(aus Melodie & Rythmus 4/1990, Autor: Michael Meyer, Fotos: Herbert Schulze)






Plattenfirmen-Chef Klaus
Böhnke und Bernd Römer

"...im nächsten Frieden" - so lautet programmatisch die neue, die neunte LP der Rockband KARAT. Vorerst "nur" erschienen bei extra records & tapes Klaus Böhnke GmbH, BRD, aber schon wenige Tage nach ihrem Erscheinen auf dem bundesdeutschen Plattenmarkt stark beachtet.

AMIGA, laut Plattentasche Partner dieser Edition, zog mit der Veröffentlichung leider erst viel später nach. Gewiss, es hat ein Weilchen gedauert, bis KARAT erneut mit einer Langrille zuschlug. Mittlerweile sind den Musikanten um Herbert Dreilich die Geburtswehen dieser LP wieder aus den Gesichtern geglättet, Auftritte in großen westlichen TV-Shows, z.B. in der von Gottschalk und Jauch moderierten "Die Achtziger", sorgten für das entsprechende Selbstbewußtsein, spricht doch die anfängliche Skepsis der Band dem neuen Produkt gegenüber von der trotz alledem erhalten gebliebenen selbstkritischen Grundhaltung. Denn einfach ist die Entstehung dieser LP tatsächlich nicht zu nennen. Schon mehrmals in den letzten Jahren hatte KARAT-Managerin Adelheid Walther ihr großes Halali in das KARAT-Rocker-Horn geblasen, auf-auf sollte es gehen zum Trip in die Studios, alles war eingeleitet, alles vorbereitet, die Neugier groß, die Medien bereit. Doch ach, einmal verließen den einst so kreativen KARAT-Melodien-Einfaller Ed Swillms die küssenden Musen, dann "seilte" sich KARAT-Texter Norbert Kaiser in den Westen ab. Derartige Bremsklötzer ließen die KARAT-Mannen nicht resignieren, sie suchten und fanden schließlich neue Partner, blieben in der Such-Phase immer präsent in der Szene, im Ausland weit intensiver noch als innerhalb der damaligen Mauern. Und lange bevor man hierzulande an einen Um- und Aufbruch zu denken wagte, saßen sie tatsächlich an einem runden Tisch: der Produzent Burkhard Brozat, Klaus Böhnke von der gleichnamigen Plattenfirma und natürlich die Band. Und es entstand das Profil dieser LP. In einem war man sich von Beginn an einig: man wollte ein gesamtdeutsches Produkt, eine LP, die nicht nur technische Gemeinsamkeit ausdrückt, sondern auch kreativ-geistige Zusammenarbeit. Und die fünf Rocker und ihr Team haben es sich mit dieser Produktion nicht leicht gemacht, galt es doch an ihre Hits vergangener Jahre anzuknüpfen, die ihnen allein in der BRD zwei Goldene Schallplatten eingebracht hatten.


Sänger Herbert Dreilich im Ge-
spräch mit Jürgen Karney

"...im nächsten Frieden" liegt in der KARAT-Traditionslinie. Burkhard Brozat, Maffay-Texter und mit zwei LPs als Sänger selbst auf dem Plattenmarkt präsent, gibt sich auf dieser KARAT-Scheibe als ideenreicher, mit Worten geschickt manövrierender Texter nun auch dem DDR-Publikum zu erkennen. Von Anfang an gab man sich nicht mit Halblösungen ab, das Beste war gerade gut genug, die besten Ideen, die besten Einfälle, die besten Arrangeure, das beste Equipment, die besten Studios. Nach einer kurzen Nutzung des AMIGA-Studios in der Brunnenstraße (Ostberlin) wurde im Hamburger Simple-Sound-Studio gearbeitet, die Mischung erfolgte in Tutzing (Red-Rooster-Studio). Dort wurde umgesetzt, was sich in langen Diskutiernächten als bestmögliche Variante behaupten konnte, immer wieder Demo-Aufnahmen, immer wieder Veränderungen, immer wieder Details bis in den kleinsten "Winkel" der Songs. Immer wieder "Reinreden", vom Mitarrangeur Dieter Faber, einem der "besessensten Macher" der Hamburger Szene, ein filigran arbeitender Musiker und Mix-Mann, oder von Adelheid, der nimmermüden alles ordnen-wollenden KARAT-Managerin, oder von geladenen Studiogästen.

Und jeder Einwand wurde erst einmal ernst genommen. Und immer wieder schoben sich die politischen Tagesereignisse in die Diskussionen, fanden schließlich Eingang in Texte und Kompostionen. An jenem denkwürdigen Tag, am 9. November, arbeitete KARAT gerade im Hamburger Studio, abgeschlossen von der Welt erst einmal, bis auch die Kunde hinter die Schallisolierungen drang. Und dennoch, 5 Minuten nach 15:00 Uhr, am Tag, als sich das Brandenburger Tor öffnete, an diesem Tag, zu dieser Minute, deren Bilder um die Welt gingen, 5 Minuten nach 15:00 Uhr spielten zehn Hörfunkstationen der BRD die, wie sie sagten "Hymne des Jahres", die LP-Auskopplung "Über sieben Brücken mußt du geh'n" von der neuen KARAT-LP, Gesang Herbert Dreilich und Peter Maffay, hatten sie doch beide diesen Song zur absoluten Popularität verholfen.


Quelle: M&R 4/90

Soviel zur LP-Vorgeschichte. Schließlich die Premiere. In Hamburgs gemütlichster Renommierkneipe "Schwenders", extra records hatte zur rustikal-"intimen" Medienpräsentation eingeladen, auch wenn diese Formulierung den Ablauf des Abends überhaupt nicht trifft. Es ging familiär zu. Eingeladen waren Journalisten und Medienvertreter beider deutscher Staaten, ein Chefredakteur des DDR-Fernsehens z.B., Bodo Freudl, das komplette Fernsehteam der Nachrichtenreihe "Aktuelle Kamera", Günter Görtz vom "ND", Bernhard Hönig von der "Wochenpost" usw., die westliche Seite trat nicht minder repräsentativ auf: Carlo von Tiedemann und Lutz Wolfgram vom NDR, Claudia Kattenbusch von Tele 5 usw. Viel debattiert, geschwatz und diskutiert wurde an diesem Abend, diesem ersten deutsch-deutschen Journalistentreffen. Ungezwungen und locker ging es zu, wunderbar in diesen Rahmen passte der Auftritt des Kabaretts "Die Meiers". Und so ging man zu später Stunde auseinander. Wir hatten ein perfekt-professionelles Lehrstück in Sachen Promotion erlebt, die anderen Journalisten kennengelernt, Kontakte geknüpft im Sinne einer Gemeinsamkeit, einer Einheit, einer Zusammengehörigkeit. Davon hatte KARAT geträumt, im Sommer 1989, lange bevor diese Träume im Bereich des Möglichen erschienen, lange bevor Hunderttausende diesen Traum zur Wirklichkeit machten: "...im nächsten Frieden".





Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"