Von "Pferden und hohen Hacken"
Marianne Faithful auf Vinyl






Es muss in der Weihnachtszeit 1965 gewesen sein, als ich den Song das erste Mal im Radio hörte. Damals wusste ich noch nicht, ich war gerade mal 16 geworden und ging zu Theo Schumann und Uve Schikora tanzen, daß die Herren Jagger & Richards "As Tears Go By" als eines ihrer ersten Lieder für die blonde Marianne Faithful geschrieben hatten, die schon ein Jahr vorher damit einen Hit landen konnte. Die Marianne wiederum kannte ich durch "Come And Stay With Me", das ich damals selbst zur Gitarre sang. Diese beiden Lieder sind jetzt beinahe 50 Jahre alt und haben, wie viele andere auch, meinem Leben einen bleibenden Stempel verpasst, dessen Prägung noch immer deutlich bei mir zu spüren ist.

Nach mehr als 40 Jahren, im Juli 2009, sah ich die Faithful endlich das erste Mal live in der Zitadelle Spandau. Es war ein unvergessliches Erlebnis (siehe auch meinen Konzertbericht: HIER). Ich habe jede Minute, jeden Song und jede Geste, einem ausgetrockneten Schwamm gleich, aufgesogen und als zum Ende des Konzerts der Regen kam, konnte der mir nichts mehr anhaben, denn all meine Poren waren bereits voll und die Tropfen perlten an mir ab, wie in einer Sauna.

Nun gibt es mit "Horses And High Heels" wieder eine neue Scheibe der Grande Dame, die eine gereifte und an den Höhen und Tiefen des eigenen Lebens stark und einfühlsam gewordene Künstlerin offenbart, aber auch eine Rock-Diva, der irgendwelche Trends oder Styles so ziemlich gar nicht interessieren und dies sollte durchaus positiv verstanden werden. Schon das Cover des Doppel-Vinyls erinnert mich mit seinen grell gemalten Farben an so manch schönes Cover aus den 70ern, statt an heutiges Art-Work. Da bekommt man schon beim Hinsehen Lust und wird neugierig auf das, was sich hinter den "Pferden und hohen Absätzen" wohl verbergen mag.

Der Gegensatz zur Verpackung könnte nicht größer sein. Als ich die Scheibe das erste Mal auflegte, musste ich erst mal innerlich eine Schwelle überschreiten, so sperrig und düster schienen mir die ersten Klänge von "The Stations". Man muss sich auf die Reise sehr bewusst einlassen und wird Stück für Stück von der Stimmung und der zuweilen süßen Schwere eingefangen. Spätestens aber mit der Melancholie von "That's How Every Empire Falls" hat sie mich gefesselt, kann ich ihr folgen, wie in den Jahren zuvor auch. Ich spüre die Gelassenheit, die sich mit dem Biss einer wild gelebten Karriere zu paaren scheint. Am Ende der ersten LP-Seite rockt sie mich in alter Stones-Manier mit einem Soundgewand wie von "Black & Blue" oder "Exile On Mainstreet", als wäre der ex-Freund aus alten Zeiten ihr lasziver Duett-Partner. In der Schlichtheit liegt die zeitlose Größe der einstigen Songs und bei den neuen, wie in diesem Fall, meint man, sie schon immer zu kennen.
Mit "Prussian Love", eine der eigenen Kompositionen, lässt sie mich in diesem Gefühl, das entstanden ist, weiter schwelgen. Ihr stimmungsvoller und rauer Gesang wechselt sich mit dem Spiel einer beinahe "oldmodischen" Orgel ab. Sie spielt mit den Mitteln und hält sich dezent im Hintergrund, während die Instrumente im Vordergrund agieren. Wenn man diese pralle Lust am Leben in den Songs hört, mag man nicht glauben wollen, was für höllische Tiefen und Talfahrten in dieser Stimme mitschwingen, mit der sie da so leicht spielerisch umgeht. Dem Klassiker "Love Song" von Lesley Duncan gewinnt sie auf diese Weise völlig neue Nuancen ab und wer die Faithful swingen hören möchte, der verweile bei "Gee Baby". Es gibt nicht viele, die sich an solche so unterschiedlichen Klassiker wagen können, ohne sie zu verbiegen und ihnen gar, wie im Falle von Carole King's "Going' Back", ein überraschend neues Leben einzuhauchen vermögen. Ihr Stil ist es, verzichten zu können, ohne zu verunstalten und den Melodien einfach nur ihre eigene Seele zu lassen, diese Songs nur durch die ihr eigene Weise zu interpretieren, neu zum Leben zu erwecken. Das zu können, ist wie großes Theater auf kleiner Bühne.


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Spätestens jetzt bin ich in dieser Melange aus schwelgender Schwermütigkeit und wechselnden Stimmungen gefangen. Es ist selten, dass ich nach zwei LP-Seiten noch richtig Lust auf eine dritte verspüre und dann sogar noch eine Steigerung erlebe. Ich lehne mich weit zurück und lasse mir auf Seite 3 "Past, Present & Future" sowie den Titelsong "Horses & High Heels" durch meine Ohren spülen. Musik zum Genießen, mit einer süßen Schwere, vergleichbar einer Flasche süffigen alten Weines. Was da passiert, passt zum Glück in keine Schublade, entzieht sich einfach so und doch zwingen die Kompositionen und deren Interpretation durch die Faithful zum Zuhören, unaufdringlich aber bestimmt. Sollte sich gar jemand erinnern können, dass man einst zu guter Pop-Musik auch getanzt hat, darf man dies gern im Rhythmus von "Back In Baby's Arms" und einem slow swingenden Reggae tun, ohne sich verausgaben zu müssen. Olle Slowhand Clapton wird auf diese Nummer sicher neidisch sein. Genau so locker, flockig, ja beinahe verspielt kommt das nachfolgende "Eternity" aus den Boxen geträllert. Doch ehe man gänzlich vergisst, wer da eigentlich die Töne tanzen lässt, holt mich "The Old House" wieder zurück in die Gegenwart. Fast düster, beinahe etwas provozierend und mit einem knirschenden Gitarren-Solo von Altmeister Lou Reed endet diese dritte LP-Seite.

Die CD ist hier am Ende, der Vinyl-Liebhaber darf die Scheibe umdrehen, sich Seite vier auflegen und mit "Fragile Weapon" und "I Don't Wonna Know" zwei weitere Songperlen zu Gemüte führen. Auf diese Weise kann ich noch ein wenig Stimme und Atmosphäre genießen, einem stimmungsvoll fließenden Piano-Solo und einer geilen Gitarre lauschen und weiß außerdem mal wieder, warum Vinyl so schön, so anders und so besonders ist. Marianne sei es gedankt und dankbar bin ich auch, dass ich diese Stimme nach beinahe 50 Jahren immer noch hören darf und mich in dieser Musik sauwohl fühle, mich auch irgendwie selbst wieder finde. Ich liebe diese vier LP-Seiten! Beinahe möchte man meinen, das Alterswerk eines Weltstars vor sich zu haben, doch schnell bringt mich die Hoffnung auf den Gedanken, dass dies noch lange nicht ihre letzte Platte sein möge. Wer so Musik macht, so innovativ mit fremden Material umgeht und das eigene daneben stellen kann, ohne dass man dies wirklich merkt, der sollte noch genug Potential und Kraft für weitere Meisterwerke haben. Das Alterswerk kann noch lange warten.

Wer jetzt immer noch meint, Vinyl wäre out und außerdem schon lange nicht mehr zeitgemäß, dem verrate ich noch, dass dem Doppel-Vinyl neben den beiden Bonus-Tracks auf der 4. Seite darüber hinaus noch ein mp3-free-Download-Coupon beigefügt ist, so dass sich der Vinyl-Freak das Ganze noch komplett als digitale Variante auf den Rechner laden kann. Hab' ich umgehend gemacht und mir dann doch wieder das Vinyl auf den Plattenteller gelegt, um dem Klang der galoppierenden Pferde und der tippelnden High-Heels noch ein weiteres Mal zu lauschen.



Innenseite der Platte