Eins vorweg: Diese Rezension war in groben Zügen schon vor ein paar Tagen fertig. Allerdings lag mir beim ersten Hören nur eine Vorab-Promo vor, auf der noch nicht die Endmixe zu hören waren, und auf der auch noch nicht die endgültige Songzusammenstellung zu finden war. Darum hab' ich mir die Scheibe heute, nach Eintreffen der endgültigen Fassung, noch einmal... sogar zweimal angehört, und bin stellenweise sogar zu ganz anderen Ergebnissen gekommen... Unzählige Frauenherzen werden ob der Nachricht über die neue Dirk Michaelis CD höher schlagen. Und dann wird es auch noch eine werden, auf der der Künstler Songs international erfolgreicher Weltstars auf Deutsch interpretiert... Musikfreunde, die Dirk Michaelis noch aus seiner Zeit als Frontmann der Gruppe KARUSSELL und aus den letzten Jahren mit erstklassigen Eigenkompositionen kennen, werden besorgt die Augenbrauen hochziehen. Ist das denn unbedingt erforderlich, anderer Leute Hits nachzusingen? Michaelis hat seit Anfang der 90er doch zahlreiche Top-Songs selbst geschrieben und aufgenommen. Warum jetzt also wieder zurück in die Zeit seiner eigenen Jugend, als es noch üblich war, Fremdtitel zu covern um auf sich aufmerksam zu machen? Doch geben wir ihm eine Chance uns zu überzeugen... Ich möchte gar nicht alle 16 Titel auf den beiden CDs einzeln besprechen, sondern eine kleine Auswahl, die stellvertretend für das Album stehen sollen, vorstellen. Los geht's mit einem Klassiker von STING, nämlich "Fields Of Gold". Auf Deutsch gesungen heißt er jetzt "Feld aus Gold" und es ist extrem mutig, diesen STING-Song auf eigene Art "umbauen" zu wollen. So ganz überzeugt sie mich auch nach mehrmaligem Hören nicht. Zwar passt die Stimme des Sängers perfekt zu dem Lied, aber die Umsetzung der grandiosen Vorlage von STING kommt leider nicht an das Original heran.. "Zeit heilt die Zeit" gefällt dagegen auf Anhieb. Das Original ist von CYNDI LAUPER und heißt "Time after Time". Dirk Michaelis macht daraus eine völlig neue und anders klingende Version. Man erkennt den Titel sofort wieder, doch er ist durch den Gesang und das äußerst gelungene Arrangement ganz anders und richtig spannend geworden. Mag Cyndis Version inzwischen etwas ausgelutscht sein, gefällt mir Michaelis' Neuaufnahme sehr gut. Eine wunderbare Interpretation, die gut und gerne noch einmal zum Hit avancieren könnte. Im dritten Titel der CD hat Dirk Michaelis einen James Blunt-Titel neu vertont. "You're So Beautiful" heißt er im Original, und hinterlässt eine unschöne Schmalzpfütze vor jeder Box, die Blunt's Jammerei über sich ergehen lassen muss. "So wunderschön" heißt Dirk Michaelis' deutsche Version, und die ist für meinen Geschmack die um Längen bessere! Der Sänger macht aus dieser wirklich schönen Komposition erst einen großartigen Song. Wozu Blunt mit seiner seltsam anmutenden Stimme nicht in der Lage war/ist, bekommt Michaelis schon bei den ersten Tönen des Songs spielend hin. Man kann gar nicht anders, als ihm und der Geschichte in dem Song zuzuhören. Er erzeugt Gänsehaut - ein untrügliches Zeichen dafür, dass den Hörer ein Song berührt hat. Großartig! Ein weiterer Song heißt "Sonnenschein" und ist im Original von Norah Jones ("Sunrise"). Diese seelenvolle Version nimmt den Hörer sofort nach den ersten Tönen gefangen. Eine herrlich arrangierte Nummer, die im Original schon stark ist, und jetzt mit dem von Michael Sellin versehenen, deutschen Text erst richtig zündet. Das folgende Intermezzo heißt "Piano", ist ein nur 1:27 Minuten langes Instrumentalstück und gleichzeitig auch eins von zwei Eigenkompositionen von Dirk Michaelis und den beiden VALICON-Chefs Bernd Wendlandt und Ingo Politz. Selbst dieses wohl zum kurzen Innehalten an dieser Stelle platzierten Stück kann mit seinen sphärischen Klängen und dem dezent gespielten "Piano" eine große Magie entfalten. Es könnte auch ein wunderschönes Intro für eine Ballade sein, dient hier aber wohl eher für ein kurzes Sackenlassen des bisher Gehörten. Machen wir einen kleinen Sprung und hüpfen zum Song "Seltsam". Bei diesem Stück haut uns der ehemalige KARUSSELL-Sänger mit seiner Version von TEARS FOR FEARS' "Mad World" vom Hocker. Vor knapp 7 Jahren coverte ein gewisser Michael Andrews dieses Lied schon einmal. Michaelis' Version setzt dem Original und der erfolgreichen "Zweitauflage" von 2004 (immerhin Platz 3 der deutschen Single-Charts und Nr. 1 in England) noch eins obendrauf. "Seltsam" überzeugt auf ganzer Linie. Die sanfte Melodie, der neue deutsche Text von Michael Sellin, der wunderschöne Klavierlauf und die Streicher, die im Song verarbeitet wurden, sorgen für reichlich wohlige Schauer über den Rücken und bilden ein wunderbar neues Bild. Dieses Stück gehört als Single ausgekoppelt und möglichst oft im Radio gespielt. Auch hier wurde wieder, was Gesang und Umsetzung betrifft, in die oberste Schublade gegriffen! Ein weiterer starker Song ist "Ich blick zurück". Auch hier stimmt das Gesamtpaket aus Arrangement und Gesang. Im ersten Moment merkt man gar nicht, dass es sich hier um eine neue Version des MIKE & THE MECHANICS-Klassikers "Over My Shoulder" handelt. Komplett umgebaut und umarrangiert steckt die großartige Komposition in einem ganz neuen und zeitlos schönen Klanggewand. Wieder einmal sind Michaelis' Gesangsleistung und der von Michael Sellin geschriebene Text wichtige Details für die gelungene Neuinterpretation. Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass es noch eine zweite CD mit "Bonustracks" zur Weihnachtszeit gibt, incl. einer neuen Version von CHRIS REA's "Driving Home For Christmas", die ich persönlich im Original nicht mehr hören kann. Die alljährliche Dauerbeschallung mit immer den gleichen Weihnachts-Pop-Nümmerchen im Formatradio nerven ohne Ende und haben viele einstmals schöne Lieder total verbraucht. Auch aus diesem Stück hat Michaelis eine komplett neue Nummer gemacht, die etwas angejazzt und angeswingt daher kommt, und die in ihrer jetzigen Form einige neue und interessante Ideen mitbringt. Es gibt aber noch unzählige weitere musikalische Perlen auf "Dirk Michaelis singt...", die es gar nicht nötig haben, hier als Highlight auserkoren und besprochen zu werden. Highlights sind sie alle - irgendwie. Alles in allem ist das Album doch weit mehr als nur ein einfaches Nachdudeln und -trällern von Fremdkompositionen. Zwar fängt die Scheibe mit einer für meinen Geschmack etwas schwächeren Nummer an, denn STING covert man nicht mal eben so einfach (dafür kann aber Michaelis nix), steigert sich aber von Song zu Song und ist im Gesamtpaket eine ganz starke Produktion mit fast ausschließlich Titeln, die allesamt nochmals zu Hits werden könnten. Überzeugend sind durchweg die Texte von Michael Sellin und der von Gisela Steineckert, die den Liedern neue Inhalte und Farben geben. Dirk Michaelis muss als Sänger heute keinem mehr etwas beweisen. Er hat oft genug sehr eindrucksvoll gezeigt, dass er zu den besten Sängern unseres Landes gehört. Auch hier versetzt er einmal mehr sein Auditorium als großartiger Vokal-Artist mit ausdrucksstarker und wiedererkennbarer Stimme in Staunen. Damit dürfte die eingangs gestellte Frage nach dem "Muss das sein?" eindeutig mit einem "JA!" beantwortet werden. Ja, die Idee, internationale Hits neu einzuspielen und auf Deutsch zu singen, war eine sehr gute! Bleibt zu hoffen, dass die Radiomacher in diesem Land bei der Auswahl ihrer zu spielenden Lieder auch mal zu einer der von Michaelis interpretierten Version greift, statt zum Original. (Christian Reder) |