Wenn heute über "Elektronische Musik" gesprochen wird, denken viele sofort an Dancefloor-Gerümpel aus den 90ern von sogenannten "DJs", die sich an die großartigen Songs der 70er und 80er wagten, um sie teilweise unsäglich zu verstümmeln und mit zeitgemäßen Bumm- Bumm-Beats recht einfallslos zu untermalen. Das ist leider kein Wunder, denn gerade in diesem Genre ist in den letzten Jahren soviel Überflüssiges erschienen, dass man sich eigentlich mit Grausen abwenden müsste. Aber "Elektronische Musik" ist schon viel älter, es gab sie auch schon in den 70ern und 80ern und das Genre hat großartige Künstler und Werke hervorgebracht. Pioniere wie Kraftwerk, Tangerine Dream oder Pink Floyd machten diese Musik salonfähig und bewiesen ein ums andere Mal Kreativität und Ideenreichtum. Die 70er und 80er waren die fruchtbarste Zeit dieser Musikrichtung und brachten so großartige Bands und Künstler wie OMD, Depeche Mode, aber auch Gary Numan, The Human League oder POND, Camouflage und Alphaville hervor. Eine andere Gruppe dieser Zeit und Richtung war Propaganda. Die Band verstand es, frischen Wind in die Musikszene der 80er zu bringen. Mit Hits wie "Dr. Mabuse" oder "p:Machinery" spielten sie in einer Liga mit internationalen Größen und begeisterten ein großes Publikum. Sängerin dieser Band war - neben Susanne Freytag - die junge Claudia Brücken. Sie verlieh den Songs mit ihrer Stimme Leben und einen hohen Wiedererkennungsfaktor. Heute, ein schlappes Vierteljahrhundert später, ist die Sängerin nach wie vor aktiv, und das nicht minder aufregend und spannend. Zwischen 1984 und heute liegen viele musikalische Stationen, Experimente und Erfolge. Einen kleinen Einblick in diese kreative Phase der Frau Brücken gibt uns jetzt das Album "Combined". Der Musikfreund mag vielleicht denken: "Ach Gott, eine Best of von ihr brauch' ich nicht", würde dann aber Wesentliches verpassen. Abgesehen davon, dass es schon sehr interessant ist, gemeinsam mit Claudia Brücken mittels dieser Best Of eine Zeitreise zu unternehmen, würde man neues und großartiges Material verpassen! Die Sängerin hat eigens für diese Veröffentlichung ein paar neue Songs eingespielt, die man nicht verpassen sollte. Einer dieser neuen Titel ist eine Coverversion des David Bowie-Klassikers "This is not America", die sie zusammen mit dem ehemaligen Frankie Goes To Hollywood-Member Paul Rutherford eingesungen hat. Die melancholische Grundstimmung des Originals hat die Künstlerin dabei sehr gut eingefangen und drum herum einen neuen Song mit interessanter Klangfärbung gebaut. Beim Hören des Songs bemerkt man, welch homogene Gemeinschaft Claudia mit Paul bildet. Eine runde Sache, die eigentlich als Single ausgekoppelt gehört. Ein weiterer neuer Song ist "Thank You". Gemeinsam mit Stephen Hague, vielen vielleicht noch als Produzent von OMD oder den Pet Shop Boys bekannt, hat Claudia Brücken diesen Song geschrieben. In einer Mischung aus Dance- und Chill Out-Music wiegt uns dieser bittersüße Titel in eine andere Welt. Auch "Night School" stammt vom Gespann Brücken/Hague und steht dem eben beschriebenen Titel in nichts nach. Zerbrechlich singend und lasziv hauchend bringt uns die Sängerin den Text zu Gehör, während eine trance-artige Melodie dazu den Klangteppich bildet. Ideal zum Entspannen und träumen. Ganz großes Kino! Vom aktuellen Projekt "OneTwo", das sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten und OMD-Mastermind Paul Humphreys gegründet hat, gibt es auch neue Töne zu hören. "Sequentia" heißt die Elektronik-Pop Nummer. Wer glaubt, dass das jetzt nach OMD klingen muss, nur weil Mr. Humphreys die Finger mit im Spiel hat, irrt gewaltig. OneTwo ist ein eigenständiges Projekt mit einer komplett anderen Federführung, wie auch schon das 2007 erschienene Album "Instead" eindrucksvoll unter Beweis stellte. Der neue Song besticht jedenfalls durch einen eingängigen Refrain und einen wunderschönen synthetischen Klangteppich. Musik und Gesang ergeben ein untrennbares Ganzes, das harmonisch zusammen spielt und neue Akzente setzt. Die anderen Songs sind bereits vorher auf anderen Tonträgern erschienen. Manche dürften dem Hörer bekannt vorkommen, wie z.B. die drei Titel der Gruppe Propaganda oder die Songs der Gruppe ACT, andere dürften vielleicht auch für den einen oder anderen Fan Neuland sein, wie z.B. "Delicious" vom Solo Album Andy Bells (Erasure) oder "Light The Way", das die Sängerin zusammen mit dem Projekt Chrome Seduction aufgenommen hat. Besonders hervorheben möchte ich aus den bekannteren Titeln noch "Kiss Like Ether" von Claudia Brückens '91er Solo Album "Love: And A Million Other Things". Diese wunderschöne Pop-Perle hat in den letzten 20 Jahren nichts, aber rein gar nichts von ihrem Glanz und der zeitlosen Schönheit verloren. Wenn ein Song auch 20 Jahre nach seiner Veröffentlichung immer noch Gänsehaut und einen wohligen Schauer über den Rücken zaubern kann, dann ist er etwas ganz Großes! Allein an diesem Song kann man sich gar nicht satt hören! Die Plattenfirma hat eine 15 Titel umfassende Anthologie fertig gestellt, die sich sehen lassen kann und ab Mitte Februar auf den interessierten Hörer wartet. Die Platte ist eine tolle Mischung aus bekannten Hits, etwas weniger bekannten Produktionen aus den letzten 20 Jahren und ganz neuen Titeln mit der Chance, Hits zu werden. Verpackt in einem aufklappbaren Pappcover liegt der CD ein Booklet mit weiteren Informationen zu den Songs und Fotos der Künstlerin bei. "Combined" weckt das Verlangen nach mehr Claudia Brücken und es nährt die Hoffnung, dass dieser Kopplung bald wieder ein komplettes Album mit neuen Titeln der Sängerin oder ihres Projekts OneTwo folgen wird. Wir warten geduldig, voller Vorfreude und hören solange diese wunderbare Kopplung! (Christian Reder) |