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Karussell auf Reisen (aus Melodie & Rythmus 6/1982. Autor: Wieland Ziegenrücker)
War es euer erstes Auslandsgastspiel? Nein, aber es war bisher unsere größte und längste Tournee außerhalb der DDR. Über sechs Wochen unterwegs, 40 Konzerte, etwa 60 000 Zuschauer - das will erst mal bewältigt werden! In welchen Städten habt ihr gastiert? Zunächst reisten wir nach Moskau, dann musizierten wir in Murmansk, Archangelsk, Jaroslawl, Krementschuk, Petrosawodsk, Vologde, Poltava - ich nenne nur die wichtigsten Stationen. Die größeren Entfernungen wurden per Flugzeug absolviert, kleinere mit Bus oder Bahn. Einmal waren wir 36 Stunden mit der Eisenbahn unterwegs. Alles lief hervorragend organisiert ab. Nur in Murmansk hatten wir Probleme mit der Anlage und unseren Instrumenten - insgesamt drei Tonnen (!), auf 24 Kisten verteilt. Die Ladefläche des Flugzeuges war zu klein. Aber unsere sowjetischen Partner schafften rasch Abhilfe. Ein größeres Flugzeug wurde aus Moskau angefordert und stand auch Stunden später startbereit auf der Piste. Wie sie das geschafft haben, wissen wir heute noch nicht! Habt ihr nur KARUSSELL-Titel oder auch Internationales gespielt? Alle Konzerte haben wir ausschließlich mit eigenen Titeln bestritten. Zunächst schien uns das sehr gewagt und wir hatten einige internationale Hits in Reserve, aber der Erfolg der ersten Veranstaltungen bestärkte unser Vorhaben, nur Eigenes zu spielen. Meist galt es, zwei Veranstaltungen an einem Tag durchzuführen, mitunter sogar drei. Da gehört schon eine gute Kondition dazu, alles mit Spannung und Engagement durchzuhalten. Und wie reagierte das Publikum? Eure deutschen Texte wurden doch sicher nur vereinzelt verstanden. Wir hätten uns kein besseres Publikum wünschen können. Diese Kontakte zählen zu den schönsten Erlebnissen der Tournee und haben uns auch immer wieder aktiviert. Während der gesamten Zeit begleitete uns neben dem Betreuer Wolodja und der Dolmetscherin Valentina auch die Ansagerin Tamara. Sie stimmte jeweils das Publikum mit Informationen über Karussell und kurzen Zitaten aus den Texten ein. Die übrigen Ansagen machte ich selbst in Russisch, das wurde natürlich von den Besuchern besonders honoriert. Übrigens hatten wir alle unsere Russisch-Schulkenntnisse in Vorbereitung der Reise überholt, was in mancher Situation half. Wenn dann unser "Dicker" (Claus Winter, Anm. d. Red.) in seinem Bass-Chorus einige russische Folklorewendungen brachte, hatten wir die Gäste endgültig "'gepackt" - man sang und klatschte mit, bald wie zu Hause. Zu den erfolgreichsten Liedern gehörte übrigens unser Friedenslied "Keiner will sterben", auch hier wurde das Textanliegen übersetzt und mit viel Beifall bedacht. Meist hatten wir pro Konzert 1500 bis 2000 Zuhörer. Interessant vielleicht auch, dass das Alter zwischen 12 und 60 Jahren lag, also eine für uns ungewohnte Breite. Selbstverständlich mussten wir viele Autogramme geben, auch KARUSSELL-Poster aus "Melodie und Rhythmus" und dem Jugendmagazin "neues leben", die mitgebracht worden waren, signierten wir. Schließlich erhielt die Gruppe Abzeichen, Blumen, Konfekt u.a. als Freundschaftsbeweise. Ein großes Hallo herrschte immer, wenn Studenten aus der DDR im Saal waren. Wenn auch einige unserer Titel durch Schallplattenpressungen in der UdSSR populär sind, z.B. "Autostop" und "Entweder oder", so mussten wir doch als noch unbekannte Gruppe in jedem Programm das (neue) Publikum für uns gewinnen, eine Aufgabe, die vollen Einsatz forderte, aber auch unseren Ehrgeiz weckte. Gab es klimatische Umstellungen für euch? Kaum. Wir hatten die Kleidung entsprechend vorbereitet und sahen recht "zünftig" aus. Außerdem zeigte sich ja bei der Abreise Mitte Januar Berlin mit minus 15 Grad schon fast arktisch. Höhepunkt, besser Tiefpunkt waren "minus 32 Grad" in Murmansk, das schon im nördlichen Polarkreis liegt. Mehr Schwierigkeiten hatten die Techniker mit den Transport-Holzkisten: Die großen Temperaturunterschiede auf der Bühne und draußen ließen das frische Holz derart arbeiten, dass bald handbreite Risse auftraten. Wie schätzt ihr diese Tournee insgesamt ein? Es war für uns einerseits ein großer Erfolg. Immerhin wollte Goskonzert, die sowjetische Agentur, schon nach dem dritten Konzert die Tournee um weitere zehn Tage verlängern, andererseits betrachten wir die Reise auch als Erfahrungsschatz für die weitere Auslandsarbeit, denn es ist doch ein erheblicher Unterschied, ob man vor heimischen Fans spielt oder die DDR-Rockmusik im Ausland repräsentiert. Wir haben viel erlebt und kennen gelernt - nette Menschen, Musikerkollegen, die Polarnacht mit ihrer ständigen Dämmerung, endlose Wälder, riesige Hafenanlagen, eine original russische Sauna, und eine bis ins Detail perfekte Betreuung. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus" |