Bericht:
Thorsten Murr

Fotos:
Thorsten Murr





Nicht weit, aber tief: eine kleine Konzertreise zur SEILSCHAFT in die Kulturfabrik nach Fürstenwalde
Der Auftrag von der Redaktion, zur SEILSCHAFT nach Fürstenwalde zu fahren, war wie ein Geschenk für mich. Nach so vielen Jahren hatte Gundermanns Band im April 2011 erstmals wieder zwei ausverkaufte Konzerte in Berlin und Leipzig gegeben. Ob und wie es danach weitergehen sollte, blieb offen. Bis jetzt, denn zumindest gibt es heute dieses weitere Konzert - ein Open Air - auf dem Gelände der Kulturfabrik Fürstenwalde.

Die Fahrt mit der Regionalbahn von Berlin nach Fürstenwalde geht einfacher und schneller als man denkt. Ab Alexanderplatz braucht es nur etwas mehr als dreißig Minuten, dann noch mal fünfzehn Minuten Fußweg durch das Städtchen, und schon ist man an der Kulturfabrik angelangt. Übers Jahr offeriert das schmucke Kulturhaus ein sehr anspruchsvolles Programm: Lesungen, Ausstellungen, Schauspiel, Kabarett, Jazz und vieles mehr. Darunter so mancher kulturelle Leckerbissen, so wie heute Abend die SEILSCHAFT.

Mit 'nem Lied fang ich schon mal an
Knapp vierhundert Gäste sind vor Ort, als Punkt acht die Band auf die Bühne kommt. Die SEILSCHAFT gibt keine großen Erklärungen ab und fängt einfach an. "Soll sein" ist das treffend gewählte Eröffnungsstück, zählt es doch all die Sehnsüchte und Wünsche auf, um die es Gerhard Gundermann immer ging und um die es immer wieder geht: "… frag mich nicht wann - es ist doch nur'n Lied, aber mit 'nem Lied fang ich schon mal an".



Nur ein Lied, das klingt nach nicht viel. Es sei denn es ist eins von Gundermann. Schon mit den ersten Tönen und Takten ist da auch wieder dieses vertraute Gefühl, an diesem Abend mit Menschen zusammen zu sein, mit denen man einfach gut kann. Als nächstes kommt "Herzblatt": "Solange wir noch tanzen können und richtig echte Tränen flennen, ist noch alles offen, ist noch alles drin!" Das Publikum sieht das ganz genau so und strömt nach vorn, tanzt und singt leise mit. Es folgt "Hier bin ich geboren!", mit einer der für mich größten Textzeilen aller Zeiten, die je auf Deutsch geschrieben wurden: "Hier führt mich meine Reise nicht weit, aber tief!"

Nachdem mit den ersten drei Stücken das große Thema des Abends umrissen wurde, spielt sich die SEILSCHAFT mit offenkundiger Freude am Musizieren durch das Repertoire: das bissige, an ein Marschlied erinnernde, "Grüne Armee" und gleich darauf das wunderschöne "Vögelchen", gesungen von Andy Wieczorek. Dann wieder Christian Haase: "Ich mache meinen Frieden", der Song, der so ruhig beginnt und dann so kraftvoll endet. Härter geht es dann auch weiter mit der "Sehnsucht nach den Rattenfänger", "Kämpfen wie Männer" und "Frühstück für immer". Angenehm wechseln die Lieder und die Stimmungen von fröhlich über besinnlich bis derb und rockig.

Ob es Christian Haase und Andy Wieczorek nun noch erwähnt hätten oder nicht: es ist Gundermanns Musik, die gespielt wird und die nun endlich wieder, so verdammt dicht am Original, fortlebt. Im Frühjahr gab es wohl noch den Einen oder Anderen, der die Band-Reunion nach so vielen Jahren skeptisch betrachtete. Nach den gefeierten Konzerten im April und spätestens heute Abend in Fürstenwalde ist die Frage wohl klar beantwortet: diese Band und alle an diesem Projekt Beteiligten haben einen ehrlichen Weg gefunden, der weder prätentiös noch peinlich ist.



Die Neuen in der SEILSCHAFT
Ganz egoistisch denke ich bei mir, der Haase ist ein echter Glücksfall und der richtige Mann für diese Aufgabe: als Künstler eigenständig und selbst genug, um sich nicht als Gundermann-Kopie profilieren zu müssen. Zudem es ohnehin nicht möglich gewesen wäre, die "Rolle" Gundermanns einfach mit einem jungen Talent neu zu besetzen. Haase ist kein Nachfolger, Haase ist ein gleichermaßen begnadeter wie würdiger Interpret, der Gundermanns Stoff glaubhaft präsentieren kann und dessen Größe sich vor allem in seiner Bescheidenheit zeigt. Angenehm fügt er sich in das Team ein und steht, obwohl er das Zeug dazu hätte, als Frontmann nie wirklich allein im Fokus. Freilich versucht man sich auch vorzustellen, was alles hätte entstehen können, wären Gundermann und er einst wirklich zusammengetroffen. Wer weiß.

Den Platz des 2007 unerwartet verstorbenen SEILSCHAFT-Bassisten Thomas Hergert nimmt seit diesem Jahr Christoph Frenz ein. Frenz spielte unter anderem lange Zeit bei MONOKEL und gehört, wie auch seine SEILSCHAFT-Kollegen Andy Wieczorek und Mario Ferraro, zu den POLKAHOLIX.

Danke, macht bitte weiter!
Das Ende des ersten Teils markiert die machtvolle Mitsing-Hymne "Alle oder keiner", die Gundermann-Version von Neil Youngs "Rockin In The Free World". Es klingt schon fast wie das Finale, aber daran glaubt kaum jemand, auch nicht als sich die Musiker verbeugen und sich bedanken. Vom Veranstalter gibt es Blumen für die Künstler. Eine herzliche Geste, die man woanders bei Konzerten kaum noch erlebt. Das Publikum derweil applaudiert stürmisch und fordert lautstark Verlängerung.



Nach einer kurzen Pause wird mit "Zweitbester Sommer" die Endrunde eingeläutet. Hunderte singen den Refrain mit - ohne dass es dazu eine Aufforderung braucht. Es folgen noch sechs weitere Stücke. Als letztes, in guter alter SEILSCHAFT-Tradition, "Nach Haus". Aber weil um nach Hause zu gehen an diesem warmen Abend immer noch genügend Zeit bleibt, kommt schließlich als Zugabe die Instrumentalversion von "Einmal" - die ergreifende Ballade, die einst von Gerhard Gundermann und Tamara Danz gesungen worden war. Die Plätze hinter den Gesangsmikrofonen bleiben jetzt leer - ganz so, als bliebe die Kellertüre angelehnt, wie es im Text heißt, für "die fremde Katze", die sich sicher manchmal einfindet, wenn die einstigen Weggefährten von Gundi wieder gemeinsam auf der Bühne stehen.

Ist noch alles offen, ist noch alles drin ...
Große Freude auch über die Ankündigung der nächsten Konzerte: Am 1. Oktober 2011 zur Gundermann-Party des Seilschaft e.V. im Lindenpark Potsdam, und schon am 21. Januar 2011 kommt die SEILSCHAFT wieder nach Fürstenwalde und spielt im Saal der Kulturfabrik. Außerdem ist, wie am Rande vom Management zu erfahren war, noch einiges mehr für das nächste Jahr geplant. Man darf gespannt sein - und sich freuen.


DIE SEILSCHAFT von Gundermann:


Tina Powileit (dr, perc)

Michael Nass (key, acc)



Mario Ferraro (g)



Andy Wieczorek (voc, sax, fl, harp)

Christian Haase (voc, g)



Christoph Frenz (bg)






Fotoimpressionen: