Portrait neuer Komponisten:
Heinz-Jürgen Gottschalk

(aus Melodie & Rythmus 3/1975)



"Gotte", wie ihn seine Freunde nennen, gehört mit zu jenen, die Höhen und Tiefen der Beatentwicklung bewußt miterlebt haben und dabei reif geworden sind...


Um Ihre Entwicklung, die für viele junge Musiker typisch ist, verstehen zu können, sollten wir beim "Urschleim" beginnen.
Da gibt es nicht viel zu erzählen: Ich wurde am 16. Mai 1948 in Erfurt geboren, trat nach Abschluss der 10. Klasse eine Lehre als Schlosser an und war dann ab 1966 im Funkwerk Erfurt als Betriebsschlosser tätig.

Wann zeigte sich Ihre Liebe zur Musik?
Meine Mutter sang gern, das wirkte auf mich und meine zwei Jahre jüngere Schwester "ansteckend". Um sie zu begleiten, griff ich zur Mundharmonika und später zur Gitarre. Ab 12 Jahre besuchte ich die Volksmusikschule in Erfurt und erhielt auf der Konzertgitarre klassischen Unterricht.

Wieviele Jahre waren Sie an der Volksmusikschule?
Drei. Inzwischen erklangen über Funk die ersten Gitarrentitel, sie interessierten mich so sehr, dass ich mich als 15-jähriger verschiedenen Amateur-Beat-Gruppen, u.a. den Rampenlichtern, Titans und Ricardos anschloss; aus letzterer entstanden 1969 die Nautiks, denen ich bis 1970 angehörte. Anschließend ging es zur Nationalen Volksarmee. Dort musizierte ich in der TBA-Combo und wirkte als Sänger im Standort-Musikkorps Eggesin mit. Nach der Armeezeit stieg ich bei der Jaschke-Formation ein. Da ihr drei Nautiks-Musiker angehörten, nannten wir uns wieder Nautiks. Im November 1973 wechselte ich zur Horst Krüger Band. Abgeworben wurde ich durch Gabi März, die ehemals bei den Nautiks gesungen hatte und inzwischen auch bei den Krügers gelandet war.

Lassen sich in Ihrer Entwicklung als Komponist ebenso viele Stationen aufzählen?
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich gehöre zur großen Gruppe derer, die Autodidakten sind. Gitarre und Stimme sind mein "Handwerkszeug", mit deren Hilfe ich Melodien suche, sie auf Tonband aufzeichne und im Kollektiv zur Begutachtung vorstelle; gefallen sie, wurden die Titel früher auf den Proben quasi "kollektiv" arrangiert. Seit November 1973 geschieht dies in engster Zusammenarbeit mit Horst Krüger. Er schreibt die Partituren. Ich liefere zu den Arrangements - häufig auch zu Krügers Titeln - Anregungen. Doch zurück zu Ihrer Frage. Bei den ersten Gruppen dominierte das Nachschreiben und Imitieren. Meine "Kompositionen" beschränkten sich ausschließlich auf instrumentale Titel. Eingeengt durch das Instrumentarium - drei Gitarren, Schlagzeug - konnte auch der Sound nicht sehr eigenständig sein. Anders war das schon bei den ersten Nautiks: Durch Orgel und einen vielseitigen Bläsersatz waren hier bereits interessante Arrangement-Farben möglich. In jener Zeit entstanden die Titel "Abstellgleis", "Wir gehen am Meer" und "Ich steh allein in dieser Stadt". Obgleich einiges u.a. in der Basar-Sendung, im DT-Musikstudio erklang und später auch auf Platten vorgestellt wurde, meine ich, es waren noch recht dilettantisch gearbeitete Titel. Doch mehr war nicht möglich, da die theoretischen Voraussetzungen fehlten.

Für die TBA-Combo schrieben Sie dann "Du bist eine Blume", "Auch das ist das Leben" und "Sing vom Frieden".
Das stimmt! "Sing vom Frieden" wurde allerdings erst durch die neuen Nautiks bekannt; "Auch das ist das Leben" wurde gleichfalls neu aufgenommen. An weiteren Titeln entstanden "Sturm" und "Frag doch mich".


Quelle: M&R 3/75

Als Textautorin erscheint häufig Ihre Frau...
Ja! Von ihr stammen die Texte zu "Du bist eine Blume", "Sturm", "Frag doch mich" und "Wie wird das sein". Dass ich mich jedoch keineswegs "einenge" zeigen u.a. meine neuen Titel: "Ich gehe barfuß durch Dornen" (Text Jo Schaffer), "Rosenklaun" (Kurt Demmler) und "Ohne ein Wort" (Krause).

Ihre jüngsten, für die Horst Krüger Band gearbeiteten Kompositionen lassen einen deutlichen Qualitätssprung erkennen.
Mir macht die echte Teamarbeit mit Horst Krüger - von dem ich vieles lernen kann - echte Freude. Wir ergänzen uns wunderbar. Zum anderen beginnt sich offensichtlich auch mein Studium auszuwirken.

Seit wann studieren Sie in Weimar?
Im Herbst 1971 begann ich als Direktstudent. Da sich dies schlecht mit den Konzerten, Aufnahmen u.a. verbinden ließ, darf ich nunmehr "fern" studieren. Hauptfach ist Gesang. In Hans-Herbert Schulz steht mir ein erfahrener Dozent zur Seite, der u.a. Gisela Dreßler und Veronika Fischer ausbildete. Theorie habe ich bei Herrn Gutsch, Sprecherziehung bei Frau Hohlfeld.

Haben Sie als Sänger gewisse Vorbilder?
Wer hätte sie nicht? Was aber nicht heißt, dass ich mich irgendwie "spezialisieren" möchte. Mein Ziel: Breite und Vielfalt. Bei Krüger's läßt sich das realisieren - vom Rock und Soul bis zum Lied, Gospel und Blues.

Wie soll es weitergehen?
Ich hoffe, dass mit uns ein Publikum heranwächst, das eines Tages auch "alten Knaben" echte Chancen gibt. Ich denke an die "steinalten Bluesbarben", die noch immer gefragt sind. Auf der anderen Seite möchte ich mich auch als Komponist vervollständigen.

Haben Sie irgendeinen herausragenden Wunsch?
Ja! Es wäre begrüßenswert, gäbe es mehr kleine Studios, in denen die Gruppen experimentieren und veröffentlichungsreife Bänder produzieren könnten.





Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"