Andrea Timm & Band live am
6. Juni 2010 in Rostock



Bericht: Steffen Huth
Fotos: Steffen Huth





Die Leute, die an diesem sonnigen Sonntagabend nach einem schönen warmen Wochenende über den Universitätsplatz in der Rostocker Innenstadt schlenderten, konnten nicht ahnen, dass 50 Meter weiter ein Konzert der Liedermacherin Andrea Timm stattfand. Als einer der Auserwählten der es wusste, begab ich mich hinter das Universitätsgebäude und konnte nach einigem Suchen die kleine Bühne finden, auf der vier Musiker schon ihr Equipment für den Abend aufgebaut hatten.
„Im Juli kommen mehr Zuschauer“ sagte mir die Frau am Getränkestand und Timmis' Manager Andreas begrüßte mich am kleinen Fanverkauf und sagte entschuldigend „Ich hab Plakate rübergeschickt“. Damit war eines klar: Der Geheimtipp „Andrea Timm & Band“ würde heute weiter geheim bleiben. Ich begab mich auf die etwa 60 Zuschauer fassende Tribüne, die an diesem Abend zur Hälfte besetzt war, und konnte den sehr schönen Auftrittsort bewundern. Von hinten einfasst mit der Klostermauer sitzt man mitten im Stadtzentrum Rostocks im Grünen und schaut auf die tiefer gelegene Bühne. Im Hintergrund der Bühne ragt das Kloster zum „Heiligen Kreuz“ hervor. Diesen Klostergarten nutzt der Veranstalter, die „Compagnie de Comedie“, als Veranstaltungsort im Sommer. „Gestern lief Parzival“, sagte mir die Mitarbeiterin vom Einlass, die sich mittlerweile auf der Tribüne einfand... und heute spielt Andrea Timm!

Um 20:30 Uhr ging es los mit „Nie Illusion“, einem Song, in dessen Einleitung Andrea ganz ohne musikalische Begleitung singt. Erst nach und nach baut sich der Song dann langsam auf. So war es auch an diesem Abend auf der Bühne. Leiser und immer stärker rückten die Instrumente mehr in den Vordergrund. Timmi hat es wirklich geschafft, exzellente Musiker zum „Begleiten“ zu bringen. Zum einen ist es der Gitarrist und Komponist Axel Stammberger, der sich auch als Arrangeur von Andreas Liedern verantwortlich zeigt. Sein Konzertgitarrenspiel in den verschiedensten Facetten zeugt von einer hohen Virtuosität auf seinem Instrument. Seine flinken Finger spielten aber nicht nur Lieder von Andrea Timm, sondern beispielsweise auch Country-Nummern von Jonny Cash, und den auf der Platte befindlichen Coversong „Tasse Kaffe“ ("Another Cup Of Coffee" von Mike an the Mechanics). Die Mitte der Bühne füllte der „Basskran“ Marcus Schloussen aus, der sitzend vom Blatt spielte, welches er einmal vom Notenständer geweht aus der Luft wieder auffing. Andere kleine Highlights setze auch der rechts vom Publikum agierende Percussionist Michael Behm, dessen Schlagzeug schon kannibalisch beschnitten war. Er bringt nicht nur den Rhythmus mit, sondern setzt die kleinen Farbtupfer in den Songs und kann auch mal anständig draufhauen.

„Ganzes Halbes Leben“ heißt das Programm von Andrea Timm, und es handelt von der Halbzeit im Leben, der gefühlten ersten Halbzeit. Man ist nicht alt, aber auch nicht jung. Die Kinder sind jetzt Freunde, und von den Freunden ist die eine Hälfte nicht mehr da und die andere Hälfte sieht älter aus. Was macht man mit der anderen Hälfte Leben, so zwischen „Burn out“ und Neuanfang?

Erst einmal war Pause. Ich durfte Timmi „Backstage“ begrüßen und schon gingen sie los, die Insidergespräche: Wann kommt die neue Renft-Platte? Wann war ein Bruch bei Stern Meißen sinnvoll? Wann gibt es einen erneuten Auftritt von Andrea im Norden? Wie kann man sie einem größeren Publikum zugänglich machen?

Nach der Pause gingen die Musiker wieder auf die Bühne, die Nacht raubte dem Tag das Licht und die Instrumente wurden lauter. Ich belaste meine Konzertbesuche nicht mit dem Mitschreiben von Songtiteln, daher hat mein Bericht auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Setliste. Ein portugiesischer Chanson kam mir sehr bekannt vor und „Liebe und Leid“ und „Verfluch nicht den Wind“ von Renft waren auch mit von der Partie. Und immer wieder die Titel von Andrea: “Deine Flügel - unverwundbar zart...“, eine Melodie vom tödlich verunglückten Renft-Gitarristen Heinz Prüfer, oder mein Favorit „Scherben“...

Dann ließ Andrea die Band allein auf der Bühne zurück und setzte sich ins Publikum. Die Musiker, mit einer geballte Ladung Musikgeschichte aus dem ersten halben Leben im Gepäck, durften etwas daraus erzählen. Axel Stammberger, der einmal bei Veronika Fischer spielte, sang den von ihm komponierten „Zigarettenblues“. Der langjährige Basser der Kultband „Renft“, Marcus Schloussen, rauchte sein „Irgendwo dazwischen“ von der noch aktuellen Renftscheibe durch's Mikro, bevor dann Michael Behm glockenklar „Was bleibt“ aus seiner Stern Meißen-Zeit vortrug. Er hat wirklich eine sehr schöne Stimme und beim Schlagzeug-Solo bewies er die seinen Fans allseits bekannten Entertainer-Qualitäten.

Andrea kam auf die Bühne zurück und die Vorstellung näherte sich dem Schlussakkord. Das Publikum forderte Zugabe und bekam sie mit dem Beatlesklassiker: „With a little help from my friends“ auch. Als nun wirklich alles zu Ende zu sein schien, brummte der Bass weiter. „Einen machen wir noch“, rief Marcus. Michas Schlagzeug setzte wieder ein, und Axel ließ die bekannten Gitarrenakkorde durch die Dunkelheit fließen: „Hab geschlafen unterm` Apfelbaum, und der hing mit Äpfeln voll. Und ich träumte einen Apfeltraum in Moll“.
Ja, der schöne Moll, diese andere Traurigkeit, ja teilweise der Humor ist es, der mir bei Andrea fehlt. Die schöne Musik bricht innerhalb des Songs immer wieder... Ihre Texte sind nach einem halben Leben reif; sprechen Themen an, um die andere Songschreiber einen Bogen machen. Doch manchmal fehlt mir die Leichtigkeit. Das halbe Leben war doch auch lustig und schön...

Ich ging zurück zu meinem Auto, vorbei am Brunnen der Lebensfreude und durch die dunkle Rostocker Innenstadt. Ein paar Leute waren noch unterwegs. Sie konnten nicht wissen, dass sie vielleicht etwas verpasst hatten. Und hätten sie es gewusst, dass ein Konzert im Klostergarten stattfand, hätten sie bestimmt tanzen mögen. Ich fuhr nach Hause und ließ das Radio aus.




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