Die Vier von WIR: im Konzert und auf Tour
(aus Melodie & Rythmus 6/1979. Bericht: Roswitha Baumert, Fotos: Günter Gueffroy)



Schallplatten-, Funkproduktionen, TV-Präsenz - das ist eine Sache, die andere, auf Dauer wohl unbestritten wichtigste, sind die Live-Konzerte einer Band!

Drei Hits und ein paar schöne Lieder auf der Bühne abgespielt, tragen noch kein 90-Minuten-Programm weg, fesseln kein Publikum an die Plätze oder reißen es vom Hocker. Musik pur geht in der Pop-Musik kaum noch! Um nicht missverstanden zu werden: Musik minderer Qualität in eine Show (dann meist auch noch eine schlechte) verpackt, genauso wenig. Wie man beides auf einen harmonischen Nenner bringen kann, beweist die Gruppe WIR mit ihrem aktuellen Konzertprogramm. Aber ein Konzert ist noch kein Beweis. Also rein in den Barkas, rauf auf die Autobahn - mit WIR auf Tour! Kurz-Tournee durch den Bezirk Gera zwischen Aufzeichnung eines internationalen Showprogramms in Bratislava und einer weiteren Unterhaltungssendung in Hrinsko für das tschechoslowakische Fernsehen (in der CSSR erschien jetzt - neben bisher neun Single, zwei AMIGA-LPs und einer "langen" Scheibe in der BRD - eine LP der Gruppe bei Supraphon).

Ich will hier nicht professionellen Beweisführern ins Handwerk pfuschen, aber drei Konzerte an zwei Tagen überzeugen mich (und vor allen Dingen das Publikum!) von Musik, Show - überhaupt von WIR. Auch provokante Fragen, die ich nach den Konzerten beliebig ausgewählten Jugendlichen stellte, wie: "Welche Bands kamen besser an?", "Was hat euch bei WIR nicht gefallen?" führten nur zu dem Ergebnis: "Besser? Kann ich nicht sagen" (electra schnitt ebenfalls gut ab, R.B.), "Also einwandfrei die Gruppe", "...die Musik und überhaupt alles, was auf der Bühne passiert.", "Die haben mächtig Stimmung reingebracht, haben Sinn für Humor", "...war sehr abwechslungsreich", "Die Lichtschau ist einfach klasse!" -

Und was mir in den Gesprächen noch auffiel, dass bei der Frage nach Titeln zuallererst die Eigenkompositionen von WIR genannt werden. Wolfgang Ziegler, der als Band-Chef, Sänger, Keyboardspieler und Gitarrist für alle Kompositionen verantwortlich zeichnet (Texte vorwiegend Fred Gertz), versteht es, zarte verhaltene Töne ebenso wirkungsvoll einzusetzen wie Klangbilder aus der "Hard-Rock-Kiste", und seine Stimme besitzt eben diese Gestaltungsbreite, die ihm ein Laut und Leise, die ihm auch Zwischentöne gestattet. Zugegeben! Dennoch gestatte ich mir die Anmerkung, dass Lieder (von Ziegler/Gertz) wie "Glaube mir", "Da schlug die Flamme" und vor allem "Du hast immer bei mir ein Zuhaus" für mich ausgesprochen WIR-typische, schöne Lieder sind, die ihre Wirkung durch die gelungene Synthese von Komposition und Text, durch die ausdrucksstarke Interpretation von Wolfgang Ziegler beziehen. Natürlich, Einzeltitel. Für das Programm aber sind solche wie "Eisberg" (Ziegler/Kühne), "Laßt mir meine Träume" (Ziegler/Gertz) - ausgesprochen rockige also - genauso wichtig; oder auch "Mensch wie die Zeit vergeht" (Ziegler/Höft), ein Blues, der Erinnerungen an Schulzeit, Streiche, erste Liebe (?) auskramt, alles in Dialogform (Ziegler, Falkenhagen), mit Texteinfällen, die Reaktionen wie "Ja, genauso war's" bewirken, und nie "Ach ja, das war eine Zeit - vorbei", sondern eher Unternehmungsgeist, Lust, Lebensfreude provozieren.

Mit dem Titel "Zeit" (ZieglerZ/Gerlach) - jetzt in neuer Bearbeitung - zeigt die Gruppe wieder eine völlig andere musikalische Seite: stark soundbetont, mit den verschiedensten Keyboard-Klangbildern und -Effekten, eine Art "Sphärenmusik", ohne in eine ausweglosen "Ton-Tümpel" zu geraten; wirkungsvoll unterstützt durch Lichteffekte, die inhaltliches Anliegen des Titels und musikalische Ausführung gleichermaßen unterstreichen. Ein Werk, das sehr von der Verschmelzung musikalischer und optischer Wirkung lebt und auf der Scheibe nicht so viel hergibt.
Was mir beim WIR-Konzert angenehm auffällt: Internationale Titel durchbrechen häufig die Programmkonzeption - hier ordnen sie sich bereichernd ein (z.B. solche von Manfred Mann oder Bob Dylan). Nun, man kann zu Gags auf der Bühne stehen wie man will, wenn es billiger Klamauk wird, muss ich auch passen oder bin peinlich berührt. Dieses Gefühl beschlich mich bei WIR nie; ob "Tanz" zu Tschaikowskis Schwanensee-Musik oder Parodie auf ihre eigene "Gartenparty" (im Gesangsstil der Comedian-Harmonists). Was immer einmal beweist: Man kann vieles machen, es kommt nur darauf an, wie's gemacht wird! Ausgesprochen gut auch das Einbeziehen des Publikums, ob bei einer "Lektion in Rhythmik" oder Aufforderung zum Mitsingen (auch einzeln ins Mikro) - der Saal ist dabei!

Ein Programm ohne Makel? Nun, sicher gibt es Kleinigkeiten (das ist "gesund"), von Konzert zu Konzert unterschiedlich; sicher gibt es eine Tagesform jedes einzelnen Musikanten, wichtig ist nur, ob man sich von ihr beherrschen läßt oder sie beherrscht. Eine solche Kleinigkeit (weil abzustellen) ist für mich das zu lange Schlagzeugsolo (fiel mir bisher in jedem WIR-Programm auf); so geht Spannung verloren, geht der gute dramaturgische Aufbau des Solos gen Ende flöten.
Aber wichtiger scheint mir zu nennen, was (neben bereits Gesagtem) wesentlich für die Tragfähigkeit für den Erfolg des jetzigen WIR-Konzertprogramms ist: Kern und Motor der Gruppe, ständig in Aktion, voller Energie, Spielfreude, keine Minute im Abseits, immer im Mittelpunkt, ohne sich in den Vordergrund zu spielen - Wolfgang Ziegler! Seine Ausstrahlungskraft wirkt ungemein stimulierend auf die Musikanten, reißt sie mit, läßt sie zurückgeben, selbst geben, Spontaneität entwickeln. Das will keine Herabsetzung sein, im Gegenteil - die drei machen mit, wie man es sich nur wünschen kann. Man sollte zwar mit solchen Behauptungen vorsichtig umgehen, dennoch wage ich sie: Hier "kann" jeder mit jedem, spielt jeder mit jedem und keiner gegen den anderen! Normal? Keineswegs! Es sollte so sein. Apropos normal, unter drei Zugaben kamen die Musikanten nie von der Bühne, unterstützt nicht zuletzt von einer bis zum letzten Zugabetitel durchdachten Lichtkonzeption (Hans-Jürgen Sorge); Zufälle, Effekthascherei sind hier ausgeschlossen. Spätestens an dieser Stelle muss bemerkt werden, dass auch der Ton (Klaus-Dieter Krause, Klaus Werner) bei WIR stimmt; wenn man von einem guten Live-Sound spricht, sollte man WIR bei der (kurzen) Aufzählung nicht vergessen.

Die Vier von WIR! Ein Kennenlernen in so kurzer Zeit - sinnloses Unterfangen. Also Beobachtungen am Rande:

- Nach dem Konzert -
Ein Kapitel Musikantenpsychologie für sich. Übrigens, wer Musikanten auf der Bühne erlebt, nach dem letzten Lied, scheinbar erschöpft, der wird überrascht sein, sie nach kurzer (oder keiner) Erholungsphase wieder "voll da" zu sehen. Ob beim geduldigen Autogrammgeben, bei der Fahrt zurück ins Hotel (und folgendem oft ausgedehten "Abendmahl") oder beim Diskutieren über's Konzert, über Musik (nicht nur die eigene), über... Musikantenwitze; Gags und Sprüche kommen bei all dem natürlich nie zu kurz.

- Tagesablauf -
Er gestaltet sich während einer Tournee zumeist recht eintönig (wenn nicht eine Autopanne oder ähnliche für Abwechslung sorgende Zwischenfälle die Sache ein bisschen würzen). Beim Frühstück kann man dann beobachten, wie gesund Musikanten leben: zwei Glas Milch jedenfalls sind keine Seltenheit. Auch gibt es nicht wenige, für die ohne einen Blick in die Tageszeitung der Tag gar nicht so richtig anfängt. Vor der Abfahrt zum nächsten Spielort schafft man es vielleicht gerade noch in den nächsten Buchladen (Modesalon oder Anglerbedarf). Der Rest ist "Routine": Autofahrt, Aufbau, Anspielen, Lichtcheck und schließlich - Konzert. Und was ist eine Band heute ohne ihren organisatorischen Leiter, der z.B. für Muggen, Hotelzimmer und Werbung sorgt. Wolfgang Schubert hat die WIR-Geschäfte fest im Griff.

- Wenn Musikanten heimwärts fahren -
Nach einer Tournee, worauf freut man sich? Ganz einfach auf "Das Zuhause", auf scheinbar banale Dinge, die im Musikantenalltag mitunter zur Seltenheit werden: Musikhören (WIR-Vorlieben sind u.a. Bach, Prokofjew, Manfred Mann, Stevie Wonder, Jazz-Rock), Lesen, gutes Essen, mal Fernsehen, Blumen pflanzen, Angeln gehen...

- Was sonst noch passierte? -
...von Pannen auf der Bühne bis zu so ausgefallener kurioser Fanpost wie: "Lieber Wolfgang Ziegert! Eure Gruppe Kreis gefällt mir sehr gut, besonders der Titel 'Über sieben Brücken musst du geh'n'."... Damit möchte ich meinen Bericht über die Puhdys abschließen und ihnen noch viele so schöne Titel wünschen wie "Das Zweigroschenlied" oder "Der King vom Prenzlauer Berg". Auf ihren nächsten Auftritt in der Sendung "Polizeiruf 110" freue ich mich schon sehr... (!)




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"