Bericht: Petra Heinzel
Fotos: Petra Heinzel





verliebt – verlobt – verheiratet
Bereits in jungen Jahren hatte sich Anna Loos, genau wie ich, in die Musik von SILLY verliebt. Sie (bzw. wir beide) mutierten zum Fan. Ich hatte zu damaliger Zeit die SILLYs mit ihrer Frontsängerin Tamara Danz live erleben können. Im Jahr 1995 dann die schockierende Nachricht: Tamara, die gerade damit beschäftigt war eigene Songs zu schreiben, erkrankte an Krebs. Das Album „Asyl im Paradies“ wurde veröffentlicht, aber Tamara konnte ihre Lieder nicht mehr live vortragen, sie verstarb. Ich musste wider Willen den Ruhestand einer mir heiß geliebten Band hinnehmen, das Geschehene musste verarbeitet werden.
Die drei Säulen (Uwe Hassbecker, Ritchie Barton und Jäcki Reznicek) waren später in anderen musikalischen Gefilden unterwegs, beispielsweise als Band von Joachim Witt. Es dauerte einige Jahre bis die SILLYs wieder tourten. Für „SILLY und Gäste“ versammelten sie ab dem Jahr 2005 einige, auch wechselnde Musiker um sich. Gäste waren u.a. Anja Krabbe, IC Falkenberg, Joachim Witt, AnNa R., Silbermond... und auch Anna Loos. Anna erlebte ich mit den SILLYs das erste Mal beim Tamara Gedenkkonzert am 22. Juli 2006 in der Freilichtbühne Weißensee. Ein denkwürdiger Abend. Ihr Debüt mit Anna starteten die SILLYs am 7. November 2006 im Berliner Kosmos. Ich muss gestehen, dass ich an diesem Abend etwas irritiert war. Ich wusste nicht so genau was da auf mich einströmt. Sollte ich das nun gut finden oder nicht?! Dieses Fragezeichen hielt sich bis in den Januar 2007 hinein. Zu diesem Zeitpunkt begann die „Elektroakustiktour“ im Potsdamer Nikolaisaal. Das war quasi die Verlobungszeit zwischen Anna und den Säulen. Und just ab diesem Zeitpunkt konnte ich Anna Loos akzeptieren. Sie hatte sich inzwischen „eingearbeitet“, übernahm das Kommando auf der Bühne. Ich freute mich die SILLY-Songs akustisch genießen zu können und besuchte so einige Konzerte. Auch auf Stadtfesten in Form von Open Air-Muggen erlebte ich die SILLYs mit Anna Loos. Sobald hieß es dann nicht mehr „SILLY und Anna Loos“, sondern wieder nur noch „SILLY“.
Zuerst verliebt, dann verlobt, wann wird geheiratet? Im Jahr 2009 zogen sich die SILLYs zurück. Sie machten sich an die Arbeit ein neues Album zu produzieren. Am 19. März 2010 dann die Hochzeit. Nach 14 Jahren erschien das neue Album „Alles Rot“ mit 14 neuen Titeln. Es stieg sofort in die Album Top 10 ein und hielt sich dort über mehrere Wochen. Glückwunsch!

neues Album – neue Tour, der Soundcheck Einem neuen Album folgt natürlich eine Tour. Die neuen Lieder wollen schließlich auch live präsentiert werden. Aufgrund einer Verletzung konnte ich in diesem Jahr leider nicht auf SILLY-Tour gehen. Trotzdem machten sie ihre Sache gut ;-)
Ich hörte nur Gutes vom Tourauftakt in Leipzig und den Folgekonzerten. Fast alle Konzerte (alle im Osten unseres Landes) waren ausverkauft. Ungeduldig wartete ich auf das Berliner Heimspiel. Am Sonntag war es endlich so weit. Bereits am Nachmittag begab ich mich ins Huxley`s und verfolgte den Soundcheck. Vielen Dank an das Management für die Einladung! Einige wenige Lieder wurden komplett geprobt und andere wiederum nur ganz kurz angeschnitten. Nach circa eineinhalb Stunden stimmte der Sound.
Im Anschluss checkten Tim Bendzko und sein Gitarrist Daniel Hoffknecht (Support) ihren Sound. Nach ihrem zweiten Titel wurde der weiße Vorhang, der bereits am oberen Bühnenrand befestigt war, herab gelassen und für einen Auftritt vorm Vorhang entsprechend montiert. Anschließend wurden die noch fehlenden Zäune neben der Bühne und um die Technik herum platziert. Die Bar auf der rechten und die auf der linken Seite wurden inzwischen schon mit reichlich Getränken bestückt. Gegen 18:00 Uhr waren alle Vorbereitungen für den anstehenden Abend abgeschlossen. Eine Stunde später sollte dann der Einlass erfolgen. Ich wurde immer unruhiger, konnte es kaum erwarten die neuen Titel endlich live zu hören. Punkt 19:00 Uhr sah ich die ersten Fans an die vorderste Front stürzen. Das Huxley`s füllte sich innerhalb einer Stunde bis ins Unermessliche.

Support - Tim Bendzko
Um 20:00 Uhr begaben sich Tim Bendzko und Daniel Hoffknecht vor den großen weißen Bühnenvorhang und eröffneten mit ihrem Titel „Das wissen wir beide“ den Konzertabend vor zweitausend Konzertbesuchern. Und sie bewiesen, dass auch zwei Musiker in einer großen Halle ihre Künste akustisch darbieten können. Sie sahen „Auf den ersten Blick“ an „Das Ende der Welt“, und merkten dass das Publikum „Mehr davon“ hören wollte. Sie wurden ins richtige Licht gesetzt und über ihnen ihr Bandlogo, bei dem ich komischer Weise erst etwas überlegen musste. Aber klar, unter dem Namenszug der Band befanden sich zwei Kreuze einer Kassettenspule. Tim verwies auf den Merchandisingstand, an dem man ihre poppige Musik auf 500 limitierten Kassetten kaufen kann. Warum ausgerechnet auf Kassetten, weiß ich leider nicht. Mit dem vorletzten Titel wollten die beiden dann „Nur noch kurz die Welt retten“. Danach wurde es lt. Tim: „Spannend, das Publikum ist gefragt“. Er sang im roten Licht: „Ich hab heut keine Zeit, ich mach heut frei... Ich bleib zu Haus, ich spann aus, ich mach blau“. Tim forderte zuerst die Männer im Publikum auf, sie sangen: „Ich hab heut keine Zeit, ich steh erst auf wenn ich aufgewacht bin...“. Die weiblichen Konzertbesucher brillierten natürlich anschließend mit ihrem Gesang. Nach einer knappen halben Stunde wurden Tim und sein Gitarrist Daniel berechtigt mit reichlich Beifall belohnt.

das Konzert – auf *Loos* geht`s los
Zum Glück dauerte es jetzt nur noch ganze fünfzehn Minuten bis das Intro vor heruntergelassenem Vorhang im hellblauen Licht erklang. Anna und die Helden ihrer (und auch meiner) Jugend waren bereits bei der Ouvertüre als Schatten hinter'm Vorhang erkennbar. Der Vorhang fiel und... zu meinem Bedauern erklang leider kein einziger Ton von „Unterm Asphalt“. Okay, man soll nicht immer den alten Sachen hinterher jammern. Aber in der Vergangenheit war es für mich immer das Allergrößte. Gut, das Jahr ist ja noch nicht rum, und es herrscht noch kein richtiges Wetter für Open Air Muggen im Land.
Also, die SILLYs legten gleich mit kräftigem Sound und „Nackter als du“ als Opener los. Mit weiteren Songs des neuen Albums berockten die SILLYs das Huxley`s, und Anna begrüßte freudig das Publikum: „Guten Nabend Berlin! So, auf den Satz hab ich mich gefreut“. Berlin ist immer etwas ganz Besonderes, eben auch ein Heimspiel für SILLY. Die Musiker präsentierten an diesem Abend ihr komplettes aktuelles Album „Alles Rot“. Genaues Zuhören gehört bei ihnen zur Pflicht. Werner Karma, der schon früher Texte für SILLY geschrieben hat, lieferte alle 14 Texte für das neue Album. Eine große Herausforderung war es für ihn, die er aber mit Bravour meisterte. Seine Texte sprechen den SILLYs aus der Seele. Sie sind wieder gesellschaftskritisch und lassen aber für jeden einzelnen Zuhörer eigene Sichtweisen bzw. Interpretationen zu. Uwe Hassbecker und Ritchie Barton sind für die Kompositionen auf der neuen Scheibe zuständig, die in der Regel eher entstanden sind als die Texte. So erlebten wir sehr unterschiedliche Kompositionen, die auf Anna Loos zugeschnitten sind. Sie „covert“ nun nicht mehr nur SILLY-Titel, sondern hat jetzt ihre eigenen Songs.

Mit den Tönen einer Drehorgel begann der Song „Findelkinder“ (Uwes Arbeitstitel hieß „Ein Tanz“) im Walzertakt, bei dem Anna ihre Arme ausbreitete und sich dabei drehte. „Ja macht Spaß“ hieß es im nächsten Titel „Ich sag nicht ja“, auch erste Singleauskopplung des aktuellen Albums, für den Uwe Hassbecker sogar eine Doppelhalsgitarre bespielte. Den Spaß sah man den SILLYs an. Sie waren wieder dort wo sie hin gehören, nämlich auf einer großen Bühne. Das Publikum spürte es, stieg mit ein, und der Saal bebte, viele sangen mit. Gut, dass die SILLYs sich wieder daran erinnerten, dass sie Musiker sind - sogar richtig gute - und einen Neustart wagten. So ist es wohl auch im Song „Erinnert“ gemeint. Man soll sich an die Dinge erinnern die einem im Leben wichtig sind. Und das kann einem bei der wunderbaren Melodie auch sehr gut gelingen.
Im ersten Teil des Konzertes wurden sieben Songs vom neuen Album gespielt, die mit Bildern im Bühnenhintergrund unterlegt waren. Kurz nachdem Uwe Hassbecker den Song „Die Furcht der Fische“ mit einem kurzen, starken Gitarrensolo beendete, folgte lt. Anna: „Das Ausbrechen der Wut“. Die Musiker tobten über die Bühne. Herr Petereit, der seinen eigentlichen Bühnenplatz hinten rechts hat, stürzte kurz an den vorderen linken Bühnenrand zu Uwe, bevor er dann mit Jäcki und dem Wort „Noch“ ein Gesangsduo bildete.

Danach wurde es Zeit, Zeit für die alten Hits. Ich staunte dass wir mit „S.O.S.“ rockten, denn eigentlich dachte ich, dass es inzwischen einen „Ablöser“ gibt, aber dazu später mehr. Uwe und Ritchie konnten am Ende des Titels mit einem kurzen Soli brillieren. Anna vermeldete den nächsten Song: „Das nächste Lied ist eigentlich für diese Stadt geschrieben worden. Berlin, für euch“. Bei „Mont Klamott“, im grünen Licht, blieb einem fast schon die Luft weg. Genügend Luft schnappen konnte man beim nächsten Block. Die SILLYs luden zu einer kleinen Akustikrunde ein, sie hatten einen Ausschnitt aus ihrer Elektroakustiktour mitgebracht. Ich freute mich außerordentlich als ich sah, dass Jäcki seinen Electric Upright Bass (ein elektrischer Kontrabass) dabei hatte. Zu viert (Anna und die drei Säulen) präsentierten sie uns drei schöne alte Titel, und hängten zugleich noch „Warum ich“ an.
Im Anschluss beorderte Anna die drei Gastmusiker Herrn Petereit an den Gitarren, Daniel Hassbecker an den Keyboards und Cello, und Ronny Dehn am Schlagzeug zurück auf die Bühne. Ein kleiner (Größe) bzw. großer (Musiker) Gast kam jetzt hinzu. Ronny Dehn, der auf dieser Tour SILLY am Schlagzeug begleitet, durfte seine kurze Pause verlängern. Leo Hassbecker (Uwes 12jähriger Sohn) übernahm für den Titel „Höhle“ das Trommeln. Leo hat auch eine eigene Band. Er trommelt gemeinsam mit dem Gitarristen Adrian Dehn (Ronnys Sohn) in ihrer Band F.A.L.E. Übrigens hätte ich die Beiden an dem Abend fast verwechselt, kein Wunder bei gleicher Gestalt und gleicher Frisur. Jedenfalls sagte Anna anschließend: „Vielen Dank Leo! Das hast du superspitzenmäßig gemacht“. Stimmt!

Mit weiteren neuen SILLY-Songs ging es weiter im Programm. Bei „Flieger“ konnte man auf der Leinwand Videoeinspieler in schwarz-weiß vom Luftfahrtpionier Otto Lilienthal verfolgen. Einfach genial inszeniert. Dann folgte einer meiner Favoriten vom neuen Album. Laut Anna: „Eine Achtungserklärung an alle Chefs und Manager“. Ich hatte bereits von einem „Ablöser“ geschrieben. Ja, „Mein Kapitän“ hat „S.O.S.“ Qualitäten. Der Sound, der Text, alles in Allem ganz große Klasse. Bei beiden Titeln steht ordentlich Druck bzw. Tempo dahinter, die rocken, und die Männer kommen auch zu „Wort“. Anna hatte alle Männer auf der Bühne im Blick und auch die männlichen und weiblichen Fans vor Ort. Und eigentlich bin ich dann doch froh, dass beide Titel einen Platz auf der Setlist fanden. „Wo bist du“ erstrahlte im blau-orangen Licht als Daniel den Bogen über die Saiten seines Cellos zog.
„Alles Rot“, der Albumtitel, setzte allem noch einen oben drauf. Folkloristische Klänge machen ihn zu einem Hit. Warum ist der eigentlich nicht als Single erschienen? Das Publikum sang, feierte und klatschte. Für „Alles Rot Reprise“ griff Ritchie, der den ganzen Abend an seinen Keyboards fabelhaft funktionierte, zur Gitarre, und Anna rockte an den schwarz-weißen Tasten (so wie man es von „Bye Bye Reprise“ kennt). Da rockten sie nun, die drei Säulen in vorderster Front. Einfach schön diese Konstellation wieder erleben zu dürfen. Sie sind wieder da, sie sind wieder musikalisch in der eigenen Liga aktiv, die Säulen, mit neuen modernen Songs, mit Anna Loos. Sie brauchten kein echtes Feuer, wie es bei manchen großen Bands üblich ist, denn sie versprühten selbst Energie, und brauchten auch keinen Konfettiregen, Lichtshow und jubelndes Publikum taten ihr übriges.

Gegen 22:05 Uhr verschwand die Band für kurze drei Minuten. Das Publikum tobte, klatschte energisch, der Fußboden im Huxley`s bebte (mein Stuhl bewegte sich, wie auch schon den ganzen Abend über). Mit drei Zugaben kamen sie zurück. Im blauen Licht nahm Daniel erneut seinen Bogen zur Hand. Bei „Bataillon d`Amour“ sah man viele Arme hin und her schwingen, und Ronny, der den ganzen Abend gekonnt mit seinen Sticks wirbelte, ließ den Titel mit einem kurzem Drumsolo enden. Anna teilte allen ihre ausstrahlende Freude mit: „Danke Berlin! Ihr seid die Besten“, verwies auf das anstehende Konzert in der Zitadelle, und fuhr fort: „Ihr seid ein geiles Publikum. Berlin ist immer noch die größte Stadt der Welt“.
„Propheten möchten sich mein Herz für ihre großen Pläne leihen. Wie repariert man eine Welt? Wie können die so sicher sein? Ich sage: Ja, Vielleicht und Nein. Im Grunde such ich nur ein Nest. Warum ist die Welt so groß? Mach sie kleiner, leg mich fest“, ein genialer Text von Werner Karma, verbunden mit Ritchie`s wunderbarer Komposition. Im blauen Licht zelebrierte Anna mit ihren Jungs diesen balladesken Song und begeisterte damit ebenso die Massen.

„Asyl im Paradies“
„Einen Song haben wir noch, einen ganz besonderen Song. Der ist von uns, einem ganz besonderen Menschen gewidmet. Für Tamara: `Sonnenblumen`!“ So kündigte Anna den letzten Titel des Abends an. Sofort schossen mir die Zeilen vom letzten SILLY-Album mit Tamara in den Kopf. Sie schrieb: „Gib mir Asyl hier im Paradies. Hier kann mir keiner was tun. Gib mir Asyl hier im Paradies. Nur den Moment um mich auszuruh'n“. Ich sah die Sonnenblumen an der Bühnenrückwand. Unheimlichen Tiefgang erzielte der Song als Uwe mit seiner Geige an dieser Stelle einsetzte: „Wo du auch sein magst“. In den letzten Jahren hatte ich immer eine Sonnenblume dabei. An diesem Abend nicht, nun gibt es diesen Song. Die Euphorie, in der ich mich den ganzen Abend befand, war plötzlich wie weggeblasen. Was hätte man nach so einem emotionalen minimalistischen Stück auch noch spielen sollen?!
Kurz vor halb elf saß ich fast regungslos auf meinem Stuhl, ließ alle anderen nach Hause ziehen...

Nach dem Konzert zeigten sich einige Musiker, gaben ein paar ausharrenden Fans Autogramme und starteten im gleichen Zug ihre Aftershowparty, bei der sich viele Musiker einfanden. Ich werde mich am 27. August auf den Berliner Asphalt oder auch mit der U-Bahn „unterm Asphalt“ in die Zitadelle Spandau begeben, um beim Open Air Konzert dabei zu sein. Nicht nur ich, ganz viele andere auch, da bin ich mir ganz sicher.




Fotoimpressionen:

Beobachtungen vor der Show:
(Soundcheck + Randgeschehen)
















(Ronny Dehn mit Sohn Adrian)









Auftritt "Bendzko"











Auftritt "SILLY"