Der Wilde Garten live am 28.10.2008 in Berlin



Bericht: Andreas Hähle + Verlinkung zum Bericht des City-Fanclub Grenzenlos
Fotos: Patricia Heidrich, Rüdiger Lübeck




DER WILDE GARTEN - EIN KONZERT DER VIRTUOSEN
Sie sind alle vier Überzeugungstäter und ihre Tat besteht aus der für sie selbst und dem Publikum, den freiwilligen Opfern sozusagen, schönsten aller Handlungen: Sie musizieren. Und manchmal - leider zu selten - starten sie sogar einen ganz großen Coup: Sie musizieren gemeinsam. Die Täter sind: Georgi Gogow, Stefan Kling und Felix Lauschus, angestiftet durch sich selbst und neuerdings angeführt von der Grand Dame in dieser Viererbande: Fräulein Bloom. Der Name dieses Vierumvirats: "Der Wilde Garten".
Nun ist dieses Teilzeit-Projekt des City-Geigers und -Bassisten Georgi Gogow mit seiner grenz- und genreübergreifenden musikalischen Energie keine Neugründung dieser Tage. Aber in dieser Besetzung, in welcher sich "Der Wilde Garten" am 28.10.2008 in der "ufa-Fabrik" in Berlin-Tempelhof das zweite Mal erst einem Publikum präsentierte (das erste Mal war am 24.9. im Russischen Haus zu Berlin) könnte man es eventuell doch als eine solche bezeichnen. In Tempelhof präsentierten sie sich in einer "unplugged-Variante". Der Anlass für dieses Konzert, welches Patti Heidrich und ich besuchten, waren die Deutsch-Bulgarischen Kulturtage, die bereits zum dritten Mal in Berlin stattfanden und das erste Mal auf dem Gelände der "ufa-Fabrik". So ging auch der Erlös dieses Konzertes an ein Projekt des veranstaltenden Vereins "Deutsch-Bulgarisches Zentrum für Information und Kommunikation e.V." mit dem wunderschönen Titel "Waisenkinder dürfen auch lachen". Der Vorsitzende dieses nicht nur kulturpflegenden und -fördernden Vereins, Mathias Traut, hatte im übrigen zufällig an diesem Tag Geburtstag und gab im Gespräch auch unumwunden und fröhlich lachend gerne zu, dass der Auftritt des "Wilden Gartens" ihm ein sehr liebes Geburtstagsgeschenk bedeutete. Nicht weil ja auch immerhin ein Viertel der Band aus Bulgaren besteht, wie Georgi Gogow verschmitzt erklärte, sondern vor allem wegen der ganz besonderen Art Musik, welche die Überzeugungsmusikalisten und -musikalistin darzubieten und virtuos zu zelebrieren verstehen.
Patti Heidrich und ich genossen diesen Abend bei eben jener Musik, bei bulgarischem Bier und inmitten einer Atmosphäre, in der sich Publikum und Band gegenseitig seelisch wärmten. Georgi Gogow sagte vor dem Konzert zu mir, dass es auch etwas von dem "Spirit" an diesem Abend abhängen werden würde, wie es mit dem Projekt "Der Wilde Garten" weitergehen wird. Ich habe ihn nach dem Konzert nicht mehr danach gefragt, werde aber aufgrund meines seeleneigenen Emotionssensors frech und frei mit unverschämter Sicherheit behaupten, dass ich weiß: dieses Projekt wird auf alle Fälle weitergeführt werden.

Steckbrief: Die schöne Gärtnerin und die drei Gärtner

Zwei überragende Multiinstrumentalisten sind es, welche man als bisheriges Stammensemble der "Garten-Crew" bezeichnen kann. Das ist neben Georgi Gogow, den man ja sehr gut von der Rockband "City" kennt und den ich unlängst auch als Mitstreiter der Thomas Putensen Big Band erleben durfte, das nicht nur schlagwerkende musikalische Multitalent Felix Lauschus. Felix "ackert" schon seit 1998 im "Wilden Garten" und zieht dort seine ganz eigenen Furchen, immer mit großer Lust und sichtbar strahlend guter Laune. Hauptsächlich arbeitet er am Berliner Kabarett "Die Distel" (immerhin auch eine Pflanze, die jeder wilde Garten vorweisen kann) und ist auch immer mal wieder gemeinsam mit dem Liedermacher Wolfgang Buck zu erleben, mit dem Sänger Tino Eisbrenner (welcher im "Wilden Garten" auch bereits als Frontmann seine Setzlinge pflanzte) sowie mit der Jazz- und Soulsängerin Angelika Weiz (mit einer Silbe mehr im Namen... na, Ihr wisst schon...). Abgesehen davon, dass Felix wahnsinnig gerne mal ein a-capella-Projekt mit hochzüchten würde, hätte er noch sehr viel lieber viel mehr Zeit für den "Wilden Garten".
Auch der Pianist und Keyboarder Stefan Kling ist kein Gärtnerlehrling mehr und hat seine Gesellenprüfung längst abgelegt, als er in jener Ära Mitglied im Ensemble des "Wilden Gartens" war, in welcher Matthias Freihof als Sänger der Band agierte. Wie auch Felix betrachtet Stefan diese Band als sehr belebend, nicht allein nur deshalb, aber auch weil mit den verschiedenen Musikern, die den Garten bereits betraten, immer wieder neue musikalische Einflüsse sowohl ins Unternehmen als auch in die Experimentierfreude der Musiker hinein gepflanzt wurden. Für Stefan ist es ein sehr buntes Projekt, eben vor allem, weil die Mitgärtner von ihren musikalischen Wurzeln her doch recht entfernt sind. Mitunter ist es dadurch besonders spannend, wie diese sich dennoch (oder gerade deswegen) zu einem ästhetisch wunderschönem Pflanzenensemble vereinen, gerade wenn man sich menschlich so hervorragend versteht wie es im "Wilden Garten" der Fall ist. Ihm selbst war es möglich, seine Jazzintentionen mit einzubringen Was auch Georgi Gogow betont erwähnte. (Interessant deshalb, wie auch andere Aussage-Überschneidungen, weil ich diesmal mit den drei Musikern und der Sängerin getrennte Gespräche führte.) Stefan kennen die Jazzfreunde sicherlich von "L´Art de Passage", wo er gemeinsam mit Tobias Morgenstern musiziert. Er spielt auch oft und gerne mit Stanley Blume (fällt etwas an diesem Namen auf?). Gelegentlich begleitet er Katja Ebstein und Gerhard Schöne und ist noch an vielen weiteren Jazzprojekten beteiligt. Im übrigen schreibt er auch Filmkompositionen (z.B. "Zurück auf Los", "Der Elefant im Krankenhaus" u.a.). Für den "Wilden Garten" wünscht er sich eine Fortsetzung in Form der kleinen Besetzung, wie sie am 28.10. in der "ufa-Fabrik" zu erleben war.
Bevor die schöne Gärtnerin Fräulein Bloom den "Wilden Garten" betrat, war die Band, wie Georgi Gogow sich ausdrückte, stark international besetzt. Ihr Vorgänger als Sänger war der Amerikaner Ben Patton, der mittlerweile wieder in seiner Heimat weilt. So gesehen war wohl die Begegnung zwischen Georgi "Joro" Gogow und Fräulein Bloom ein Glücksfall. Meines Erachtens für beide. Ich denke, das sehen sie beide auch so. Darüber, wann sie sich genau kennenlernten, machten beide unterschiedliche Angaben. Deshalb beschränke ich mich darauf, mich auf die Aussagen selbst zu berufen. Eins steht auf jeden Fall fest: Sie sind sich das erste Mal persönlich in Wendorf begegnet, auf dem dortigen Anwesen des Musikers Thomas Putensen, in dem schon manch erfolgreiche kreative Schlacht ausgetragen und manch produktive Feste abgefeiert wurden, bei denen sich schon einige Künstler fanden, um hernach Gemeinsames zu planen und zu schaffen. Ich selbst bin auch ab und an gerne dort, auch gerade wegen der Begegnungen, Gepräche und Ideen. Dort also auch die erste Begegnung zwischen Fräulein Bloom und Joro. Bei der sie ihm, so sagt dieser, alle bisherigen Songs des "Wilden Gartens" vortrug. Zwischenzeitlich verbrachte Fräulein Bloom eine Zeitlang in Irland, wo sie als Hirtin, sozusagen als Cowgirl, arbeitete. Dies zu erwähnen ist schon wichtig, weil es doch einen gewissen Einfluß auf die aktuelle Stilistik des "Wilden Gartens" hat. Georgi Gogow: "Durch Fräulein Bloom wurde der Wilde Garten noch einmal umgepflügt." Gogow hat Fräulein Bloom eines Tages nach Berlin entführt, sagt Fräulein Bloom, um gemeinsam mit ihr Musik zu machen. Dann hat es allerdings noch zwei Jahre gedauert, bis es dann wirklich soweit war und ob es je dazu gekommen wäre, wenn sich die beiden nicht zufällig auf einem Trödelmarkt begegnet wären, das vermag keiner zu sagen. Beide stellten bei dieser Begegnung fest, dass der eine nicht jünger werde und die andere nicht schöner, sagt Fräulein Bloom, und so begannen die ersten Proben, kam der erste Auftritt am 24.9. im Russischen Haus und am 28.10. der zweite. Fräulein Bloom empfindet sehr viel Verantwortungsgefühl für das Gesamtprojekt, sagt sie, etwas vage, denkt eine Weile nach und konkretisiert dann: Mit Thomas Putensen, mit dem sie eine Zeit arbeitete, war alles sehr viel spontaner, im "Wilden Garten" werden die musikalischen Fäden der Stücke, die Beetschnüre, enger beisammen gehalten. Da wäre noch sehr viel an sich zu arbeiten und zu lernen, sagt sie. Aber sie tut es gern, betrachtet sie doch den "Wilden Garten" bereits schon auch als ihr Projekt. Die unplugged-Variante, welche in der "ufa-Fabrik" aufgeführt wurde, findet sie entspannter, angenehmer, auch einfühlsamer. Irgendwann, sagt Fräulein Bloom, würde sie gern ein Programm mit eigenen englischsprachigen Songs aus ihrer Irland-Zeit machen, Country-Balladen, mit einer eigenen Band, die sie noch finden müsste. Oder auch ganz alte Schlager adaptieren und interpretieren, so von den zwanziger bis in die 50er Jahre hinein. Fräulein Bloom wird in Zukunft noch sehr viel zu tun haben und von sich hören lassen.
Über mangelnde Beschäftigung kann Georgi Gogow nicht gerade klagen. Den "Wilden Garten" betreut er nun schon seit 1997 mit einigen, teilweise auch recht langen Unterbrechungen in der Garten- und Pflanzenarbeit aufgrund anderer Projekte, hauptsächlich längerer Tourneen mit "City". "Der Wilde Garten", so sagt er, ist keine Band, die je in irgendeine Schublade gepasst hat und passen wird. "Der Wilde Garten" ist so etwas wie "Weltmusik in deutscher Sprache". Sagt er, und: "Für mich war Musik immer Weltmusik. Denn die gesamte Menschheit ist durch Musik miteinander verbunden." Ein Album mit der aktuellen Besetzung wünscht er sich. Wahrscheinlich erscheint es im nächsten Jahr. Und vielleicht in der "unplugged-Variante", wenn ich den Wünschen von Fräulein Bloom und Stefan Kling richtig zugelauscht habe... und Joros Andeutungen...

Das Konzert der Virtuosen

"Eine Wolke über mir", eine Mischung aus Blues und traditionellem Swing, war der furiose Auftakt-Titel des Konzertes. Der nächste Song war an diesem Abend Mathias Traut, dem Vorsitzenden des veranstaltenden Vereins, gewidmet. Er hatte ihn sich zum Geburtstag gewünscht. "Vergeben, vergessen..." hieß es da und unvergesslich dazu die Trompete von Felix Lauschus. Bei diesem Titel schon fiel mir auf, was ich schon einmal erwähnte, dass Publikum und Band sich gegenseitig die Herzen zu erwärmen vermochten. Das erlebt man so häufig nicht wie man es sich wünschen würde. Mit einem Song über die "Augenbrauen", einem Duett von Georgi Gogow und Fräulein Bloom, ist vermutlich auch das letzte Terrain des menschlichen Körpers zu einem Lied verarbeitet worden. Von Anfang an glänzten alle sowohl im Zusammenspiel als auch mit solistischen Meisterleistungen. Diese waren noch veredelt durch wirklich großartige Texte (worauf ich als Gelegenheits-Songtexter sehr achte), die nicht nur Geschichten zu erzählen vermögen, sondern auch, dank der markanten Stimme der "schönen Gärtnerin" Fräulein Bloom, in die Tiefen verschiedener seelischer Befindlichkeiten eintauchten und zum Miteintauchen verführten. Traurigkeit, Fröhlichkeit, Erotik, sanftes Erzählen... All dies und noch mehr beinhaltet die musikalische Reise durch den "Wilden Garten". "Es soll ein Wind weh´n" und ein Lied wehte, wie ein trauriges Zigeunerlied anmutend... und doch eine Hymne.
Eine Traumreise, musikalische eine Weltreise aus Herzgeschichten und neuen Märchen. Diese Traumreise verschönert noch durch die mitunter mehr als beeindruckenden, instrumental oft sehr dynamisch begleiteten und so Seele und Leib vorantreibenden Satzgesänge. Geschichten, Lebensgeschichten, Weltbilder, auch in den Ansagen zwischen den Stücken. Georgi Gogow berichtete seine traurige Geschichte erlebter Armut in seiner Heimat Bulgarien. "Laßt nicht den Finanzfaschismus über uns regieren." Danach der Song "Gelernt", ein irgendwie irres Lied, auch über Gleichgültigkeit, vielleicht nicht unbedingt im Herzen, im Denken und im Verdrängen aber gewiß. Witzige Dialoge am Rande: "Bach kommt aus Köthen bei Mazedonien." Und prompt wurde auch der mazedonische Bach gespielt, ein virtuoser Trompetenpart von Felix Lauschus vorangestellt. Daran anschließend ein bulgarisches Lied, eben Bach mazedonisch. Gefolgt von einer Pause, diese beendet durch eine Mischung aus Blues und Jazz, gesungen von Felix Lauschus. "Ich fühle kein Feuer", so sang er. Ja, was wäre ein Konzert ohne Hählegenöle. Diesmal machte mich aber mal Patti darauf aufmerksam und zwar zu Recht: Manchmal kommt es leider vor, dass eine gute Musik einen guten Text überlagern kann. Ich hatte zu diesem Thema schon recht häufig Diskussionen mit Musikern und weiß daher auch, dass sie es meist selbst nicht bemerken und für sie gefühlt doch häufig natürlich eher die Musik im Vordergrund steht im Zweifelsfalle. Ab und zu finde ich das schon bedauerlich, glaube aber, dass es sich einfach zwangsläufig nicht immer vermeiden lässt. "Mein Bett riecht immer noch nach dir" ist andererseits ein Beispiel dafür, dass Musik und Text fulminant zu wirken vermögen, wenn sie eine Einheit bilden, symbiotisch fast. Das nächste Lied war textlich die Verarbeitung einer tatsächlich von Fräulein Bloom erlebten Liebesgeschichte, von ihr selbst verfasst, wunderbar musikalisch erzählt, gesungen (Irland lässt grüßen!) in englischer Sprache. Da es um die Liebe zu einem Iren ging, hatte dieses Stück auch starke irische Einflüsse. "I´m a soldier of my liberty". Ben Patton, der ja einst Frontmann des "Wilden Gartens" war, hinterließ dieser Band einen herrlichen in der amerikanischen Swing-Tradition dahergleitenden Song, in welchem sich auch seine "Nachgärtnerin" sichtlich und hörbar wohl fühlte. Beim Swing blieb es auch in einer gut durchstrukturierten und witzigen Variante des Klassikers "Fever" mit einer hinzugefügten lasziv-erotischen deutschen Textvariation: "Mein Mieder". Dem allem immer noch eine Krone aufsetzen könnend präsentierten Gogow und Lauschus sich bei "Sister" als "The Singing Raves", eine gute Background-Crew in Gestalt von Rabenhandpuppen mit grellgelben Schnäbeln vor den Mündern. Daß eine Swing-Nummer von einem typischen orientalisch geartetem Bauchtanzstück abgelöst wird, scheint mir nur im "Wilden Garten" denkbar. Auch dass man in eine solche wie aus leichter Hand Jazz und Blues hineinweben kann. Oder dass ein Urlaubsreggae ("Foto Foto") mit der Zeile "Das ist Berlin" beginnt. Zugaben? Klar gab es die auch. Reichlich. Worüber ich jedoch nichts schreibe. Wer ein ganzes Konzert des "Wilden Gartens" besucht, welches ja aus bereits genannten Gründen ohnehin auch einen kleinen Seltenheitswert hat, der kann dann diese Zugaben mit größtem Vergnügen selbst erleben. Also auf zum nächstmöglichen Konzert von "Der Wilde Garten". Man weiß ja nie, wann das nächste stattfinden wird ... oder wie sagte Felix Lauschus: "Eh man sich selbst so organisiert hat."...
Auch ein Besuch des sehr schönen Konzertsaals der "ufa-Fabrik" in der Viktoriastraße lohnt sich ganz sicher. Natürlich braucht es dazu auch einen guten Anlass. Ein Konzert des "Wilden Garten" war ja zum Beispiel einer. Ein weiterer steht aber schon in Aussicht. Am 21. und 22. November feiert mit "Terra Brasilis" die beste deutsche Sambaband ihr 20jähriges Bestehen unter dem Motto "20 Jahre in 2 Stunden". Das Jubiläumskonzert beginnt an beiden Tagen jeweils um 20.30 Uhr.

EXTRA: Einen weiteren Bericht vom City Fanclub Grenzenlos findet Ihr HIER...





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