Horst Krüger - Phantast des Realen
(aus Melodie & Rythmus 12/1983. Bericht: Jo Schaffer, Fotos: V. Webber, T. Leher, U. Kämpfe)


Horst Krüger

Ein Schriftsteller braucht Kugelschreiber und Papier. Horst Krüger braucht mehr: 20 weiche, scharf gespitzte Bleistifte, Partiturpapier, Radiergummi, gestimmtes Klavier. Damit hat er bisher 800 Lieder geschrieben, die beiden Rock Opern „Rosa Laub“ und „Zaubersprüche“, die Musiken für die Filme „Zwischen zwei Sommern“, „Ein Mann und seine Frau“, „Glassplitter“ (Polizeiruf), für sieben Folgen der Reihe „Retter, Rächer und Rapire“, für drei von seinen Gruppen und später von der Band bespielte LPs, für zahlreiche Singles, für Solisten–LPs (Gerti Möller, Eva Maria Pieckert), Arrangements für „Heinz-Rennhacks Shows“ und die „Kessel Buntes“...
Horst Krüger wird in diesem Monat 41 Jahre. Er komponiert nicht nur, sondern ist in der DDR–Rock– Szene für weitere Berufe bekannt: beispielsweise Orchesterleiter. Seine Kompositionen für große Besetzungen dirigiert er beim Einspiel in der Regel selbst; und Krüger war musikalischer Leiter der Konzerte „Exquisit“ von DT 64. Der Mann ist Sänger. Das wissen nicht viele unter den jungen Hörern – Horst Krüger lässt in dieser Beziehung (zum Leidwesen nicht weniger Freunde) fast ausschließlich die anderen machen.
Dabei war er gerade in den siebziger Jahren auch wegen seiner Stimme bekannt, viele werden sich an die Hits von „Horst und Benno“ (Benno Penßler ist heute Mitglied des Cantus-Chores) erinnern, die vor zehn, fünfzehn Jahren die Runde machten.

"Horst Krüger Band" Mitte der 70er (v.l.n.r.: Tamara Danz,
Gaby März, Gisela Klesch, Horst Krüger)

Zugegeben, es handelt sich hier stilistisch um eine Art „Vor-Krüger“, doch sind Titel wie „Sieh mal an“, „Himbeerzeit“, „Wirst du geh'n?“, „Sand im Schuh“ ein interessanter Beleg für sängerische (auch kompositorische) Potenzen Horst Krügers. Den Nuancenreichtum seines Instrumentes Stimme beweist er auch heute noch, z.B. mit der Interpretation seines Liedes „Entschuldigung“ in „Rosa Laub“.
Horst Krüger ist auch Lehrer. Ohne strenge Sitz- und Klassenordnung, aber mit Gefühl für wirkliches Talent unter den jungen Neuen. Die Liebe zur Rockmusik und hier besonders zum Rockgesang ist ihm Triebkraft. Horst Krüger hat von innen heraus das Bedürfnis, nicht nur sich und seine Musik ständig weiter zu bringen, sondern auch die DDR–Rock- und Popszene allgemein bereichern zu helfen. Wenn andere gut und immer besser werden, dann freut er sich, weil er – zum Glück für die Sache – über eigene Konkurrenzängste hinaus ist. So war es möglich, das frühere Schützlinge wie Eva-Maria Pieckert gut gerüstet den Sturm auf die Höhen mit einem ersten Sieg beginnen konnten.
Die beiden Berlinerinnen Gonda Streibig und Anke Schenker sind gegenwärtig in Horst Krügers sängerischer Betreuung, wozu natürlich auch Ringsum-Erfahrungen des Berufes gehören. Musiken aus erster Hand beziehen ebenfalls die vier jungen Gesangssolisten der neuen Horst Krüger Band (seit Anfang dieses Jahres): Kirsten Kühnert, Michaela Burghardt, Bernd Dewet, Hilmar Holz.
Der vitale Tierfreund aus Münchehofe bei Berlin, der morgens in Gummistiefeln und mit der Forke in der Hand im Pferdestall anzutreffen sein kann, zwei Stunden später im 2. Stock beim Komponieren eines neuen Titels, am Nachmittag bei einer Beratung der Bezirkskommission für Unterhaltungskunst in Frankfort/Oder, der er angehört,und am Abend bei einer Probe mit seiner Band, ist er auch Instrumentalist.
Lange Jahre war er Bassgitarrist, spielte Jazziges auf der „Großmutter“, dem Naturbass, und noch früher, als Maurerlehrling (als er mit Bruder Klaus über's Land zog, aus Lust an der Musik und dem Zugeld), Akkordeon und Schlagzeug. Heute sitzt (oder steht) Horst Krüger an den Tasteninstrumenten und hat den Ehrgeiz, die viel tausendfachen elektronischen Möglichkeiten immer weiter zu erkunden und zu nutzen.
Das Wesentliche an Horst Krüger scheint mir ist, dass bei ihm ein permanentes schöpferisches Feuer brennt, ständig Phantasien in Richtung Meisterung des Unerschöpflichen in der Musik Gestalt annehmen. Den Grundstein für die Harmonie zwischen immer neuem Wollen und der nahezu untrüglichen Einschätzung der künstlerischen Umsetzbarkeit legte Vater Erich Krüger. Er, ein ausgezeichneter Pianist, der den Tenor Herbert Ernst Groth bei Liederabenden begleitete, war es gewohnt, logisch zu leben. An die Mutter, Erna Krüger, erinnert vor allem die nicht hoch genug einzuschätzende Fähigkeit zum Empfinden kleinster emotionaler Nuancen...
Horst Krüger ist imstande, bei Proben oder Bandaufnahmen bis zum äußersten über scheinbar instrumentale Betonungen zu streiten, selbst auf die Gefahr hin, für rechthaberisch gehalten zu werden. Mit der Zeit haben sich seine Musiker, seine Solisten, alle, die mit ihm in einer Produktion zusammenarbeiten, an diese Akribie gewöhnt. Sie akzeptieren sie, weil die langjährige Erfahrung gezeigt hat, dass die von Krüger eingebrachten Details allesamt stimmen.
Ein Grund dafür ist die (jedenfalls für einen Nichtmusikanten) schwer vorstellbare Fähigkeit, gleich bei der Komposition einer Melodie den dazugehörigen Begleitklang der Rhythmusgruppe oder des ganzen Orchesters mitzuhören. Es ist ihm möglich, in wenigen Stunden mehrere Dutzend Blätter halb oder dreiviertel mit Noten und diversen Zeichen zu füllen, nur hin und wieder, so alle zwei, drei Minuten, wird zur Bestätigung des Abgeschriebenen auf dem Flügel dieser oder jener Akkord mit irgendeiner undefinierbaren Figur im Geleit angeschlagen. Und wenn die vielen Orchesterstimmen mit unfehlbarer Windeseile hingeschrieben sind (übrigens in Schönschrift), brummt er: „Warum bin ich bloß so früh aufgestanden?“

ca. 1970: Horst Krüger (rechts)
mit Benno und Gerti Möller

Er braucht den Stress, unterbrochen von seltenen zwei– oder dreitägigen Ruhe– und Besinnungspausen, um Höchstes aus sich herauszuholen. Was für andere sträflich leichtsinnig wäre, ist für ihn anscheinend notwendige Stimulanz: der Zwang, in wenigen Stunden mit etwas Wichtigem fertig sein zu müssen, mobilisiert offenbar schöpferische Reservoirs, die sich sonst nicht öffnen würden.
Um dieses Wechselspiel wissen besonders seine Texter. Gisela Steineckert ist es, die mit Maßgeschriebenem gewissermaßen vom anderen Ende der Straße auf Horst Krüger zukommt – viele wichtige Titel sind von ihr, so entstand auch die Platte für Eva-Maria Pieckert. Kurt Demmler trifft mit großen emotionalen Bildern reale Situationen im Punkt, so auf der LP „Ich bin eine Frau“, gesungen von Horst Krügers Frau Gerti Möller, die ihn schon Jahre durch dick und dünn begleitet und ihm ständig ein stabilisierendes Umfeld gibt, ungesagt und unbestätigt, jedoch Tag um Tag wirksam.
Auch Wolfgang Brandenstein ist wieder dabei, weil das neue Horst Krüger-Tourneeprogramm frohfrech und unkompliziert locker sein will im wesentlichen; und da ist „Pelle“ neben anderen der Richtige. Neuerdings, weil Wolfgang Brandenstein in der Zeit des Krüger-Sextetts und der ersten Band Haustexter war.
Horst Krüger mag im Gegensatz zu dem meisten Komponisten–Kollegen Texte vertonen und nicht so sehr gern Musiken zu den Texten erfinden. „Der Text verpflichtet mich, zum Teil neue rhythmische Strukturen zu verarbeiten und entsprechend den sprachlichen Vorgaben musikalische Äquivalente zu finden. Ich bin manchmal selbst überrascht, was herauskommt.“
Der Mann aus Münchehofe besitzt aber auch eine ziemlich dicke Textmappe, aus der nur ganz selten einmal etwas vertont wird. Es sind Liedtexte Horst Krügers. „ Das Wort ist konkreter als die Musik, also schreibe ich zur Selbstverständigung mir wichtiges auf, auch in Liedtextform. Dieses Zugeständnis muss ich als Musiker der Sprache machen: Sie ist imstande, konkrete Dinge und Probleme auszudrücken.“
Diese Fähigkeit der Sprache machte sich der Komponist Horst Krüger zu einem programmatischen Experiment zu Nutze: Für das Erich–Weinert–Ensemble, dem er 1963 bis 1965 während seiner Armeezeit angehörte und dem er für das Vermitteln seines musiktheoretischen Fundaments dankbar ist, komponierte er vor nicht allzu langer Zeit ein Chorlied. Es wurde zur musikalischen Impression eines Weinert–Wortes, das Horst Krüger schon damals bewegt hatte: „Den Gedanken Licht, den Herzen Feuer, den Fäusten Kraft!“
Er denkt nicht nur an die Texte, sondern er lebt sie. Und weil er nicht über den Wolken, sondern in unserer Gegenwart lebt, denkt er auch die den einzelnen betreffenden Weltprobleme mit. Deshalb auch sein impressives Friedenslied für Eva-Maria Pieckert nach den Worten von Gisela Steineckert („Um die Erde zu behalten“): „Der Künstler darf seine künstlerische Äußerung nicht nur auf die privaten Probleme beschränken, er muss zu den großen erdballumfassenden Problemen Stellung beziehen.“
Horst Krüger kokettiert nicht mit dem politischen Wort. Er gebraucht es nur sparsam. Seine Musik ist für ihn unausgesprochenes Politikum. Gedanken über Horst Krüger. Einige nur. Teilauskünfte könnte auch eine Frau geben, die Horst Krüger seit 1968 künstlerisch begleitet: die Rundfunkproduzentin Luise Mirsch. Die solide, intelligente Zusammenarbeit dieser beiden ist eine weitere wichtige Garantie für die kontinuierliche produktionstechnische Umsetzung immer neuer Krüger-Produkte...
Gedanken über Horst Krüger. Zu welchen erwähnenswerten Stationen führt dieser Weg morgen, zu welchen in einem Jahr, in zehn?




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"