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Marius Müller-Westernhagen live am 22.12.2008 in der "Color Line Arena" zu Hamburg Bericht: Holger Stürenburg Fotos: PR
Nach zwei Auftritten letzte Woche in Köln, war am Montag, dem 22. Dezember 2008, nun die langjährige Wahlheimat des gebürtigen Düsseldorfers dran: Weit mehr als 10.000 Fans jeglicher Altersstufen, überwiegend aber klassische 70er- und 80er-Jahre Kinder, die mit Westernhagens Musik, die sich stilistisch zwischen "Stones"-ähnlichem Rhythm'n'Blues, feinstem Pop/Rock und intimen, überaus ehrlichen, erdigen Balladen aufhält, aufgewachsen sind, feierten gemeinsam mit ihrem Idol eine knapp zweieinhalbstündige Party, im Rahmen derer der Jubilar eine elektrisierende Mischung aus seinen größten Hits und ein paar speziellen Fan-Geheimtips aufführte. Vor einigen Monaten wurde auf Marius' Homepage www.westernhagen.de eine Aktion gestartet, bei der seine Anhänger über das Repertoire der vier Geburtstagskonzerte abstimmen konnten. Die 15 meistgewünschten Titel fanden kurz nach "Schließung der Wahllokale" im Netz Platz auf der jüngsten Best-of-Koppelung des Geburtstagskindes, die sich "Wunschkonzert" nennt (Rezension HIER) und tatsächlich alles Wichtige und kommerziell Bedeutsamste des einstigen Schauspielers beinhaltet. Klar, die echten Fans dürften das darauf verkoppelte Material eh schon besitzen, aber gerade Einsteiger und Nachgeborene, die vielleicht erst jetzt erfahren haben, daß es bereits ein Klasse Deutschrock-Leben vor "Tokio Hotel" und ähnlichem Schnellvergänglichen gab, werden mit "Wunschkonzert" bestens bedient; einer CD, die zugleich für uns Alt-Fans eine phänomenale Mitsing- und Partyscheibe darstellt, bei der niemand stillsitzen kann, falls sie einem entsprechenden CD-Spieler zugeführt wird! Begleitet von einer hochprofessionell agierenden, perfekt aufeinander eingespielten, rund zehnköpfigen Begleitband, inkl. der höchst talentierten, farbigen Backgroundsängerin Della Miles, betrat Marius Müller-Westernhagen, gegen 20.20 Uhr die Bühne der völlig ausverkauften Color Line Arena zu Hamburg-Stellingen. Stimmlich in Bestform, stets tanzend und jubilierend, zelebrierte das Geburtstagskind nun alles Notwendige aus seinem vielfältigen musikalischen Leben. Er machte beißend ironisch auf "Ladykiller", zeigte sich schönen Frauen gegenüber als devot und "Willenlos", liebte seine Liebste "Ganz und Gar", parodierte liebevoll Kleinbürgerschicksale ("Der Junge auf dem Weißen Pferd") oder zeigte sich so rockig, wie philosophisch-nachdenklich ("Es geht mir gut", "Nimm mich mit"). Bereits auf seinem 1987er-Album "Westernhagen", als noch niemand ahnte, daß nur zwei Jahre später die Berliner Mauer fallen und die kommunistischen Diktaturen im Osten an ihrer eigenen Idiotie zugrunde gehen würden, veröffentlichte der seinerzeit zunehmend mit surrealen und religiösen Textinhalten experimentierende "konservative Anarchist" die - im positivsten Sinne des Wortes - pathetische Pianoballade "Freiheit" - die 1990 im Zuge des Wiedervereinigungstaumels als Liveversion erneut als Single veröffentlicht wurde, und sich somit als überaus geschichtsträchtiger Beitrag zu Mauerfall und eben der daraus resultierenden "Freiheit" erwies. Auch 2008 intonierte Westernhagen diesen zeitgeschichtlichen Höhepunkt, modernisierte diesen aber diesmal durch den Einsatz eines Hip Hoppers namens "Corse", der diesem wundervoll eindringlichen Schleicher zeitgemäße, aber niemals nervtötende Aktualität verlieh. Es folgten daraufhin die ebenso prickelnde Ballade "Laß uns Leben" (1983), der fetzig fetzende Rocker "Schweigen ist feige" (1994) und - ja, die Fans haben sich ebenjenen Titel aus Marius' 1974er-Debüt nun mal gewünscht - die ausweglose Geschichte vom "Taximann", der den betrunkenen Protagonisten doch nach einer versoffenen Nacht schnellstmöglich nach Hause fahren möge. Kurz darauf setzte ein kleiner "Unplugged"-Part ein. Marius und ein paar seiner Begleitmusiker setzten sich gemütlich an den Bühnenrand, griffen zu akustischen Instrumenten und gaben sich eher stillerem Blues a la "Hier in der Kneipe fühl ich mich frei" (1981), "Geiler is schon" (1983) oder der grandiosen Alkoholiker-Hymne "Johnny Walker" (1979) hin. Es folgte der schlicht unter die Haut gehende Gospel "Steh auf", ein wahrhaft religiös, sakral anmutendes Opus, das insbesondere durch den feurigen Sologesang von Della an enormem Glanz gewann. Ja, und dann kam jener Lobgesang auf alle "zu schönen" Frauen dieser Welt: "Sexy" - es sei jedem Mann zu wünschen, daß er einst diese, ebenjene "Sexy" Traumfrau trifft - eine Frau, für die (Textzitat) "Gott und Teufel einen Vertrag geschlossen haben". Voller Ehrfurcht und Untertänigkeit, gibt sich der Protagonist in jenem rasanten, gitarrenbetonten Rocker DER Traumfrau seines Lebens hin. "Sexy - für Dich haben Gott und Teufel nen Vertrag geschlossen" - ich denke, ein ehrlicheres, überzeugenderes Kompliment seitens eines Mannes an seine Angebetete kann es nicht geben. "Draußen ist es grau / ich sitz mit Dir hier, blau"... Mit diesen, längst Legendenstatus innehabenden Textzeilen beginnt DER Partyreißer von Marius, "Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz". Ich weiß nicht, wie dem Geburtstagskind 1978/79 solche krassen, skurrilen Sentenzen einfallen konnten - mein Begleiter, gestern auf dem Konzert, Jan Lindenau, meinte, möglicherweise Sonntag morgens, nach einer durchzechten Nacht auf dem Fischmarkt ;-) Wir werden es niemals herausbekommen - dennoch ist und bleibt "Pfefferminz" teutonisches Kulturgut per Excellanze. Ein (im LP-Original) gerade mal 2.47 Minuten langer bzw. kurzer Titel, der mehr End-70er-Lebensgefühl in sich trägt, als manches feiste Geschichtsbuch. Nun kam eine sehr introvertiert, nahezu schüchtern inszenierte Version des 1990er-Radiohits "Weil ich Dich liebe" zum Zuge, gefolgt von Marius' launiger Jugenderinnerung "Mit 18" (1979) und dem wiederum recht gospelhaft ausgefallenen "Wieder hier" (1999). Und nun folgte die sprichwörtliche "Konfetti-Kanone". Marius drückte kurz einen Knopf - und schon ergossen sich Hunderttausende kleiner Silberpapier-Teilchen auf uns Fans. Eine liebevollere Geburtstagsüberraschung hatte sich der Jubilar für seine treuesten Fans kaum ausdenken können :-))) Der heftig erkämpfte Zugabenpart begann mit dem surrealen Mid-Tempo-Blues "Nur ein Traum" (1989), führte über den kessen Gitarrenrocker "Fertig" bis hin zum quasireligiösen Rock'n'Roll-Drama "Krieg" (1992) - in diesem zitiert Marius kongenial die Zehn Gebote und zeigt sich als eine sicherlich nicht leichte Person, die sich intensiv mit allen Weltreligionen beschäftigt hat, letztlich aber nicht die innere Kraft dazu aufbringt, an eine dieser auch zu glauben. 60 Jahre Westernhagen - wow, welch ein Ereignis. Der Mann sprüht nur so vor Energie, Optimismus, Kraft und Lebensmut. Sein Hamburger Geburtstagskonzert überzeugte auf ganzer Linie - und lässt uns Alt-Fans hoffen, daß der Großmeister des anarchischen, deutschen Rock'n'Roll vielleicht Appetit bekommen hat und in Bälde wiederum mit neuen Songs, neuen Shows an die Öffentlichkeit tritt! |