Tanzmusik live: Caravan in Blankenburg
(aus Melodie & Rythmus 2/1984, Autor: Walter Kutzner, Fotos: Walter Kutzner)


Bodo Kommnick (li) und Wilfried Becker

Lange schon hatte ich mir aufgrund der Caravan-Orientierung auf hochstrukturierten, sogenannten Sophisticated-Rock eine Visite vorgenommen. Am ersten Dezembersonntag war es endlich soweit: eine Veranstaltung des Jugendklubs Berlin-Blankenburg im "Krug".

Überraschend an Caravan waren für mich gleich mehrere Aspekte. Ungemein agil, frisch, mit wohltuend nervöser Rockstilistik, manchmal gar bis in innere Explosivität hineinreichend, musizierte sich die Band in den Abend, was vom Publikum zunächst mit andächtig-konzentriertem Lauschen, dann mit tanzfreudiger Hingabe honoriert wurde. Als mit gutem Geschmack ausgewählt empfand ich das moderne Programm von Caravan, das sich ungewöhnlicherweise ausschließlich aus Titeln von Kansas, Rush, Peter Gabriel, Genesis und SAGA zusammensetzte. Letztere beiden Bands und von diesen wiederum SAGA nahmen dabei den Löwenanteil für sich in Anspruch. Erstaunlich, mit welcher Werkstreue Caravan die weithin komplizierten SAGA-Stücke wie "Careful Where You Step", "Don't Be Late", "Wind Him Up", "How Long", "Images", "On The Loose", "No Stranger", "Humble Stance" u.a.m. interpretierte. Voraussetzung dafür bildete neben der notwendigen Einstudierungszeit zweifellos die auch an jenem Abend offenkundige instrumentale Potenz eines jeden Mitglieds der neuen Caravan-Besetzung. Angefangen von den schnellen Keyboards Frank Gurschs, der einst bei Prinzip, POND, Horoskop und Joco Dev spielte, und den Keyboards des Bandleaders Gerald Hamann, die beide gut mit der Gitarre Bodo Kommnicks korrespondierten, bis hin zur Bassgitarre und dem interessanten und gefälligen Gesang Wilfried Beckers, der u.a. bei Keks und Drudenfuß spielte, repräsentierten die Caravan-Musiker allesamt einen erstaunlichen solistischen Standard. Sehr gefallen hat mir auch das harte und elastische Spiel des Schlagzeugers Frank Schirmer. Sein Schlagzeugsolo gehörte auch zu der leider zu seltenen Spielart jener Drummer, die trotz konvulsivischer Aktion im Grundbeat verbleiben und das Spiel nicht - wie so oft zu beobachten - ohne Rhythmus in Willkür selbst zerstören und bar jeder künsterlischer Verbindlichkeit der Halluzination verfallen. Weniger optimiert erschien mir gelegentlich der Soundmix; und die Lichtkonzeption schlug noch mehr als dieser über weite Strecken fehl. Wünschenswert wäre gerade angesichts des ansonsten hohen Bandniveaus die Realisierung einer professionelleren choreographischen wie auf Kostümierung bezogenen Konzeption.

Gleichermaßen überraschend wie zu hinterfragen stellte sich für mich der Umstand dar, dass eine solch potente Band wie Caravan ausschließlich mit SAGA- und anderen Sophisticated-Standards optiert. Nicht, dass eine solche Orientierung im weiten stilistischen Spektrum unserer Rockbands keine Berechtigung hätte - allein die Band erscheint mir längst darüber hinausgewachsen. Ein Blick in die jüngste Geschichte der Gruppe, deren Umbesetzungen, Neuorientierungen, mag ihre momentane Praxis, die sie als Startprogramm umreißen, erklären. Meine, dass Caravan so gut ist, dass ein erfolgreicher Medienstart mit eigenen Titeln nicht nur möglich, sondern für unsere Rockszene auch wünschenswert ist.




Gerald Hamann


Frank Gursch



Frank Schirmer





Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"