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Bettina Wegner am 16.11.2007 in der Passionskirche Berlin Bericht: Fred Heiduk Fotos: Gabi E. Reichert
Eigentlich kenne ich die Musik Bettina Wegners schon recht lange. Bei der Armee hatte jemand ein Tonband mit Liedern von ihr. "Wenn meine Lieder nicht mehr stimmen", "Ach wenn ich doch als Mann auf die Welt gekommen wär", "Fleißig, Reichlich, Glücklich" hießen die Titel damals wohl und auch das "Lied für die weggegangenen Freunde" ist mir in Erinnerung geblieben.
Doch ein Konzert Bettina Wegners hab ich nie gesehen. Jetzt wird es höchste Zeit dafür, denn Bettina Wegner feierte am 04.11.2007 ihren 60. Geburtstag und hat angekündigt, am 22.12.2007 ihre Bühnenkarriere endgültig zu beenden. Und wer die Frau kennt, weiß: da wird es keinen Rücktritt vom Rücktritt geben. So gehe ich voller Erwartungen, und doch mit etwas Wehmut, in mein erstes und wohl letztes Bettina Wegner Konzert. Ein paar Worte zum Umfeld. Das Konzert ist Teil Ihrer diesjährigen Abschiedstournee "Ich gehe". Die führte und führt sie zu fast 50 Konzerten kreuz und quer durch Deutschland und die angrenzenden Länder. Durch große und kleine Häuser, in viele Kirchen, die Bettina Wegner immer ein, gelegentlich sogar das einzige Podium für ihre Musik boten. Mit ihr zusammen sind Karsten Troyke, und an der Gitarre, Jens Peter Kruse auf dieser Abschieds-Tour. Die Spielstätte, die Passionskirche am Marheinekeplatz Berlin Kreuzberg, ist eine romantische Kirche von 1908. Sie liegt unweit der U-Bahnstation Gneisenaustraße. Die Kirche ist sehr gut gefüllt als ich gegen 19:45 eintreffe. Irgendwie blauäugig ohne Karte loszuziehen. Doch in einer Kirche wird bei einem Bettina Wegner Konzert eben ein wenig zusammengerückt und notfalls improvisiert. Den beeindruckenden hellen Kirchenraum, ein quadratischer Kuppelbau mit Seitenschiffen und umlaufenden Emporen mit einer romantisierenden Biedermeier und Jugendstilaustattung füllen mindestens 600 Menschen. Ich hab die Karte 672 und bin nicht der letzte Zuhörer, der noch eine Karte kauft. Das Publikum ist bunt gemischt. Alte und Junge, Männer und Frauen. Deutlich erkennbar sind viele zusammengehörige kleinere und größere Gruppen. Die Atmosphäre im Publikum ist erwartungsvoll gespannt. Es ist trotz bestens besetzter Sitzreihen kein allzu großes Problem, einen Platz zu finden. Kaum saß ich, da tat sich die Tür der Sakristei auf, das Licht wurde gedimmt und Bettina Wegner, Karsten Troyke und Jens-Peter Kruse betraten unter tosendem Beifall das Podium. Das Programm wurde mit dem Titel "Stille ist" eröffnet. Nach den ersten Tönen bestätigte sich, da steht eine ganz, ganz große Persönlichkeit auf der Bühne. Licht, Ton, Ambiente - alles stimmte und unterstrich den Auftritt Bettina Wegners unaufdringlich, aber sehr wirkungsvoll. Auf die Aufzählung der einzelnen Titel verzichte ich. Insbesondere da das Programm praktisch identisch mit der dazugehörigen Doppel - CD "Die Abschiedstournee" war. Diese CD kann man direkt über Bettina Wegners Website (www.bettina-wegner.de) beziehen. Zurück zum beeindruckenden Konzert: Selten hab ich eine Stimme mit dieser Intensität gehört. Bettina Wegner malt die Lieder mit ihrer Stimme. Zart, leise und nahezu verletzlich an den Stellen, die das benötigen. Energisch, kraftvoll und resolut wo es angebracht ist. Und im Publikum hört man nur andächtiges Schweigen. Kaum ein Störgeräusch. Endet ein Titel, wallt unverzüglich Beifall auf. Doch Bettina Wegner hat ihr Publikum im Griff. Eine Geste oder ein Wort genügen, um schnellstens wieder Ruhe und Aufmerksamkeit einkehren zu lassen. Und die wird von Bettina Wegner mit grandiosen Kommentaren, Anekdoten aber auch einfachen und besinnlichen Worten honoriert. Für viele ihrer Anmerkungen erntet sie frohes Lachen. Das Publikum hat sich mit Bettina Wegner auf deren Abschiedstour begeben, taucht mit ihr in ihre Themen und Gedanken ein. Titel für Titel steigt die Begeisterung über das, was da zu hören ist. Melodien, mal einfach und eingängig, mal komplex und spröde mit tiefsinnigen lyrischen Texten. Mal wird Melancholie, mal Euphorie erzeugt. In jedem Fall ist Bettina Wegners Stimme der Katalysator. Dass sie von Karsten Troykes Stimme und Jens Peter Kruses Gitarre begleitet und unterstützt wurde, empfand zumindest ich als völlig "normal". Man konnte selbst hier, wo den Beiden wirklich die Begleitfunktion zugeordnet war, erkennen, auch Troyke und Kruse sind Hochkaräter. Nach wenigen Titeln überließ Bettina Wegner Karsten Troyke die Bühne. Und der ging mit dem Publikum auf Exkursion in die Lieblingsregionen seiner Musik, in den Bereich "französische Chansons", ins jiddische Lied und die Folklore Osteuropas. Alles in eigenen Liedern dem Zuhörer dargeboten. So spielte er mit seiner warmen, kraftvoll tiefen Stimme und mit Stimmungen, und wusste jederzeit zu begeistern. Stellenweise fühlte ich mich an Gilbert Becaud erinnert. Besonders seine Interpretation osteuropäischer Musik ist fazinierend. Selbstverständlich erhielt er den gebührenden Beifall. Dennoch fiebert das Publikum Bettina Wegners erneutem Auftritt entgegen. Sie kam zurück und setzte die begonnene musikalische Weltreise mit ihrer Interpretation von "No Woman No Cry" fort. Sollte es auch nur einen gegeben haben, der Bettina Wegners Musik und Worten noch nicht verfallen war, jetzt hatte das Gefühl einer innigen Verbindung den Letzten in der Kirche erreicht. So beeindruckend wie die Musik selbst war, war auch die Ausstrahlung Bettina Wegners. Die wenigen Gesten während des Gesangs, mal geballte Fäuste, mal geschlossene Augen, mal die Hand entspannt auf dem Korpus ihrer Gitarre abgelegt und gelegentlich die sich leicht hebenden Arme, die mal Ohnmacht, mal den Versuch die Welt zu umarmen auszudrücken schienen, alles passte, nichts wirkte aufgesetzt. In jeder Sekunde des Konzert gab Bettina Wegner alles. Troyke und Kruse standen ihr nicht nach. Nach etwa einer Stunde strebte das Konzert einem besonderen Höhepunkt zu: Bettina Wegner plauderte unter Lachen und Beifall aus der Geschichte ihres bekanntesten Titels. Nach ihrer Ausbürgerung habe sie ihn gehasst, weil man die Musikerin nur auf diesen einen Titel zu reduzieren schien. Gleich was sie tat, sang und anging, das Lied drohte Bettina Wegner geradzu zu erdrücken, sagte sie. Sie konnte es nicht mehr singen. Das hielt sie bis zu einer Begebenheit, die sie mit diesem Titel versöhnte. Ihre Söhne kamen mit einem Punkcover mit verändertem Text nach Hause und spielten es ihrer Mutter mit, wie sie glaubt, etwas Schadenfreude vor. Doch anstatt sich zu echauffieren, freute sich Mutter Wegner. Als bekennender Punkfan, so sagte sie, hatte sie das Gefühl, da war das Lied doch wenigstens zu etwas gut. Fortan sang sie es wieder mit Freude. Bis zu dem Tag, da es in eine Hasstirade rechter Skins verwandelt und auf braunen CDs auf Schulhöfen verteilt wurde. Sie vermeinte danach, das Lied nie wieder singen zu dürfen. Doch erfreulicherweise änderte sich ihre Meinung. Bettina Wegner wäre nicht Bettina Wegner, hätte sie den Kampf nicht angenommen. Nicht Bettina Wegner dürfe das Lied nicht wieder singen, sondern die braunen Banden! Beifall von den Rängen unterbrach die Worte Bettina Wegners. Als sie sich wieder Gehör verschafft hatte, erzählte sie, dass sie gegen die NPD und deren Machwerk gerichtlich vorgegangen sei, woraufhin die noch vorhandenen CDs eingestampft wurden und die Aufführung der rechten Variante des Liedes untersagt wurde. Natürlich war das so zu sagen die erneute Versöhnung mit diesem ihren wohl unverändert bekanntesten Titel. Das Publikum verfolgte nun andächtig dem letzten Titel vor der Pause "Kinder - sind so kleine Hände". In der Pause betätigte sich Karsten Troyke als Verkäufer für die Doppel CD. Die Nachfrage war groß, so dass die Pause recht ausgedehnt war. Das tat der ausgelassenen Stimmung jedoch keinen Abbruch. Als die Musiker zum zweiten Teil die Bühne betraten verkündete Karsten Troyke unter großem Applaus, dass nach dem Konzert, Bettina Wegner die erstandenen CDs signieren werde. Dann begann der zweite Teil des Konzerts. Im Grunde wurde da fortgesetzt wo vor der Pause aufgehört worden war, bei der musikalischen Weltreise. Wieder gab es eine gemeinsame Eröffnung, bevor die Begleiter Bettina Wegners erneut ihre Auftritte bekamen. In einer "Andalusischen Variation" konnte dieses Mal auch Jens-Peter Kruse seine Virtuosität zeigen. Eine perfekt gespielte klassische Gitarre. Unglaublich wie kurz und sauber einzelne Töne angeschlagen wurden. Als nach den kurzen aber wieder beeindruckenden Troyke-Solo Bettina Wegner wieder auf der Bühne erschien, war dem Publikum klar, das Konzert nähert sich unaufhaltsam seinem Ende. Und für jeden Ton wurde Bettina Wegner nun gefeiert. Den emotionalen Höhepunkt hatte das Konzert bei "Man sagt" (The Rose). Tränen in den Augen und sichtlich bewegt mahnt die große Dame der deutschen Liedermacherszene man möge dafür sorgen, dass die Rosen am Wasser gehalten werden, um nicht zu verdorren, wobei sie auf Troyke und Kruse zeigte. Die Zuhörer reagierten auf diesen bewegenden Moment mit tosendem Applaus und standing ovation. Sie sagte nach wirklich donnerndem mehrere Minuten nicht nachlassendem Beifall, sie müsse nun Schluss machen, da sie ja nun wirklich lange genug gesungen habe. Womit sie sowohl diesen Abend, als auch ihr gesamtes Künstlerleben gemeint haben dürfte. Ohne großes Gebaren kündigte sie in der Art, wie sie durch den ganzen Abend führte, noch einen Titel an, um sofort hinzu zu fügen, dass es dann noch einen und noch einen gäbe. Damit hat sie wieder die Lacher auf ihrer Seite und die bedrückende Atmosphäre, die nach dem absehbaren Konzertende aufzukommen drohte, in eine freudige verwandelt. Unter erneut tosendem Applaus endet das Konzert nach gut zwei Stunden. Bettina Wegner steht zu ihrem Wort und gibt nach kurzer Pause fleißig Autogramme. Das Publikum verlässt nach und nach, wenn man jetzt pathetisch werden wollte, würde ich sagen, selig und doch mit einer gewissen Trauer die Passionskirche im Bewusstsein, einem denkwürdigen Bettina Wegner Konzert beigewohnt zu haben. Einem der letzten Konzerte von ihr, das man überhaupt erleben konnte. Unglaublich, das diese Frau mit ihrer frischen, kraftvollen, nie zitternden Stimme, den wachen Augen und einer phänomenalen Ausstrahlung in nur einem Monat für immer von der Bühne abtreten will. Ich sage Danke Bettina Wegner und Alles Gute. Bitte sieh auch Du zu, dass Dein Publikum wie die Rose am Wasser gehalten wird und nicht verdorrt. Zur gelegentlichen Pflege sollte es Anlass und Möglichkeiten geben. Foto Impressionen: ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |