
Die Frage des Abends stellte sich durch die Begleitumstände praktisch von selbst. Die Scorpions, Deutschlands erfolgreichster Rock-Export aller Zeiten, hatten im Vorfeld der Veröffentlichung ihres aktuellen Albums "Sting In The Tail" mit der Ankündigung der bevorstehenden Ziehung eines endgültigen Schlußstrichs unter ihre beispiellose Karriere die ganze Welt in Aufregung versetzt und sich selbst damit (logischerweise) jede Menge Publicity beschert. Daß dabei gerade in Deutschland umgehend Stimmen laut wurden, die das ganze als durchschaubaren Promo-Gag deklarierten, vermag angesichts der ebenso traditionellen wie unverständlichen Tatsache, daß der heimische Boden für die Hannoveraner Weltenbummler von je her ein eher schwieriges Pflaster darstellt, nicht zu wundern. Mit der unbestreitbaren (und allseits anerkannten) Qualität ihres letzten Studioalbums war der erste Schritt, den ewigen Zweiflern den Wind aus den Segeln zu nehmen, erfolgreich vollzogen. Doch wie würden die Herren Schenker, Meine, Jabs, Maciwoda und Kottak den selbst befeuerten, hochgestochenen Erwartungen auf der Bühne gegenübertreten? Die Antwort, soviel sei schon verraten, sollte sich als verblüffend simpel, wirksam und logisch herausstellen, denn die Stacheltierchen machten einfach das, was sie am besten können...
Doch bevor der Vorhang zur letzten Deutschlandtour aufgezogen wurde und sein Geheimnis offenbarte, stellten sich ganz andere Fragen, mit denen man so gar nicht gerechnet hatte. Aber der Reihe nach: Als wir an der Arena eintrafen, war bereits eine stattliche Menschenmenge vor Ort und das Procedere des Einlasses in vollem Gange. Es war allerdings gar nicht so leicht, letzteres zu bemerken, da die Menge, nach alter DDR-Tradition in Form einer schier endlosen Warteschlange, sich kaum bewegte. Was nach näherer Betrachtung daran lag, daß nur ein Eingang geöffnet war, durch den sämtliche Besucher geschleust wurden. Das zog sich natürlich hin und die Uhr tickte unaufhaltsam der offiziellen Startzeit entgegen, ohne daß die "Schlange", in die wir uns mittlerweile eingereiht hatten, sichtbar kürzer geworden wäre. Das hätte man sicher auch etwas cleverer organisieren können und damit den Besuchern einiges an Unsicherheit und Unmut erspart. Sei's drum... Als wir endlich doch glücklich die Hallentore passiert hatten, war unzweideutig bereits Live-Musik zu hören. Na toll, hatten wir's doch geahnt, daß uns die umständliche Prozedur einen Teil der Show kosten würde! Und draußen standen immer noch Leute... Der Ärger verflog jedoch relativ rasch, als wir nach dem Aufsuchen unserer Plätze die Band auf der Bühne näher in Augen- und Ohrenschein nahmen und mit Sicherheit feststellten, daß es sich unmöglich um Edguy handeln konnte. Die eher punkigen Klänge und die bunten Frisuren sprachen eindeutig dagegen. Wen man da nun allerdings genau als Lückenfüller und Beschäftigungstherapie für die früh dagewesenen Zuschauer (bei Saallicht) während des Einlasses verheizte, entzieht sich unserer Kenntnis und interessierte wohl auch sonst nur wenige. Die jedoch waren für die Musiker "the best", wie sie sich stets beeilten zu versichern. Ein bißchen seltsam wirkte das schon und als die Truppe dann schließlich noch "Pokerface" anstimmte, kam uns das reichlich Ga-Ga vor, ähem... Wie dem auch sei, vielleicht hat der merkwürdige Platz auf dem Billing der Band am Ende doch etwas gebracht. Und sei es auch nur, später einmal erzählen zu können, man sei irgendwie dabeigewesen. Daß der als "Special Guest" angekündigten Hessencombo Edguy, immerhin einer der derzeit angesagtesten Heavy-Acts der deutschen Szene, das gleiche Schicksal blühen sollte, war allerdings von unserer Seite nicht eingeplant. Schließlich war im Vorfeld der Tour stets davon gesprochen worden, daß die abtretende alte Generation mit der aufstrebenden neuen auf einer Bühne stehen sollte, quasi als eine Art Wachablösung. Die Umsetzung geriet jedoch kläglich. Sicher, der Saal war nun dunkel, die Bühne einigermaßen erleuchtet, ein eigenes Backdrop hatten die Jungs auch und sie zogen musikalisch ordentlich vom Leder, waren viel in Bewegung und hatten einen guten Teil der zu etwa drei Vierteln gefüllten Halle hinter sich. Doch als die Show dabei war, so richtig in die Gänge zu kommen, war sie auch schon wieder vorbei. Eine reichliche halbe Stunde Spielzeit (keine Zugaben) für einen "Special Guest", noch dazu mit dem Status von Edguy, ist einfach lächerlich. Zumal Zappelphilipp, Sänger und Sprachrohr Tobias Sammet die Zeit zwischen den Songs noch damit ausfüllte, ein um's andere mal die Scorpions anzukündigen und in den siebten Himmel zu loben. Das war sicher ehrlich gemeint, wirkte angesichts der Umstände im Nachhinein aber eher peinlich. Mit dieser Vorstellung hatten Edguy aus unserer Sicht nicht mehr als die Rolle eines Pausenclowns inne und die liegt meilenweit unter ihrem Niveau. Schade drum und eigentlich völlig überflüssig.
Es folgte eine längere Umbaupause, in der der Soundmann den Leuten zunächst grauenhafte Top 40-Musik zumutete, bis er schließlich doch ein Einsehen hatte und mit AC/DC, Kiss und Metallica stimmungsvollere und auch passendere Mugge einlegte. Die Bühne offenbarte mittlerweile ihre gesamte Tiefe und ließ schon erahnen, was die Scorpions auffahren würden, ihrer Karriere angemessen und würdevoll den letzten Stempel aufzudrücken. Drei gigantische Videomonitore nahmen den oberen Teil vollständig ein und ließen Kulissen und Drumriser vergleichsweise winzig erscheinen. Dazu kam eine wahre Armee von Scheinwerfern, die eine riesige Show verhießen. Die Spannung stieg und man ließ das Publikum stilecht noch ein bißchen warten, um selbige auf die Spitze zu treiben.
Entsprechend laut und euphorisch war dann auch der Aufschrei, als das Saallicht endlich gelöscht wurde und die Leinwände ihre Tätigkeit aufnahmen. Nach einem kurzen Intro explodierten die ersten Feuerwerkskörper und die Scorpions stürmten mit "Sting In The Tail" (in ohrenbetäubender Lautstärke) die Bretter. Das Publikum drehte vom ersten Moment an durch, ging mit, jubelte und schrie sich die Seelen aus dem Leib. Klaus Meine (zunächst in Glitzerfummel gewandet und natürlich bebrillt und bemützt) nutzte die Gunst der Stunde sofort und band das Auditorium in die Show ein. Der weit ins Publikum ragende Laufsteg wurde ausgiebig genutzt, die Nähe zu den Fans zu suchen und zu demonstrieren.
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Setlist:
· Sting In The Tail
· Make It Real
· Bad Boys Running Wild
· Is There Anybody There?
· The Zoo
· Coast To Coast
· We'll Burn The Sky
· Loving You Sunday Morning
· The Best Is Yet To Come
· Send Me An Angel
· Holiday
· Raised On Rock
· The Good Die Young
· Tease Me Please Me
· Are You Ready To Rock
· Drumsolo
· Blackout
· Big City Nights
· Still Loving You
· Wind Of Change
· Rock You Like A Hurricane
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Dem folgten auch die Gitarristen Rudolf Schenker und Matthias Jabs sowie Bassist Pawel Maciwoda. Selbst James Kottak war mittels vertikal ausfahrbarer Hebebühne ständig in Bewegung. Dazu gab es immer wieder Flammen und Feuerwerk zu bewundern. Nach dem Einstieg nach Maß fackelten die Scorpions nicht lange, holten zum Klassiker-Rundumschlag aus und legten mit Macht die Gründe dafür dar, daß sie nach vierzig Jahren immer noch die unerreichten Könige germanischen Rockmusiktums sind (und auch nach Abschluß ihrer Karriere bleiben werden). Die Niedersachsen verfügen einfach über einen unglaublich reichhaltigen Fundus an Hits, die vor allem in der Live-Situation IMMER funktionieren! Wer's nicht glaubt, möge es bitte ausprobieren, solange dafür noch Zeit ist. Eins steht nämlich fest: Wer die Scorpions nie im Konzert gesehen hat, hat das wichtigste Kapitel gesamtdeutscher Musikgeschichte verpaßt und wird seine Faszination auch nie begreifen. Tut uns leid für die kommenden Generationen... Zurück zur Show. Nach sieben unsterblichen Klassikern kam dann mit "The Best Is Yet To Come", das als Live-Weltpremiere uraufgeführt wurde, das neue Album wieder zum Zuge. Der Song reihte sich dabei nahtlos ins Programm ein und wurde genauso euphorisch mitgesungen, wie alle (!) Titel zuvor. Für Puristen: Natürlich mit Ausnahme des instrumentalen Gitarrenmassakers "Coast To Coast", dessen Aufführung immer wieder beeindruckt und einen förmlich auf die Knie zwingt. Eine kurze Akustiksession mit "Send Me An Angel" und "Holiday" schloß sich an, bei der die Band komplett am Rande des Laufstegs agierte, sich also vollständig inmitten ihrer Fans befand, die die Geste natürlich zu schätzen wußten und den stillen Moment in vollen Zügen genossen, der jedoch nur eine geringfügige Verschnaufpause darstellte. Mit "Raised On Rock" wurde wieder aufgedreht und die Arena in ein Tollhaus verwandelt. Und immer wieder farbige Raketen, Flammensäulen, Explosionen... ein wahrhaft gigantisches Spektakel auf Extraklasse-Niveau, das langsam aber sicher auf seinen Höhepunkt zusteuerte. Nach einem Drumsolo, das mit einem surrealistisch anmutenden Videofilm mit James Kottak als Hauptdarsteller, in den diverse Covergeschichten der Scorpions eingebaut waren, untermalt wurde, kamen die Scorpions aus dem hochgefahrenen Drumriser herausgeplatzt und spielten die ultimative Verrückten-Hymne "Blackout", wobei Rudolf Schenker dem Plattencover entsprechend mit Kopfverband über die Bühne tobte. That's entertainment! In "Big City Nights" gaben Band und Publikum noch einmal alles, bevor Klaus "Dankeschön Leipzig!" und eine Packung Drumsticks in die Runde warf und die Scorpions sich verbeugten. Ach ja, die Zeit... Himmel, war die schnell herum! Doch das war natürlich noch nicht alles. "Still Loving You" verbreitete als erste Zugabe Gänsehautatmosphäre, bevor "Wind Of Change" mit ein paar anrührenden Worten, die Leipzig als Wurzel der Wende würdigten, eingeläutet wurde. In keine Stadt der Welt paßt dieser Song so gut wie hier. Und erstaunlich, mit welcher Hingabe und Inbrunst gerade dieser Titel, den ja angeblich niemand mehr hören mag, gefeiert und mitgesungen wurde!
Letzter Track des Abends war dann "Rock You Like A Hurricane", bei dem nochmal Vollgas gegeben und die letzten Reserven der Pyroshow aktiviert wurden. In einem Meer von Rauch und Licht verbeugten sich die Scorpions noch einmal, wurden mit frenetischem Jubel gefeiert und ließen tausende Menschen beeindruckt und zufrieden zurück. Auch wenn das Ende etwas abrupt geriet...
Was bleibt als Erkenntnis? Daß die Scorpions eindrucksvoll und zweifelsfrei untermauert haben, wer hier der Chef im Ring ist und daß die Wahrscheinlichkeit einer einigermaßen adäquaten Nachfolge gegen Null tendiert. DIESE deutsche Band wird auf ewig unerreicht bleiben, das steht fest. Die Abschiedstour läuft noch eine Weile - wenn ihr die Chance habt, geht hin! Und sei es auch nur, um später euren Enkeln davon berichten zu können... Viele Möglichkeiten wird es nicht mehr geben, denn der allgemein erwartete Rücktritt vom Rücktritt wird nicht stattfinden, dessen sind wir sicher. Danke Scorpions, war schön mit euch!
P.S.: Übrigens, ein kleiner Wermutstropfen bleibt dann doch: Lieber Rudolf Schenker, wo war denn bitteschön die angekündigte Pyramide!? Tja, jetzt müßt ihr wohl doch noch einmal zurückkommen...
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