Die Zöllner: Das Konzept aber tragen alle
(aus Melodie & Rythmus 6/1990, Autor: Waltraud Heinze)

Er ist auch da unwiderstehlich, wo manch anderem jede Spur von Charme vergeht, am für einen Musiker viel zu frühen Morgen, in einer nüchternen Redaktionsstube. Dirk Zöllner aber lächelt mir unter langen Wimpern zu. Also dann:

Die neue LP der "Zöllner" ist da, dem Konzertprogramm aus dem Herbst `89 folgend. Hinkt sie dem nicht ein bisschen hinterher?
Na, sie ist ein wenig zusammen geschoben, enthält alte wie neuere Sachen. Unser eigentliches Konzept ging nicht mehr auf, Texte waren unaktuell geworden über Nacht. Aber wir stehen zu dieser Platte, selbst wenn sie nicht für alles repräsentativ ist, was wir jetzt machen. Deshalb haben wir AMIGA auch nur die Rechte für die DDR gegeben.

Aber gab es nicht gerade für die ZÖLLNER nach eurem Auftritt vor Vertretern der "Looking-East"-Konferenz gesteigertes Interesse von westlicher Seite?
Mag sein. Doch der Knackpunkt scheint unsere große Besetzung - wir sind immerhin zwölf Leute auf der Bühne. Wir waren jetzt zum Beispiel auf der Suche nach Major-Firmen für die nächste Plattenproduktion. Doch das Interesse ging nur soweit, dass sie wohl nur mit mir produziert hätten, weil eine so riesige Band zu aufwendig ist. Die Zöllner sind ein Team. Ich stehe zwar vorn, auch mit meinem Namen, das Konzept aber tragen alle - und allen voran Andre Gensicke als Komponist. Inzwischen ergab sich, dass wir die nächste LP wahrscheinlich in einer Koproduktion zwischen dem Rundfunk der DDR und einem kleinen Label drüben realisieren werden, noch in diesem Jahr.

Nun ist ja in einer Zeit wegfallender Subventionen für Jugendklubs und Kulturhäuser sicher auch die Angebotslage gerade für solch eine Band wie eurer nicht rosig, was die Live Auftritte betrifft.
Bisher spüren wir keinen so großen Unterschied zu früher. Sicher, es sagen hier Veranstalter ab, dafür aber kommen Angebote von der anderen Seite. Wir haben zu tun und sind alle auch in der Lage, uns in verschiedene andere, kleinere Projekte einzubringen. Grund für Existenzangst sehe ich nicht. Vielmehr ist da die Befürchtung, dass unter dem Diktat des Kommerzes nicht nur berechtigterweise Mittelmaß einfällt, sondern auch Avantgardistisches. Was uns betrifft, sind wir immer ein idealistisches Unternehmen gewesen. Es war vorher nicht leicht, mit zwanzig Leuten (die Technik eingeschlossen) unterzukommen, ist es jetzt nicht und wird es nie sein.

Manche Texter verspüren eine Art Läuterung, werfen alles Vorhergehende weg. Wie geht es dir als Texter?
Ich hab da keine Grundkonzeption, finde aber nach wie vor unterhaltende, leichte, lockere Sachen auch unheimlich wichtig. Diese Martyrer-Art, die man sich aufsetzt um zu zeigen, man ist politisch engagiert, liegt mir nicht. Ich glaube, politische Engagement schließt nicht unbedingt Optimismus und Lockerheit aus. Ich möchte auch nicht zu den Helden gehören, die jetzt wie verrückt in den Wunden bohren. Ich schreibe jedenfalls nicht danach, was andere von mir erwarten, oder was Kritiker und Leute aus der Szene an Qualität messen. Musik und Texte der Zöllner waren immer so, wie wir´s empfanden, was wir für Menschen sind. Ich bin nun mal kein Typ aus'm Prenzlauer Berg. Ich kenne Leute von Bands, die wohnen bei Papa auf`m Wassergrundstück, surfen den ganzen Tag und gehen dann in den Probenkeller und singen davon, wie furchtbar die grauen Wände auf sie einstürzen. Umdenken, größer denken, müssen wir wohl alle. Wir bewegten uns vorher in Grenzen. Schrieben wir über andere Länder, globale Probleme, klang das oft schwulstig, einfach weil uns der wirkliche Einblick fehlte. Das wird sich ganz natürlich ändern...

Wie ist es um den Zusammenhalt zwischen den Musikern bestellt, der ja im Herbst `89 erstaunlich stark war und sicher auch stark machte?
Vielleicht ist er hier in Berlin noch am stärksten, wo ja auch der Verband "Musik Szene" initiiert wurde. Republikweit gedacht scheint er sich nun doch in die künftigen Länderstrukturen aufzusplittern. Zusammenhalt wäre heute vielleicht noch wichtiger als früher. Nicht so sehr zur Beschaffung von Studioterminen oder LO-Reifen, sondern um Werte rüberzuretten. Zum Beispiel, das deutschsprachige Produkte gepowert werden. Im Moment habe ich das Gefühl, jeder rennt los, um sich vom großen Kuchen sein Stück zu sichern. Aber das muss jeder für sich entscheiden.




Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"