setzte sich plötzlich Johannes, der Schlagzeuger von UNISÄX, an seine Schießbude und trommelte spontan mit. "Mein Weg", "Der Clown", "Alle oder keiner" und das Renft'sche "Gänselieschen" wurden am Sonnabend plötzlich sichtbar zu Liedern der Generationen. Leona, Vize's Tochter, blies ihrem alten Herrn nämlich den (Begleit-)Marsch auf dem Saxofon. Leo ist seit 15 bzw. 16 Jahren der Sonnenschein in Vize's Leben. Er ist stolz wie Bolle auf sie. Ich sah sie in diesen Minuten immer noch als fröhlich krähendes Kleinkind vor meinem geistigen Auge und wurde mir wieder mal bewusst, dass die Zeit sich nicht austricksen lässt. Es war das erste Mal, dass die beiden gemeinsam öffentlich musiziert haben. Mit sparsamen, wohldosierten Tönen gab sie den Songs einen neuen musikalischen Anstrich. "Vize, mach Mugge" ist eigentlich der Standardspruch von AufSturz-Schlagzeuger Robert, wenn der Meister bei Konzerten wieder mal zu längeren Moderationen bzw. Monologen ansetzt. Wenn der Sangesmeister gedacht hatte, dass er diesmal ungestraft unendlich quasseln kann, hatte er sich aber mächtig geschnitten und vor allem nicht mit seinem Töchterchen gerechnet. Aber der Vize war selber daran schuld, denn er lieferte seiner Tochter Leo die Steilvorlage dazu höchstselbst. "Vize, mach Mugge" rief sie folgerichtig an passender Stelle aus dem Hintergrund und damit hatte sie die Lacher auf ihrer Seite. Tja, mein Alter, da sahst Du wirklich alt aus, 1:0 für Leo sag ich da nur. Es war aber auch deutlich zu sehen, dass Du diesen Augenblick wirklich genossen hast. Nach reichlichen 90 Minuten flog mir doch glatt das Brett weg! Der alte Knabe sang tatsächlich als allerletzte Zugabe "Mein Herz soll ein Wasser sein" von Lift und das auch noch a capella. Was sagt man dazu, vor allem wenn man wieder mal sprachlos ist? Mir rutschte nur ganz allein für mich ein leises "Wow!!" über die Lippen. Eine andere Zuhörerin machte Vize dann noch folgendes Kompliment: "Es gibt nur ganz wenige Sänger, die sich bis in den letzten Winkel meiner Seele singen können. Du hast es wieder mal geschafft."
Die Leute von Querformat e.V. waren für mich die moralischen Sieger des ganzen Abends, weil sie sich wirklich nicht unterkriegen lassen. Die Künstler verzichteten auf ihre Gagen, das Publikum hat auch gespendet. Ich habe ebenfalls sehr gerne ein ordentliches Scheinchen in ein Spendenglas getan. Bei Querformat e.V. ist das Geld in den richtigen Händen und kann Gutes bewirken. Ich hoffe sehr, dass nach der Abrechnung ein ordentliches Sümmchen zu Buche stand. Bitte beachtet auch: - Homepage des IDEE 01239 e.V.: HIER klicken - Querformat e.V. bei Prohlis-Online: HIER klicken - Myspace-Auftritt der Band AufSturz: HIER klicken
Fotoimpressionen:
Vor der Show: Beobachtungen am Rande... ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Auftritt Uwe "Vize" Reibold mit Tochter Leona ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]()
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