Reinhard Lakomy: Auf kreativer Exkursion
(aus Melodie & Rythmus 2/1984. Bericht: Alexander Jereczinsky, Fotos: Günter Gueffroy)

Mit seinen Liedern wir er noch den Älteren im Ohr klingen, während sich die Jüngeren seine Elektronik– LPs in den Schrank stellen, und einige erinnern sich vielleicht an den Jazz–Pianisten Lakomy. Seine Musik wie auch sein künstlerischer Anspruch haben sich über die Jahre gewandelt. Erhalten hat sich seine Hartnäckigkeit, seine schöpferische Rastlosigkeit – und die langen Haare.
Er studierte Klavier und Komposition an der Musikschule „Carl Maria von Weber“ in Dresden. Mit dem Staatsexamen in der Tasche stieg er als Pianist in die Klaus-Lenz-Band ein, in der auch Günther Fischer am Saxophon stand. Als sich Fischer von Lenz verabschiedete um seine eigene Gruppe zu gründen, reservierte er den Platz am Klavier für seinen begabten Kollegen Lakomy. Das Günther-Fischer-Quintett brachte mit seiner Rockjazzkombination Anfang der 70er Jahre einen neuen Wind in die von Freejazzern bestimmte Szene. Die musikalischen Impulse in dieser Gruppe kamen in erster Linie von Günther Fischer und Reinhard Lakomy. Jedoch waren zwei solche musikalischen Köpfe mit jeweils ganz individuellen Vorstellungen auf die Dauer nicht unter einen Hut zu bringen, so dass Lakomy 1972 seinen Weg suchte und ihn – wie sich herausstellen sollte – mit einer eigenen Gruppe auch dann fern ab vom Jazz fand.
In einer Sternstunde der Schöpfung setzte er 1973 Töne geschickt zu einigen Liedern zusammen, wie „Es war doch nicht das erste Mal“ oder „Heute bin ich allein“, die ihm Türen und Herzen der Leute öffneten. Diesen Liedern lagen zum Teil Geschichten zu Grunde, die das Leben schrieb, und dieses in einer Sprache, die jeder verstand und zu denen man sich aus seinen persönlichen Erfahrungen heraus in Beziehung setzen konnte. So setzte Lakomy in dem Lied „Mein Nachbar“ sein Schaffen zur Erfahrung eines gestandenen Arbeiters ins Verhältnis: „der hat das Herz auf dem rechten Fleck... eines Tages brachte er mir von Marx das Kapital, da lies das jetzt aus und verstehste was nicht, erkläre ich es dir das nächste Mal. Ich sagte, das kenn ich von der Schule und so, auch hätt' ich ein anderes Gewerbe, er meinte behalt es und richte dich danach, du bist schließlich mein Erbe... Und als es wieder mal kein Wasserhahn gab, ließ ich meinen Dampf ab, da hab' ich ihm lange zugesetzt, dass duldete er nicht länger, er schoss zurück, und er traf mich tief, schimpf` nicht, sing Schlagersänger...“
Er gewann das Ohr der Hörer durch seine Persönlichkeit, durch seine Interpretation, auch wenn er sich selbst als Nichtsänger bezeichnete. Er hatte etwas zu sagen, was sie ihm in seiner puren Art (nicht durch die Blume) abnahmen und in Form von eingängigen, schönen Melodien mit nach Hause nehmen konnten. Vier Jahre lang zog er vom Erfolg begleitet mit diesen Liedern über die Bühnen unseres Landes und damit auch viele Leute an. Umso mehr verwunderte 1976 seine Entscheidung, sich als Sänger von der Bühne zurückzuziehen. Zu den Gründen befragt, antwortete er:
„Das Live-Spielen ist eine reproduzierende Angelegenheit, so dass ich mir auf die Dauer wie ein Papagei vorkam. Die Leute wollten ständig die Lieder im Konzert in genau der Qualität hören, wie sie auf der Platte erschienen waren. Und das ist es nicht, was ich mir vorstelle als kreativer Künstler. Mir ist es lieber, wenn die Leute sagen, schade, dass Lakomy aufgehört hat zu singen, als dass sie sagen, um Gottes Willen, der singt ja immer noch.“
Kamen von nun an die Lieder auch nicht mehr aus seinem Halse, so setzten doch einige Interpreten auf den vor Melodien sprühenden Geist, um wenigstens den Lieder– bzw. Schlagerkomponisten Lakomy für sich und die Nachwelt zu erhalten. In diesem Amt hielt er jedoch nur Angelika Mann bis heute die Treue. So entstanden zwei Kinderschallplatten, zu denen seine Frau Monika Ehrhard die Texte verfasste, viele Film– und Fernsehmusiken, die sich vornehmlich im Bereich der elektronischen Musik bewegen. 1976 sagte er den Fans und damit der Landstrasse, den Hotels, Veranstaltern und Bühnen endgültig Lebewohl, um sich auf die Höhen der elektronischen Kunst zu schwingen. Zum Mekka seines Schöpfertums, seiner elektronischen Studien wurde sein hauseigenes Studio. Synthesizer aller Coleur, analog, digital, monophon und polyphon, Sequenzer, Drumcomputer und Effektgeräte sowie Bandmaschinen wurden und sind seine neuen Partner, mit und aus denen er Musik komponiert und produziert. In Personalunion als Komponist, Arrangeur, Keyboarder, Produzent und Tonregisseur arbeitet Lakomy im Sinne Stockhausenscher Auffassung an einer assoziationsfreien Musik, die nicht an andere Musik oder naturalistische Geräusche erinnert. Seine Klänge und Gestaltungsideen resultieren kaum aus der traditionellen Hörerfahrung und haben insofern nicht imitatorischen Charakter, sondern werden primär aus den elektronischen Tonerzeugern selbst gewonnen.
Mit den elektronischen Klangerzeugern geht die Exkursion in das Land der Elektronen, der Kurven und Filter, und zwar über die Physik und speziell über die Elektronik, durch deren theoretische Beherrschung er erst einen logischen Weg aus dem Klanglabyrinth der Elektronik herausfand, um dann eine adäquate, nach ihren eigenen Gesetzen funktionierende Musik zu produzieren. Wenn man in die Fußstapfen von Stockhausen oder Tangerine Dream tritt, so geht das nur über eine solche Exkursion. Die traditionellen, erworbenen musikalischen Fähigkeiten und Fertigkeiten reichen für diese Art von Musik nicht mehr aus. Denn, um bewusst die Möglichkeiten des Instrumentariums nutzen zu können, müssen Funktionsweise, Zusammenhänge von Schaltkreisen bis zur Tonerzeugung studiert werden. Lakomys Produktionsweise – ohne Notenpapier, per Band – gibt ihm experimentelle Möglichkeiten in die Hand, zu probieren, zu verwerfen, aus der Fülle an Tönen und Klängen sich für eine abwechslungsreiche und lebendige Musik zu entscheiden, die ergreift und angreift. Auch wenn es ihm um neue Klänge und nicht um die Imitation von natürlichen Instrumenten geht, macht der Ton, machen die Töne im Verhältnis zueinander die Musik, egal ob diese aus einem Oszillator oder von einer Saite kommt. Und nicht nur das! Material und Form müssen so bearbeitet, so gestaltet sein, dass sie ohne Hilfskonstruktionen die Wirklichkeit tiefer zu erfassen ermöglichen. Wird das nicht hinreichend gewährleistet, so entzieht diese Musik sich begreifender An– und Aufnahme (Rezeption), das heißt, man steht ihr nahezu verständnislos gegenüber.
In seiner ersten Amiga-Veröffentlichung mit elektronischer Musik 1982, „Das geheime Leben“, kannte er noch nicht alle Geheimnisse der Elektronik. Insofern wurden die musikalischen Mittel musikalisch, kompositorisch nicht unbedingt im künstlerischen, ästhetischen Sinne optimal wirksam. Aber in dem Wollen, die Hörer zu einer Reise in die musikalische Zukunft an der Hand mitzunehmen, müssen zugleich die Wege dorthin mit traditionellen musikalischen Bausteinen bester Qualität gepflastert sein (Ideen). Auch seine jüngste Amiga-Produktion, „Der Traum von Asgard“, hinterlässt bei mir in gewisser Weise Alpträume. In meiner Sicht wird hier die Wirklichkeit so verfremdet, so durch die Computer abstrahiert, dass die vorgedachten und vorgegebenen Beziehungen und Erkenntnisse aus dem Spiel zwischen den positiven und negativen Polen im Widerspruch für mich nicht hinreichend hörbar bzw. erfühlbar werden. Jedoch der Umsatz der Platte signalisiert, dass ich möglicherweise eine Ausnahme bin, denn viele werden über diese Musik zu Träumen, zu bildhaften Assoziationen angeregt, die sehr aufregend sein sollen.
Aber selbst in den Bereichen, in denen Lakomy für mich kein großer Meister der Schöpfung ist, ist er dennoch ein solider Kunsthandwerker, geschickt Werkzeug und Material nutzend. Es spricht für einen kreativen Musiker, wenn er, wie Lakomy das tut, sich mutig musikalisches Neuland erobert, und zwar auch dann, wenn die Konsequenz dieses Schrittes noch nicht völlig abzusehen ist.




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"