Spielen drauflos - frisch,
ausdrucksstark: Rockhaus

(aus Melodie & Rythmus 12/1983. Autor: Waltraud Heinze)


Rockhaus live in Aktion. Foto: Herbert Schulze

Der Legenden ums Rock- und Popgeschehen gibt es so manche. Und sicherlich steckt in den meisten ein Quäntchen Wahrheit. So etwa auch in der Behauptung, Rockhaus wolle die Puhdys ablösen... Die Jungs haben's tatsächlich so gesagt, in einem Interview nach ihren Zielen und Träumen befragt. Aber: "Es war doch mehr ein Gag. Wir meinten damit, dass wir mal so groß werden möchten wie die Puhdys. Welch Schöneres Ziel kann man sich vorstellen, als so populär zu sein wie sie? Warum sollen wir unsere Vorbilder in der Ferne suchen? Unter unseren Größen sind uns die Puhdys musikalisch einfach am nächsten!"
Ein Anspruch wurde da formuliert, nicht mehr und nicht weniger. Zugegeben mit der für Rockhaus typischen Unbekümmertheit, wie sie auch immer wieder durch spontane Einfälle während der Konzerte zu beobachten ist... Ich denke da nur an einen Freilichtauftritt im letzten Sommer als Mike über eine ca. 1,50 Meter hohe Hecke zum Publikum sprang. Sie scheuen überhaupt selten ein Risiko, das sie näher zu ihren Fans bringt und damit meist auch ein Stück voran in ihrer Entwicklung, sind allesamt um die 20 - und so spielen, singen, sprechen sie, so leben sie sich aus auf der Bühne, so geben sie sich - nicht nur auf der Bühne. Das ist ihr großes Plus.
Günther Wosylus, inoffiziell der Entdecker von Rockhaus, offiziell seit Februar '83 der von der Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst bestätigte Mentor, spürte das schon, als er die Musikanten das erste Mal hörte, vier Jahre ist das her: "Man merkt einfach, ob jemand es ehrlich meint, ob er auf die Leute zugehen kann oder ob der Schein größer ist als das Vermögen. Die Jungs spielten drauflos, frisch, ausdrucksstark, intensiv und mit ungeheurer Freude an der Musik."
Wosylus holte sich Rockhaus ins Tonstudio Kagel. Das war der eigentliche Beginn. "Ein bitterer anfangs", sagt die Band, "denn du weißt ja bis zum ersten Moment in einem Studio gar nicht, was du kannst, welche Pampe du da mitunter spielst und singst, hältst dich für den Größten. Als wir uns vom Band hörten, waren wir ganz schön fertig. Und wenn du die Nerven und die Kraft hast, wenn du nicht die beleidigte Leberwurst spielst, dann gehst du mit tausend Ratschlägen eines erfahrenen Musikanten wie Günther bis an die zwanzig Mal immer wieder rein ins Studio, bis die Musik steht."
Bei Rockhaus dauerte es noch fast zwei Jahre, ehe "Bonbons und Schokolade" (Komp. Wosylus) oder "Ferien mit Helene" rundfunkreif waren. Übrigens war es Pankows Jürgen Ehle, der Rockhaus beim ersten zaghaften Gang in den Funk gewissermaßen an die Hand nahm, die Musikanten mit der Produzentin Luise Miersch bekannt machte. "Die Vorgeschichte davon ist der Beginn einer Freundschaft. Es war während eines gemeinsamen Konzertes - da kamen die Musikanten von Pankow, vor deren Leistung wir eine Riesenachtung haben, zu uns Amateuren damals noch, schlugen uns anerkennend und total neidlos auf die Schulter! Solch kollegiales Füreinander zu spüren, ist ein gutes Gefühl und ungeheuer wichtig auch, um voranzukommen... Als wir unsere Titel in den Hitparaden hörten, waren wir nicht wenig erschrocken! Vielleicht kam uns zugute, dass wir schon als Amateurband eine Menge Fans durch unsere Live-Auftritte hatten." Was Wunder bei einem solch temperamentsprühenden Spektakel, das selbst schon etwas betagteren Zuschauern im Gros der Jugendlichen Lust machte, mitzuhüpfen, mitzusingen... Nicht nur die vitale und durch direkte burschikos-freundliche Aufrufe zum Mitmachen animierende Show oder Rhythmus und Spielweise, die Freude und Spaß an der Aktion befördern, begründen diese Wirkung von Rockhaus-Konzerten, auch die Texte decken sich mit dem Bedürfnis junger Leute zwischen 15 und 20, Beobachtungen, Stimmungen, Gefühle auf ihre ganz eigene Art zu entäußern.

Rockhaus in der Besetzung von 1983: Reinhard Petereit, Mike Kilian, Michael "Heinz" Haberstroh und Ingo Giese. Foto: Herbert Schulze

"Wir toben mit dem Publikum, wir quatschen mit ihm, wir tragen keine Gedichte vor" so Mike Kilian, der die meisten Texte schreibt. "Als wir Mikes Texte das erste Mal lasen", ergänzten die anderen, "war das, als ob eine innere Stimme zu uns spricht, das waren wir, waren unsere Worte." Die Text-Ideen kommen Mike wie von ungefähr, er hat kein Rezept dafür. Im saloppen Vokabular seiner Generation beschreibt er, was er erlebt - die Ferien mit Helene eben oder einen Traum, die öden Sonntage und die Einsamkeit um Mitternacht, die Leiden der dicken Bärbel, den Arbeitsschluss oder die Anbetung für eine neue Lehrerin. Humor, Witz, kleine Spitzfindigkeiten schimmern erfrischend durch.
"Mit 25 werden wir vielleicht andere, neue Sichten haben, weil wir dann Erfahrungen einbringen können, die wir heute noch gar nicht haben können." Bleibt zu hoffen, dass die Jahre so wenig wie möglich von ihrer Urwüchsigkeit und Erlebnisfähigkeit verschlingen! Im Rockhaus-Programm: ausschließlich eigene Lieder (!), was mir schon lange imponiert. "Uns machen die eigenen Sachen am meisten Spaß. Wozu sollen wir nachspielen, die Werke klingen in ihrer Urfassung sowieso am besten. Früher spielten wir auch viel nach, und es war immer niederschmetternd für uns, dass die Leute erst bei den internationalen Hits in Fahrt kamen. Wenn sie heute bei unseren Liedern ausflippen, sind wir schon ein bisschen stolz!" Überraschend schnell sprang Rockhaus vom Amateur- in den Profistatus, was eine unbürokratische, sehr fördernde Sonderregelung der Generaldirektion ermöglichte. Recht unerwartet für die Band kam auch das Angebot von AMIGA, eine Platte zu produzieren. "Das war überhaupt unser größtes Ziel, und nie haben wir so früh damit gerechnet. Die Arbeit im Studio war Wahnsinn, irre Anstrengungen und Riesenspaß zugleich!"
Ein Gang der Dinge, der im Können und der Popularität von Rockhaus fußt, wiederum aber auch die Quelle wachsender Popularität ist. Wie verkraftet man so viel Erfolg? "Das ist nicht so einfach. Natürlich ist es schön, wenn unsere Konzerte ausverkauft sind, die Leute unsere Lieder kennen, sie mitsingen. Aber damit hängt zusammen, dass man uns auch privat wiedererkennt, da ein Zeigefinger, hier ein Tuscheln... Sicher wird man mitunter hinter unserem Rücken Sprüche machen... Wir selber sind jedenfalls weit entfernt von Höhenflügen, wir hatten und haben noch eine Menge Schwächen und Probleme, die wir mit eigener Kraft ausbügeln müssen." Zwischen Weihnachten und Neujahr probt Rockhaus verstärkt an einem neuen Konzertprogramm für '84, mit neuen Titeln, veränderter Showkonzeption. Ausgedacht und in der Endfertigung ist auch ein engagierter Beitrag der Gruppe zu "Rock für den Frieden" im Januar.
Besetzung:
- Reinhard Petereit (g)
- Mike Kilian (voc)
- Michael "Heinz" Haberstroh (dr)
- Ingo Giese (b)




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"