Portrait aktuell: Gerhard Zachar (Gruppe LIFT)
(aus Melodie & Rythmus 10/1976)

Nach unserem Gespräch legte ich noch einmal die Gerhard Zachar Titel "Regentag" und "Vo Thi Lin" auf. Sie bestätigten seine Worte: "Es sind Aufnahmen, die den Zuhörer fordern. Sie bieten sich nicht im Vorübergehen an."
In der Tat, beide Singles (455 986 und 455 840) mit "Regentag" und "Vi Thi Lin" sind heute noch hörenswert. Ein Grund dafür könnte darin zu sehen sein, dass sie nicht in Abhängigkeit von aktuellen Modetrends entstanden sind. Zweifellos ist das ein wesentliches Kriterium aller einundzwanzig Titel, die der Dresdener Komponist, Bassgitarrist und Leiter der Gruppe LIFT von 1969 bis heute geschrieben hat. Anders gesagt: Die Jagt nach kommerziell trächtigen Klischees liegt Gerhard Zachar nicht. Das er sich damit bewusst aus dem Ringen um vordere Hitparadenplätze heraushält, hat sein Für und Wider. Doch Zachars Einstellung zu diesen Fragen lässt sich nicht einfach umkrempeln. Ihn muss etwas bewegen, bevor er zur Feder greift.

Gerhard Zachars große Liebe gilt dem Wohl und Wehe der Gruppe LIFT. Wenn Wolfgang Scheffler seinen Armeedienst absolviert hat, ist daran gedacht, mit zwei Keyboard-Spielern zu arbeiten, um auf diese Weise den Sound wieder durchsichtiger zu gestalten, wie dies u.a. mit Titeln wie "Atlantis" und "Meine Schulden" erreicht worden war.
Obgleich LIFT etliche Metamorphosen hinter sich gebracht hat fällt immer wieder auf, mit welcher Begeisterung die Verwirklichung neuer Ziele in Angriff genommen wird. Die damit verbundene Einstellung zieht sich wie ein roter Faden durch Zachars bisherigen Lebensweg. Bereits als fünfzehnjähriger musizierte er in diversen Amateurbands, erprobte sich auf Saxophon, Gitarre, Piano und Orgel: Dies alles geschah in seiner Heimatstadt Glauchau, wo er am 8. Oktober 1945 geboren wurde. Sein Interesse an allen musikalischen Fragen führte ihn 1965 in die Hörsäle der Martin Luther Universität Halle, wo er in der Fachrichtung Pädagogik drei Jahre Musik und Geschichte studierte. Die Möglichkeit, bei einer Profi-Band "einzusteigen", ließ er nicht ungenutzt verstreichen; außerdem bot sich in Dresden eine Chance, das Diplom an der Musikhochschule im Abendstudium nachzuholen.

1971 war es dann soweit: Als Pianist- ausgebildet von G. Hörig und M. Pieper in der Tanzmusikklasse der Dresdener Musikhochschule - schloss er sich einer Gruppe an, aus der das Dresden-Sextett und später Septett hervorgehen sollte. Auf Grund seiner organisatorischen Fähigkeiten fiel ihm bald die Rolle des Leiters zu. Damit nicht genug, griff Gerhard Zachar in dieser Zeit häufiger als zuvor zur Feder. Von seinen Kompositionen ("Dann bist du da", "Schwarze Gedanken", "Zum Nachdenken") setzte sich insbesondere das erwähnte "Vo Thin Lin" durch, das eine hörenswerte Synthese aus klassischer Musiktradition - die Melodie geht auf Robert Schumann Klavierstück "Armes Waisenkind" zurück - und aktueller Thematik darstellt. Das Thema lag zwar in der Luft - noch tobte der mörderische Krieg in Vietnam -, doch angeregt, es in dieser Form aufzugreifen, wurde Gerhard Zachar durch Klaus Schneider, Chefredakteur Musik vom Berliner Rundfunk.

Zachar bekennt, dass ihm durch die Beschäftigung mit der Thematik die Augen geöffnet wurden und sich seine politische Einsichtigkeit vertiefte. Nachdem Christiane Uffholz (heute Christiane Wunder) und Franz Bartsch zum Dresden Septett gestoßen waren, kam es zu dem bekannten Konzert im Dresdener Hygienemuseum, bei dem die Musiker ihre Umbenennung in Gruppe LIFT offiziell bekannt gaben.
Es wurde viel über diesen Namen geunkt, da sich ein Lift sowohl nach oben als auch nach unten bewegen kann. Doch mit LIFT ging es spürbar aufwärts. Produktionen wie "Komm doch einfach mit", "Jeder Tag ist eine kleine Reise", "Lied zu den Anden" u.a. fanden eine breite Publikumsresonanz. In dieser Zeit entstand auch der bereits erwähnte Titel "Regentag" (Text Joachim Krause) für Christiane Ufholz. Gerhard Zachar schrieb das Arrangement: die Streicher-Einwürfe wurden von Wolfgang Scheffler hinzugefügt.

Die am "Regentag" viel zitierte Einheit von Text und Musik besticht auch bei dem Titel "Meine Schulden" (Text: Frieder Burkhardt). Stephan Trepte erhielt hier die Möglichkeit, angenehme "dunkle Barritontöne" ins Spiel zu bringen. Zusammenfassend wäre zu sagen, dass Zachars Kompositionen durchgängig von liedhaften Elementen, besonders im Melodischen, gekennzeichnet sind. Diese Tendenz lässt sich zurückverfolgen bis zum Schlager Wettbewerb 1966, wo er mit dem "Herbstlied" erfolgreich abschneiden konnte.

Doch zurück in die Gegenwart. Sie brachte LIFT bei der Leistungsschau der Unterhaltungskunst 1975 in Leipzig eine Goldmedallie; eine zweite kam 1976 beim Interpretenwettbewerb in Karl-Marx-Stadt hinzu. Die schöpferischen Kräfte dieser Gruppe - Michael Heubach, Stephan Trepte, Gerhard Zachar, Werther Lohse und demnächst wieder Wolfgang Scheffler - werden gewiss dafür sorgen, dass das Lift-Repertoire weiterhin an Breite und Vielfalt zunimmt, wobei den populären, tanzbaren Diskothekentiteln sicher die größte Aufmerksamkeit gewidmet werden wird.




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"