ULTRAVOX live in der "Großen Freiheit 36"
zu Hamburg am 23. April 2010



Bericht: Holger Stürenburg
Fotos: Pressefotos






Ultravox

"Spandau Ballet", "ABC", erst vor wenigen Wochen "Heaven 17" - und im Herbst die "für immer jungen" "Alphaville": 2010 scheint tatsächlich DAS Jahr des fundamentalen 80er-Revivals darzustellen.
Während Menowin, Mehrzad und andere sog. "Fünf-Minuten-Superstars" (Zitat: HR Kunze) in spätestens einem halben Jahr vergessen sein dürften, gelten die Helden unserer Jugend auch 25, 30 Jahre ‚danach' als unverbrüchliche Kreativköpfe, deren elektropop-infizierte Titel nicht nur Musikgeschichte geschrieben haben, sondern gleichsam zu real existierenden Evergreens des britischen Pop/Rock-Lebens erwachsen sind. Lieder, die fraglos unter die Haut gehen, enorm viel Atmosphäre ausstrahlen und natürlich jederzeit dazu befähigt sind, das Leben, Leiden und Lieben aus der "coolen Dekade" Eins zu Eins in die schnelllebige, langweilige, gleichförmige, sagen wir ruhig: öde, aschewolke-verhangene, heutige Zeit zu transferieren.

Zu dieser Spezies zählen auch die Londoner New-Wave-Großmeister von "ULTRAVOX". Warren Cann (dr), Chris Cross (bg), Billy Currie (key) und selbstverständlich Sänger, Frontmann und Gitarrist Midge Ure haben sich knapp 30 Jahre nach ihrem unvergesslichen Erstlingshit "Vienna" erneut zusammengeschlossen und betören nun seit Frühjahr vergangenen Jahres ihre mit ihnen in Würde gereiften Fans mittels eines rund zweistündigen Liveprogramms, bestehend aus allseits geläufigen Singlekrachern und liebevoll ausgewählten Albumtracks, sämtlich entsprungen der monumentalen Hitphase 1980 bis 1986.
So gleichsam am letzten Freitag, dem 23. April 2010, in der Freien und Hansestadt Hamburg; im Club an der "Großen Freiheit 36", vor ausverkauftem Hause. Mehr als 2.000 unverbesserliche 80er-Kinder drängelten sich vor der spartanisch eingerichteten Bühne - um genau 20.00 Uhr betraten die vier sanft ergrauten, netten, älteren Herren dieselbe; außer Midge, der nach der ersten Bandtrennung 1987/88 eine durchaus reputierliche Solokarriere in die Wege geleitet hatte (Erinnere: "If I was", 1985, "That Certain Smile", 1986, "Dear God", 1988, "Cold, Cold Heart", 1991, "Breathe", 1996/98, "Beneath a Spielberg Sky", 2000 etc. u.v.a.), hatten sich die anderen drei "Ultravox"-Musiker hatten sich nach nicht so erfolgsverwöhnten Versuchen mit verschiedenen Sängern ab Mitte der 90er völlig aus der Showszene zurückgezogen. Bassist Chris Cross praktizierte jahrelang als Psychologe, Schlagzeuger Warren Cann hatte sich in Los Angeles niedergelassen und kein Drum-Kit mehr angerührt...

Doch nun strotzt das Quartett nur so vor brachialer Spielfreude und unbändiger Lust auf's Konzertieren. Ihre frühere Plattenfirma Chrysalis/EMI legte kürzlich die sechs Hitalben aus den 80ern, um diverse Bonustracks, B-Seiten und Maxiversionen erweitert - meist als Doppel-CD - neu auf; zudem veröffentlichten die Kölner Katalogkollegen ein Best-of-Set, das aus einer prallgefüllten CD mit den gefragtesten und beliebtesten Hitparadenstürmern und einer ebenso reichhaltig bestückten DVD besteht, welche die dazugehörigen Videoclips beinhaltet, sowie einen grandiosen Livemitschnitt des aktuellen Tourrepertoires unter dem Motto "Return to Eden" (der CD-Titel lehnt sich an das gefeierte 1981er-Epos "Rage in Eden" an, das seinerzeit hierzulande gut die Top 50 knackte und in der Bandheimat Großbritannien sogar auf den vierten Platz der Albumhitparaden gelangen konnte).
Los ging's mit ein paar Uraltepen aus den ersten "Ultravox"-Jahren, als Midge Ure den schüchternen, vergeistigten Elektropopper John Foxx als Vokalisten abgelöst hatte, der Truppe somit endlich zum endgültigen Durchbruch verhalf und dieselbe zu einer DER legendärsten Vertreter der musikalisch durchwegs synthesizerlastigen, darüber hinaus stets modisch, schnieke bekleideten New-Romantic-Bewegung ausgestaltete.
Ruppig, latent punkig erklang der dralle New-Wave-Hymnus "New Europeans" (1980), daran anschließend hörten wir die düster-nervöse Ode auf die "Passing Strangers", einst zweite Singleauskoppelung aus der genialischen "Vienna"-LP. Dieser von der Kölner Koryphäe Konrad "Conny" Plank produzierten Scheibe entstammt auch das straighte Agentendrama "Mr. X", das an jenem frühlingshaften Freitagabend ebenso zur Aufführung kam, wie das so bedrohliche, wie (nur vordergründig) romantische, balladeske Rockinstrumental "Astradyne", das in erster Linie durch treibende Gitarren und breit gefächerte Soundwälle besticht und eine ganz besondere, nahezu unbeschreibliche Stimmung ausstrahlt. Treibend, konsequent, rasant, präsentierten "Ultravox" gleichermaßen die vierte und letzte Single aus "Vienna", ein drastisches, kraftvolles, zickiges Synthirock-Opus namens "All stood still".


Wieder dabei: Midge Ure (Quelle: Wikipedia)

Das hingerissene Auditorium in der "Großen Freiheit 36" bebte regelrecht, als Midge und die Seinen die vom britischen 1949er-Filmklassiker "Der Dritte Mann" ("The Third Man") inspirierte, klirrend kalte und zugleich so gefühlvolle, so minimalistische, wie zweifellos aufgedonnerte Klangorgie "Vienna" anstimmten - in unseren Breitengraden im April 1981 der erste Hitparadenerfolg für "Ultravox" überhaupt: Ein wahrhaftiger Klassiker der synthesizerorientierten 80er-Jahre-Musik; Feudales, geradezu klassisches Ambiente verbindet sich hier mit perfekten Popsounds aus dem Computer, Kühle und Abgeklärtheit verschmelzen mit schweißtreibender Romantik und überzeichneter Dramatik - Der leicht morbide, ironisch überzeichnete, zutiefst emotionale Lobgesang auf die österreichische Bundeshauptstadt ist und bleibt ein überaus diffiziles Kunstwerk per Excellanze, das seinesgleichen lange suchen muß.

Im August 1981 erschien die brodelnde Synthi-Nummer "The Thin Wall" als erste 45er aus "Rage in Eden", dem zweiten "Ultravox"-Longplayer, bei dem Midge den Platz hinter dem Mikrophon eingenommen hatte. Sie kam an jenem sagenumwobenen Konzertabend genauso zum Einsatz, wie der vertrackte Albumtrack "I remember (Death in the Afternoon)", der Titelsong von eben erwähnter 81er-LP, sowie der eiskalte Synthi-Tanzflächenfüller "Visions in Blue", seines Zeichens dritte Single aus dem 1982er-Meisterwerk "Quartet", das als eines der stilistisch vielseitigsten Werke von "Ultravox" in deren Bandgeschichte eingegangen ist.

Nach genau zehn Titeln, die eher in die Rubrik ‚Geheimtipp' fielen, öffneten Midge, Warren, Billy und Chris ihre ureigene Wundertüte, bis zum Bersten vollgefüllt mit den unwiderstehlichen "Greatest Hits", mit phänomenalen Kompositionen, ohne die unsere Jugend in den 80ern, ergo "Die Zeit unseres Lebens" ("Geier Sturzflug") vollkommen anders, weitaus gleichförmiger, langweiliger, uninteressanter abgelaufen wäre.
Die konstruktiv destruktive ‚Jammerballade' "Lament", titelgebender Song der hervorragenden 1984er-LP, dritte Single daraus im Juli des "Orwell-Jahres", erklang frisch und tapfer, als hätte der computerlastige Schleicher keinesfalls über 25 Jahre auf dem Buckel; unverkennbar etwas Geheimnisvolles, geradezu Sakrales, Gebetsähnliches, trägt der hymnische Hymnus "Hymn" in sich - im Frühjahr 1983 immerhin Top 10 in diesem, unseren Lande; eine der unverkennbaren Erkennungsmelodien von "Ultravox", die noch anno 2010 auf keiner 80er-Jahre-Party fehlen darf.

Auf diese quasireligiöse ‚Hymne' folgte ein Titel, der dem Verfasser dieser Zeilen von jeher äußerst viel bedeutete. "One Small Day" war im Februar 1984 die erste Auskoppelung aus "Lament" und gilt seitdem als eingängiger "Mutmacher" schlechthin: "Oh, my Sentimental Friend / Your Time will come again / One Day / One Small Day". ‚Eines schönen Tages' wird auch der "sentimentale Freund" des Lied-Ichs die beste Zeit seines Lebens erneut zelebrieren, genießen dürfen. Mal kucken, wann der Rezensent eben diesen Textinhalt für sich wird in Anspruch nehmen können...
"Dancing with Tears in my Eyes", die zweite Single aus "Lament", hat zu ihrem Entstehungsdatum in prägnantester Form die typische Zeitgeschichte jener Ära ausgestrahlt und übermittelt. Dazu trug insbesondere das phantastische Musikvideo bei. Hierin spielte Midge einen hoch intellektuellen Wissenschaftler, der in der Organisationszentrale eines Kernkraftwerks tätig war. Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, blinkten die Lampen leuchtend auf Rot - der Super-GAU war ausgebrochen.
Midge verließ überstürzt das AKW, mochte zu seiner geliebten Frau nach Hause fahren; ihm gelang dies kaum, sich mit seinem Auto durch die wild durch die Gegend rennenden, verängstigten Bürger zu kämpfen - er kam dennoch bei seiner Gnädigsten an; die beiden schliefen noch ein letztes Mal miteinander, sahen sich alte Videos von sich und ihrem friedlich vor sich hin schlummernden Baby an - und dann brach auf einmal alles in sich zusammen. Dem Regisseur dieses Videos ist es unzweifelhaft gelungen, dem interessierten Zuschauer realitätsnah und bedrückend den Eindruck zu vermitteln, das TV-Bild per se finge nach der Explosion des Atomkraftwerks Feuer. Ein absolut überzeugender, originärer, brutal ehrlicher Videoclip, der zum Zeitgeist der mittleren 80er passte, wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.


Midge Ure

Mit religiösen Motiven experimentierte der wehende Ohrwurm "Reap the Wild Wind", erste Single aus "Quartet", in Großbritannien im Herbst 1982 ein ehrenwerter Rang 13; in Deutschland leider nicht platziert, dafür aber ein unverbrüchlicher Geheimtipp zwischen Dekadenz und Wahnsinn, zwischen unzerstörbarer Liebe und naiver Romantik - schlicht ein unkopierbarer Meilenstein der britischen New-Wave-Szenerie.
"White China", gemächlicher Albumtrack aus "Lament" - eher balladesk, zurückhaltend arrangiert -, und der im Original ebenfalls 1984 entstandene, von dröhnenden, heavy Gitarren getragene, laute, berstende Folkrocker "Love's Great Adventure", vollends durchtränkt von knochentrockener Bluesattitüde US-amerikanischer Machart, leiteten über in den ganz und gar nicht zu verachtenden Zugabenpart.
Als vorletzte Zugabe vernahmen wir "Sleepwalk", die allererste Single von "Ultravox", die diese nach dem Weggang von Ex-Vokalist John Foxx im Frühjahr 1980 mit Midge Ure aufgenommen hatten; im Juli desselben Jahres sogleich ein Top-30-Achtungserfolg für die Neuformation von "Ultravox". Und ganz zum Schluß gab es dann "The Voice" zu hören - ein klaustrophobisch angehauchter Rocker voller prickelnder Sehnsucht und kaum auszuhaltender Angst in einem. Und, wie im 1982er-Konzertfilm "Monument", der seit ca. einem Jahr erstmals auf DVD vorliegt, bearbeitete der Briten-Vierer hierbei elektronische Percussions und Schlagzeuge, was ein ganz spezielles 80er-Jahre-Flair ins Jahr 2010 hineinzauberte.

Frontmann Midge Ure - inzwischen auch schon 56 Jahre alt - genoss es in ausgeprägtester Form, wie er und seine ausführenden Organe, Billy, Warren und Chris, die 80er ein weiteres Mal gekonnt und immens faszinierend aufleben ließen. Ganz neue Songs sind (vorerst) nicht in Planung - aber diese extreme, jederzeit spürbare Spielfreude, mit der uns die vier Alt-New-Romantiker begeisterten, ist ohne Frage in der Lage, darauf schließen zu lassen, daß das *Quartett' ggf. doch noch an neuen Melodien arbeiten könnte...

"Ultravox" 2010 - immerhin knapp 24 Jahre nach ihrem letzten Stelldichein in Hamburg, am 02. Dezember 1986, im "DOCK'S" (damals "KNOPF'S Music Hall", heutzutage "D* Club"), unweit der "Großen Freiheit 36" auf der Reeperbahn - sind besser, überzeugender, vielfältiger, denn je. Dank einer kongenialen Mixtur aus Selbstironie und beinhartem Arbeitsethos, bewiesen die vier ältlichen Herren, daß sie auch 25-30 Jahre nach ihren tönenden Meilensteinen immer noch und weiterhin zu den ganz großen Popmusikern von der Insel gezählt werden müssen.
Die schönen, aber doofen "DSDS"-Chaoten der letzten (insgesamt siebten) Staffel jener umstrittenen RTL-Sendereihe genießen nun ihre Warhol'sche "Viertelstunde Superstar". Es sei ihnen vergönnt. "Ultravox" sind dagegen seit knapp 30 Jahren unschlagbare "Superstars". Dies haben die Vier erst am vergangenen Freitag (23.04.2010) mal wieder unzweifelhaft belegt. Ich hoffe, gerade in Anbetracht, der zig CD/DVD-Wiederveröffentlichungen aus dem Hause EMI, daß sich Midge und Begleiter zusammenraufen werden und bald mit einer profunden Neuproduktion an den Start gehen! Das Zeug dazu haben sie ohne jegliche Rückfrage, "Return to Eden" sollte nicht das Ende, sondern vielmehr ein neuer Anfang sein - für "Ultravox" 25 Years later! Wir freuen uns auf GANZ NEUE Songs von Euch! Ihr habt das Zeug dazu! Ihr zeigt es den unglückselig gehypten Bohlen-"Superstars". Ihr habt es drauf!
"Oh, my sentimental Friend / your Time will come again / One Day / One Small Day" - und ganz so lange werden wir auf diesen "One Small Day" womöglich gar nicht warten müssen

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