...live am 26. April 2009
im "Knust" zu Hamburg



Bericht: Holger Stürenburg
Fotos: Pressefotos John Watts





Die meisten von uns "Alt-80ern" kennen JOHN WATTS als Frontmann der New Wave-Legende "Fischer-Z", die zwischen 1979 und 1981 drei phantastische Alben veröffentlicht und mit schnellen, prägnanten Gitarrenhämmern a la "The Frech let her", "So Long", "Wax Dolls", plietschem Reggae ("Room Service", "Remember Russia") oder auch und gerade mit dem grandiosen Top-40-Hit "Marliese" den Zeitgeist der frühen 80ern maßgeblich mitbestimmt hat und zudem mit der famosen Produktion "Red Skies over Paradise" (1981) eine wegweisende Songkollektion in Sachen britischer Popmusik der beginnenden coolen Dekade erschuf.

(Fischer Z)

Der "Kopf" von "Fischer-Z", JOHN WATTS, hat seitdem immer wieder spannende, durchwegs jenseits des Mainstreams angesiedelte Projekte auf die Beine gestellt. Er spielte hochkarätige Soloalben ein (etwa "The Iceberg Model", 1982), reformierte 1987 "Fischer-Z" in gänzlich anderer Besetzung, veröffentlichte in diesen wechselnden Formationen so geniale Klangkunst, wie "Reveal" (1987), "Fish's Head" (1989), "Destination Paradise" (1992) oder "Kamikaze Shirt" (1993) - fundamentale LPs/CDs, die uns 80er-Kindern, selbst zu weitaus späteren Zeiten, überdeutlich vermittelten, daß UNSERE Dekade, UNSERE Jugend, auch in den 90ern und 2000ern weiterlebte - und dies sogar in Anbetracht der Tatsache, daß der im Londoner Stadtbezirk Harrow geborene Sänger, Gitarrist und Dichter sich und seine Musik stets weiterentwickelte, moderne, jeweils zeitnahe Elemente darin einbaute, die aber seine Uraltfans aus dem coolen Dezennium zu keinem Zeitpunkt vor den Kopf stießen oder, die ihnen womöglich gar mißfielen. 2009 ist der studierte Psychologe John Watts mit einem ganz speziellen Projekt unterwegs. "More than Music & Films" nennt sich seine neueste Idee, die wir Hanseaten am vergangenen Sonntag (26.04.2009) im "KNUST", nahe des Schanzenviertel, ‚live' genießen konnten.
Kurz nach 21.00 Uhr, erschien John auf der Bühne und kündigte zwei junge Musiker aus Köln an, die ihn und seine Truppe auf der laufenden Deutschland-Tournee begleiten. "VOLTAIRE" nennt sich eine Band aus der Domstadt, die derzeit mit ihrem Albumdebüt "Das letzte bisschen Etikette" (Rough Trade) am Start ist und hervorragende, zwar moderne, aber niemals nervtötende, überaus intelligente deutsche Rockmusik, irgendwo zwischen Alternative, Gitarrenrock, "Hamburger Schule" und Avantgarde, spielt, wobei hier speziell die philosophische, leicht melancholische Lyrik betört. Das besondere an den Auftritten bei der diesjährigen John-Watts-Tournee ist jedoch, daß nur ZWEI Bandmitglieder eine Art "Akustik"- bzw. "Unplugged"-Programm darbieten. Sänger und Lyriker Roland Meyer de Voltaire entlockte der Akustik-Gitarre die wildesten Rockriffs und wirkte mit seinem Spiel auf positive, konstruktive Weise aggressiv, offensiv und hymnisch; sein Begleiter Marian Menge bearbeite mal eine E-Gitarre, dann wiederum eine Pedal Steel oder - im Rockbereich ansonsten kaum eingesetzt - nichts geringeres, als ein originäres Xylophon (!).
So hörten wir - das Publikum bestand überwiegend aus Zeitzeugen der "Generation Fischer-Z" - seitens Roland und Marian z.B. das abgeklärte Trennungs-/Abschiedslied "Wenn Du gehst", die dunkle, im mittleren Tempo verharrende, schlicht perfekte Rockballade "Hier", den konsequenten Neo-Rocker "Zu was", der selbst im entschlackten "Unplugged"-Gewand nichts an seiner Überzeugungskraft verlor, und natürlich die neue Single von "Voltaire", "Die gute Art" - eingängig, fraglos radiotauglich, ohne Zweifel tanzbar, aber alles andere als billiger Mainstream. Der Verfasser dieser Zeilen prophezeit, daß wir von "Voltaire" künftig noch einiges vernehmen werden. "Das letzte bisschen Etikette" werde ich in Bälde an dieser Stelle gesondert vorstellen; norddeutsche Freunde undogmatischer muttersprachlich intonierter Rocksounds können sich schon mal den 13. Mai 2009 vormerken. Da gastiert das hochtalentierte Quintett in voller Besetzung in der "Prinzenbar" auf dem Hamburger Kiez.
Für sein aktuelles Projekt "Morethanmusic & Films" hat der kreative Querkopf John Watts folgendes konzipiert: Auf gleichnamiger CDplusDVD (So Real/Individual Records; erhältlich über www.johnwatts.co.uk) hat der 55ährige 13 brandneue Songs eingespielt, zu denen er gleichsam (für die beigefügte DVD) surreale, leicht bizarre, mystische, aber absolut gelungene, treffliche Videoclips hatte drehen lassen, die allerdings sicherlich niemals auf MTV und ähnlichen Jugendverblödungssendern laufen werden, da sie viel zu anspruchsvoll, durchdacht, ja gerne auch zu vertrackt sind, um scheuklappenbehafteten Chartshörern gefallen zu können.
In der Umbaupause bekamen die Anwesenden im "Knust" ein paar dieser Kurzfilme auf einer großen Leinwand zu sehen, bevor der Meister, nur mit einer Akustikgitarre behangen, auf die Bühne kam, ein paar Akkorde von "Destination Paradise" klimpernd, um daran anschließend eine Handvoll Titel seiner neuen CD solo zu zelebrieren. Kurz darauf erstürmten die "CB's", bestehend aus Schlagzeuger Sam Walker, Keyboarder Matthew Gest und Johns äußerst attraktiver, liebenswerter, 20jähriger Tochter Millie (Background Vocals), die "Bretter, die die Welt bedeuten", um wahrhaftig alle (!) Beiträge von "Morethanmusic & Films", in druckvoller Umsetzung, nahezu "amerikanisch" (ergo, sehr hymnisch, teils durchaus Springsteen-esk) arrangiert, im Rahmen einer tollen, mitreißenden Rockshow aufzuführen.
Der erstaunte Fan durfte sich nun an aufbrausenden, krossen Rockern ("The Wave", "Delicate"), 80er-Jahre-angehauchtem, vorantreibendem Wave-Rock ("Head on", "URSo" - ein Wortspiel mit "You are so", ausgestattet mit dem wohl unerwartetsten Liedschluß der internationalen Rockszenerie…) oder dem auf CD zwar sehr radiotauglich und sanft eingespielten, im "Knust" aber enorm rasant dargebotenen Ohrwurm "Obvious" delektieren. Pianobetont, zurückhaltend, 80er-orientiert arrangiert, ertönte die "englische Antwort auf "BAPs" "Frau ich freu mich"", "Perfect Timing" - ein hervorragender "Roadsong", der mich sogleich beim ersten Hören musikalisch, wie lyrisch regerecht angesprungen hat. "Bring it on" - eine Reminiszenz an Johns Kindheit in den 60ern und seine Adoleszenz in der Folgedekade - spiegelt ebenjene Stimmung, die seinerzeit musikalisch herrschte, mittels "Stones"-ähnlicher Riffs und unverkennbaren Elementen aus dem klassischen Gitarrenstandard "Peter Gunn" (Duane Eddy), Eins zu Eins wieder; eine liebevolle, eindringliche Emotionsballade, gespickt mit der so unspektakulären, wie total gelungenen Refrainzeile "The Greatest Gift I could give is Love", stellt der romantische Schleicher "The Greatest Gift" dar. Zwischen Country und Jazz hält sich die luftige, lockere Mid-Tempo-Komposition "Left Handed" auf, mir der John am vergangenen Montag übrigens den "Band-Teil" seines Auftritts eröffnete; klanglich kaum anders inszeniert, nahmen wir den sommerlichen Swing "Place & Time" zur Kenntnis. Knalligen Südstaaten-Bluesrock - völlig Watts-Untypisch - bekamen wir in seiner Ode auf den Kampfhund, "Pitbull, Pitbull", zu Ohren; das dazugehörige Video ist übrigens aus der Perspektive eines Hundes beim "Gassi-Gang" gedreht worden, dabei geriert sich der Text derart zynisch und sarkastisch, daß es mich wundert, daß die Hamburger Innenbehörde - immerhin haben wir Hanseaten die Ehre, eines der schärfsten Hundegesetze der BR Deutschland zu besitzen - nicht umgehend dafür gesorgt hat, diesen bitterbösen Titel auf den Index zu setzen… Gospel-ähnlich, hymnisch wirkt "All the Workers", jazzig, gemächlich, dagegen der Ausklang von "Morethanmusic & Films", "I shake my Hand".
Um Punkt 22.15 Uhr konnte der Held des Abends nicht umhin, ein paar Schmankerl aus seinen Großen Tagen dem begeisterten Auditorium zu präsentieren. "Will you be there?" (ein wunderschönes, zugleich zickiges Liebeslied aus dem Jahr 1992, das John ursprünglich Winnie Mandela gewidmet hatte), den sprichwörtlichen "Zielort Paradies" oder "Wax Dolls" (1979) kamen nun zum Zuge… ja, und auch der "verfluchte" "M-Song" (Zitat: John, 2004), "Marliese" blieb nicht außen vor - diesen jedoch interpretierte Roland Meyer de Voltaire mit, erst vor wenigen Tagen verfasstem, eigenem, deutschen Text. So wurden die Fans befriedigt, John aber mußte seine "Hassliebe" "Marliese" nicht selbst vortragen!
John Watts 2009 ist der beste - und vor allem: rockigste - John Watts seit langem. Jahr für Jahr beehrt uns der so sensible, wie hyperironische, niemals um einen sarkastischen Spruch verlegene Vollblutmusiker mit neuen Konzepten, Projekten, Ideen. Er kopiert sich nie und sein Wille, Grenzen auszutesten, gerne zu überschreiten, jeweils Neues, Unerforschtes auszuprobieren, ist und bleibt ungebrochen. Ich bin jetzt schon sehr gespannt, was sich John für 2010 ausdenkt. Aber ich denke, hier einer der ersten sein zu dürfen, der dies erfährt, da ich - sobald meine liebe Freundin und Kollegin Daniela Jäntsch (www.jaentsch-promotion.de) mir meine eigene My Space-Seite wird eingerichtet haben - innerhalb der ersten Sekunden deren Bestehens die süße Millie Watts "adden" (eingedeutschte Anglizismen… bääh!) werde, und dann sicherlich immer wieder aus erster Hand erfahre, was Papa Watts so alles ausbaldowert!

Bitte beachtet auch:
- off. Webseite
- off. MySpace Auftritt
- Voltaire Musik